Update, Freitag, 6. März: Das Robert-Koch-Institut hat nach Veröffentlichung dieses Artikels am Donnerstagabend, 21 Uhr, Südtirol in die Liste der Risikogebiete aufgenommen. Das Institut aktualisiert stetig seine Informationen zu Risikogebieten im Zusammenhang mit dem Corona-Virus. Weitere Informationen unter: www.rki.de

Mindestens 39 der Corona-Patienten in Baden-Württemberg haben sich in Südtirol angesteckt – also mehr als ein Drittel der landesweit bekannten 89 Fälle. Auch die neuesten Fälle im Bodenseekreis und im Kreis Ravensburg sind auf Südtirol-Reisen zurückzuführen. Zudem wurde in den Niederlanden ein Fall bekannt, bei dem sich eine vierköpfige Familie in Südtirol infizierte. Trotzdem gilt die Region bislang offiziell nicht als Risikogebiet. In Deutschland ist das Robert-Koch-Institut für solche Einstufungen zuständig. Von dieser Expertise hängt auch ab, ob gebuchte Urlaube kostenlos storniert werden können – gilt wie derzeit für Südtirol keine Reisewarnung, haben Urlauber eher schlechte Karten.

Auf Anfrage reagiert das Institut zunächst abwehrend. Man könne nicht darüber spekulieren, ob einzelne Regionen zu Risikogebieten erklärt würden. Die Institutssprecherin Susanne Glasmacher deutet an, dass solche Diskussionen die ohnehin bestehende Hysterie bei vielen Menschen noch unnötig schüren könnte.

Aus dem Landesministerium für Soziales klingt auf Nachfrage des SÜDKURIER durch, dass es beim Robert-Koch-Institut offenbar „durchaus Überlegungen“ gebe, die Region zum Risikogebiet zu erklären. Ein Sprecher sagt dem SÜDKURIER, dass besonders aus dem Skigebiet Wolkenstein im Grödner Tal mehrere Corona-Infizierte nach Baden-Württemberg zurückgekehrt seien. Sie stammen den Angaben zufolge aus unterschiedlichen Landkreisen und unterschiedlichen Reisegruppen.

Mehrere Kriterien ausschlaggebend

Doch von welchen Kriterien hängt es ab, ob eine Region zu einem Risikogebiet erklärt wird? Das Robert-Koch-Institut definiert das so: „Risikogebiete sind Gebiete, in denen eine fortgesetzte Übertragung von Mensch zu Mensch vermutet werden kann.“

„Es ist nicht möglich, zum Beispiel von einer bestimmten Fallzahl auszugehen“ erklärt die Pressesprecherin des Robert-Koch-Instituts, Susanne Glasmacher. Stattdessen komme es „immer auf die konkrete Situation an“, macht sie deutlich.

Tests nicht von Risikostufe abhängig machen

Demnach bewerte das Institut die Situation anhand verschiedener Kriterien. Dazu gehören die Erkrankungshäufigkeit, die Dynamik der täglich gemeldeten Fallzahlen sowie vor Ort getroffene Maßnahmen wie die Quarantäne ganzer Städte oder Gebiete, aber auch „exportierte Fälle in andere Länder oder Regionen“ gehörten dazu, erläutert die Sprecherin weiter.

Das Robert Koch-Institut mit Sitz in Berlin schätzt in Deutschland die Lage zur neuen Lungenerkrankung Covid-19 ein.
Das Robert Koch-Institut mit Sitz in Berlin schätzt in Deutschland die Lage zur neuen Lungenerkrankung Covid-19 ein. | Bild: Paul Zinken/dpa

Ob sich Menschen testen lassen sollten, hänge jedoch nicht davon ab, ob sie in einem Risikogebiet waren, betont Glasmacher. Vielmehr reiche es aus, ob der Betroffene in einem Gebiet war, in dem es bereits Fälle gegeben habe, und ob er Symptome zeige.

Auswärtiges Amt zurückhaltend

Derzeit besteht keine offizielle Reisewarnung für Südtirol. Zuständig dafür ist das Auwärtige Amt. Dort gibt man sich zurückhaltend. Eine Reisewarnung hänge von vielen Faktoren ab, „unter anderem die Risikobewertung des Robert-Koch-Instituts„. Einen festen Kriterienkatalog gebe es für solche Warnungen aber nicht, heißt es aus weiter. Ob eine Reisewarnung für Südtirol geplant ist, lässt die Behörde unbeantwortet.

Zentral für eine Reisewarnung sei die Frage der Sicherheit der deutschen Staatsangehörigen vor Ort. Dazu gehöre beispielsweise auch die „Verfügbarkeit von Transportmöglichkeiten zur selbstständigen Ausreise“. Grundsätzlich werden Reisewarnungen ausgesprochen, wenn eine „Gefahr für Leib und Leben“ deutscher Staatsbürger bestehe.

Warum Italien?

Derzeit gelten nach den Kriterien des Robert-Koch-Instituts in Italien die Regionen Emilia-Romagna, die Lombardei sowie die Stadt Vo in der Provinz Padua in der Region Venetien als Risikogebiet. Weshalb das Virus dort Fuß fassen konnte und sich so schnell ausbreiten konnte, will die Sprecherin des Robert-Koch-Instituts nicht beantworten: „Die Situation in Italien können wir nicht einschätzen.“

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