Wirtschaft Politikwissenschaftlerin über Katalonien: "Ohne den Euro wird es schwer"

Die Konstanzer Politologin Friederike Luise Kelle beurteilt die wirtschaftlichen Chancen eines unabhängigen Staates Katalonien

Frau Kelle, die Separatisten in Katalonien heben zur Begründung ihres Rechts auf Unabhängigkeit ihre eigene Kultur und ihre eigene Sprache hervor. Geht es ihnen nicht eigentlich nur ums Geld, weil sie keine Steuern mehr nach Madrid überweisen wollen?

Diese beiden Argumente sind nicht unabhängig voneinander und wirken als Mobilisierungsfaktoren zusammen. Zum einen ist Katalonien in seiner Kultur, seiner Geschichte und seiner Sprache verschieden von Spanien. Zum anderen ist Katalonien ökonomisch produktiver als der Rest des Landes. Die Dynamik entsteht aus dem Zusammenspiel beider Faktoren. Der Wunsch nach Selbstbestimmung existiert schon seit fast 400 Jahren. Die Kritik am Länderfinanzausgleich ist dagegen ein neueres Phänomen. Insofern kann das ökonomische Argument allein nicht ausschlaggebend sein.

Aber würde sich Katalonien nicht wirtschaftlich ins eigene Fleisch schneiden? Schließlich haben schon über Tausend Firmen als Reaktion auf die drohende Unabhängigkeit ihren Sitz in Städte außerhalb von Katalonien verlegt.

Bisher handelt es sich dabei meist nur um eine Änderung der Unternehmensadresse. Das ließe sich schnell wieder rückgängig machen. Die Wirtschaft kann dadurch Druck auf die Politik ausüben. Ökonomisch ist es sicherlich eine nachvollziehbare Strategie, erstmal seine Schäfchen ins Trockene zu bringen und die Rechtsunsicherheit einer möglichen Unabhängigkeit Kataloniens zu umgehen.

Hat denn Katalonien eine Chance, als kleines Land in einer globalisierten Welt sein Wohlstandsniveau zu halten?

In EU haben es kleine Länder sehr gut, weil für sie der gesamte europäische Binnenmarkt zugänglich ist. Als unabhängiges EU-Mitglied hätte Katalonien gute Chancen auf weiteres Wachstum, zumal sie dann den Euro als Währung weiternutzen dürften. Ohne die EU-Mitgliedschaft mit dem Wegfall des Euro, von Zollfreiheit und Subventionen wäre es ungleich schwerer, weil es dann eine eigene Währung und eigene Handelsabkommen mit den anderen europäischen Ländern bräuchte.

Könnte Katalonien nicht eine Art Schweiz werden, also ein reiches europäisches Land ohne EU-Mitgliedschaft?

Das wird schwierig. Denn die Schweiz ist aus einer langen Geschichte in diese Rolle hineingewachsen. Katalonien hat andere Rahmenbedingungen.

Wie könnte der Katalonien-Konflikt gelöst werden?

Beide Seiten müssen von ihren Maximalforderungen abrücken. Es gibt eine große Bandbreite zwischen der Unabhängigkeit und dem Status quo. Katalonien könnte mehr Autonomie von der Zentralregierung bekommen. Vorbild könnte ein föderales System wie in Deutschland oder Kanada sein, wo die Bundesländer und die Regionen eine große Entscheidungsfreiheit haben.

Könnte der Funke von Katalonien auf andere europäische Regionen mit separatistischen Tendenzen springen und einen Dominoeffekt auslösen?

Das lässt sich nicht ausschließen, ist aber unwahrscheinlich, insbesondere da es zur Zeit noch nicht klar ist, wie innerhalb der EU damit umgegangen werden würde. Abhängig ist das auch vom aktuellen Umfang autonomer Rechte und der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Region: Südtirol hat bereits eine weitgehende Autonomie, Korsika ist wirtschaftlich zu schwach. Schottland und Flandern verfügen über ein hohes Maß an Autonomie, doch hier spielen wirtschaftliche Bedenken eine große Rolle.

Also ist der Katalonien-Konflikt bisher noch keine Gefahr für die gesamte EU?

Nein. Nur wenn die Situation in Spanien massiv eskaliert und bürgerkriegsähnliche Zustände ausbrechen würden, wäre die europäische Sicherheit betroffen. Dann würde sich die EU in den Konflikt einmischen. Bis dahin ist das völkerrechtlich ein internes spanisches Problem.

Fragen: Thomas Domjahn

Zur Person

Friederike Luise Kelle, 29 Jahre, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Internationale Politik an der Universität Konstanz. Nach dem Abitur in Weimar studierte sie zunächst Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin und an der Princeton University (USA). Danach begann sie ihre Promotion an der Universität Konstanz, die sie in diesem Jahr abschloss. Ihr Fachgebiet ist die Analyse von Forderungen nach Selbstbestimmung. (td)

Die wirtschaftliche Konflikt-Dimension

  • Länderfinanzausgleich: Katalonien zählt zu den reichsten Regionen Spaniens. Mit einem Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 224 Milliarden Euro erwirtschaftet Katalonien fast 20 Prozent der spanischen Wirtschaftsleistung. Das BIP Kataloniens ist höher als das BIP mancher EU-Länder wie Finnland oder Portugal. Ähnlich wie beim deutschen Länderfinanzausgleich ist Katalonien in Spanien Nettozahler, zahlt also, gemessen an seiner Wirtschaftsleistung, mehr ein, als es zurückbekommt, um die ärmeren Regionen wie zum Beispiel Andalusien zu unterstützen. Katalonien ist sozusagen das Baden-Württemberg Spaniens.
  • Wegzug von Unternehmen: Die Großbank Caixabank hat Katalonien bereits den Rücken gekehrt. Der Sitz des Instituts wurde nach Valencia verlegt. Mit 32 400 Mitarbeitern und einer Bilanzsumme von 357 Milliarden Euro ist die Caixabank das größte Unternehmen, das angesichts der Turbulenzen aus Katalonien abwandert. Zuvor hatte bereits die Banco Sabadell einen Umzug nach Alicante angekündigt.

Thomas Domjahn

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