Es ist fast Frühling, Anfang März, als die Kripo das Jugendamt alarmiert. Christian L. halte sich häufig bei Berrin T. und ihrem Sohn auf, lautet die Information an den zuständigen Sachbearbeiter Rainer W. "Wir haben das sehr ernst genommen", sagt der 51-Jährige über ein Jahr später vor dem Landgericht Freiburg aus. Sofort habe er entschieden, einen Hausbesuch zu machen, gemeinsam mit zwei Kollegen.

Jugendamt mit fataler Schlussfolgerung

Er trifft auf Mutter und Sohn. Der Junge liegt in seinem Zimmer – einem Durchgangsraum zum Wohnzimmer, ohne Tür. Er trägt Ohrstöpsel, beschäftigt sich mit einem elektronischen Spielzeug. Etwa eine Stunde spricht W. mit der Mutter, kein einziges Mal kommt der Junge in dieser Zeit ins Wohnzimmer. Das Kind könne "durch die Vorgeschichte" von Christian L. gefährdet sein. Berrin T. reagiert "bockig", erzählt W. im Nachhinein. Als L. schließlich nach Hause kommt, sei auch der "unkooperativ" gewesen. Das Jugendamt vereinbart mit der Mutter, dass L. "nicht mehr bei ihr zu übernachten hat". Und dann kommt, was aus heutiger Sicht eine fatale Schlussfolgerung war: „Ich hatte das Gefühl, dass das eine Lösung ist, mit der wir erst mal leben können.“ Denn längst war der inzwischen Zehnjährige zu diesem Zeitpunkt Opfer von Übergriffen.

Kurz darauf meldet sich der Vermieter, Dietrich Henninges, bei der Polizei. Er wurde hellhörig durch die Nachfrage der Kripo, die zuvor bei ihm vor der Tür gestanden hatte und wissen wollte, ob Christian L. mit dem Kind alleine sei. Als genau das eintritt, alarmiert er die Beamten. Das Jugendamt wird informiert, Mitte März 2017 wird der Junge in Obhut genommen, direkt in der Freiburger Schule, die er damals besuchte. Er weint, drückt sich an seine Lehrerin. Der Mann vom Jugendamt erklärt der Lehrerin, dass "L. anderen Kindern schon wehgetan hat und dass wir ihn schützen wollen und an sicheren Ort bringen wollen." Der Junge weint still vor sich hin. Körperlich oder seelisch untersucht wird er nicht. "Wir haben uns davon keine Erkenntnisse erhofft", erklärt der Sachbearbeiter schlicht. Der Gedanke, dass sich L. längst an dem Jungen vergangen haben könnte, scheint ihm nicht durch den Kopf gegangen zu sein. Schon gar nicht, dass die Mutter selbst daran beteiligt sein könnte: "Ich hatte keinen Anlass, das zu glauben."

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Familienrichterin schickt den Jungen zurück ins Martyrium

Berrin T. wehrt sich gegen die Inobhutnahme. Familienrichterin Sabine Linde-Rudolf soll entscheiden, was mit dem Kind geschieht. Die 57-Jährige wird vor Beginn der Anhörung von Berrin T.'s erwachsener Tochter, der Halbschwester des Jungen, angesprochen. Lindner-Rudolf möge doch dafür sorgen, dass der Junge zurück zu seiner Mutter dürfe. Er wünsche sich nichts mehr, als zurück nach Hause zu dürfen, erzählt die Frau, deren Personalien die Richterin gar nicht erst aufnimmt. Dann tritt Berrin T. auf. Sie erwähnt den Fall Alessio, das beeindruckt Linde-Rudolf. Und nur deshalb sei ihr der Sohn weggenommen worden, habe die Mutter erklärt. "Das deckte sich mit meinen Einschätzungen, seit dem Fall Alessio gab es viele Inobhutnahmen, über die wir entscheiden mussten", sagt die Richterin.

Sie wirkt nervös im Gerichtssaal, in dem sie nun selbst als Zeugin gehört wird, spricht erst laut, dann wieder mit erstickter Stimme. Es liegt eine Anzeige gegen sie vor, wegen Rechtsbeugung. Aber Richter können nur in besonders schweren Fällen belangt werden, andernfalls sind sie geschützt. Dieselbe Frau, die nun auf der Anklagebank rechts von ihr sitzt, habe bei ihr im Familiengericht den Eindruck erweckt, das Jugendamt wolle ihr "ihr kleines Familienglück nehmen". Der Vater des Jungen war ein Drogenabhängiger, er starb kurz nach der Geburt des Kindes an einer Überdosis. Es war der Beginn der Betreuung Berrin T.'s durch das Jugendamt.

Jahre später findet sie mit Christian L. einen neuen Partner. "Zum ersten Mal war da eine Art Papafigur für den Jungen", erzählt die Familienrichterin. Und wie Berrin T. beschrieben hat, wie schön sie es finde, dass ihr Junge nun ein "normales Leben" habe könne. Die Mutter habe so ausgesehen wie heute, "etwas schmaler", aber sie "hat sich nicht sonderlich zurechtgemacht" für die Anhörung. Lindner-Rudolf findet das "so authentisch, so echt", die Mutter habe sich gezeigt, wie sie ist. Und Christian L. habe ja nur was mit Mädchen gehabt. Zudem liegt eine positive Sozialprognose für ihn vor. Die hat die Richterin nicht selbst eingesehen, ebenso wenig wie das Urteil des vorbestraften Sexualstraftäters. "Für mich stellte sich die Problematik gar nicht." Berrin T. habe ihr glaubhaft versichert, dass sie ihren Sohn schütze, nicht mit L. alleine lasse: "Sie war für mich die liebende, kämpfende Mutter."

Der Junge wird zurück zur Mutter geschickt. Trotzdem erteilt die Familienrichterin Auflagen. Berrin T. soll sich psychologische Hilfe suchen, sie litt schon früher unter Depressionen und nahm Medikamente. Ein Gutachten zur Erziehungsfähigkeit soll erstellt werden – etwas, was das Jugendamt in all den Jahren der Betreuung nie beantragt hat. Obwohl der Junge auffällig dünn war und extrem schlechte Milchzähne hatte, schon im Kindergarten entwicklungsauffällig war und in der Schule Wutausbrüche hatte, die Lehrer das Jugendamt in Kenntnis setzten. Doch zu all dem kommt es nicht, weil Berrin T. eine Woche nach der Entscheidung Widerspruch einlegt. Der Fall landet beim Oberlandesgericht, die Auflagen sind hinfällig.

Jugendamtmitarbeiter entschuldigt sich

"Aus heutiger Sicht haben wir die Inobhutnahme leider beendet, es tut mir leid für den Jungen, ich hätte mir gewünscht, dass wir ihn besser schützen können", sagt der Sachbearbeiter vom Jugendamt. Im April ist der Junge wieder zu Hause in Staufen. Anfang Juni informiert die Lehrerin das Jugendamt über eine Geschichte, die er einem Mitschüler auf dem Heimweg im Schulbus erzählt habe: dass er sich nackt ausziehen muss vor L.

Sachbearbeiter W. hält das für einen "vagen Hinweis", tut erst einmal nichts, informiert auch nicht die Polizei über den Anruf der Schule. Erst Mitte Juli kontaktiert er die Fachstelle gegen sexuellen Missbrauch "Wendepunkt", um sich die Einschätzung von Fachleuten zu holen. Mehr als das Angebot einer Präventionsveranstaltung in der Schule will W. nicht bekommen haben. Der Rektor der Schule hakt nach, will wissen, ob man die Hinweise der Lehrerin überprüft habe. Der Sachbearbeiter hat ihn nicht an die Polizei weitergegeben. Prüft auch nicht, ob Christian L. weiter bei Berrin T. ist. Nach den Sommerferien, sagt der Jugendamt-Mitarbeiter, hätte er das mit der Veranstaltung in der Schule angesprochen. Aber da sei Christian L. ja schon festgenommen worden.