Es ist ein Novembermorgen, als ein Vater aufgelöst in der Schule seiner Tochter erscheint. Mohamed O. kommt gerade von der Polizei, wo er seine 15-jährige Tochter als vermisst gemeldet hat. Noch zwei Tage zuvor standen die Beamten bei ihm vor der Tür. Mit dem Hinweis, dass es sein könnte, dass Sarah O. vorhabe, nach Syrien auszureisen. „Das kann nicht sein“, soll er damals den Polizisten gesagt haben. Er ging zur Arbeit. Als er am Abend des 31. Oktober 2013 nach Hause zurückkehrte, war Sarah nicht mehr da. Am Morgen danach erklärt er der Schulleitung, dass seine Tochter wohl vorerst nicht mehr zum Unterricht erscheinen würde.

Was war geschehen? Sechs Jahre später soll Vater Mohamed Aufklärung bringen, als Zeuge aussagen. Seine Tochter ist angeklagt vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf – wegen der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, wegen Kriegsverbrechen gegen das Eigentum, wegen Menschenhandels und Freiheitsberaubung. Doch Mohamed O. wird nicht kommen an diesem Tag. Auch nicht an einem der weiteren Prozesstage. „Der Vater kommt überhaupt nicht. Er muss ja nicht aussagen und wird es nicht“, erfährt der SÜDKURIER von Sarahs Anwalt Ali Aydin. Mohamed O. macht Gebrauch von seinem Aussageverweigerungsrecht als Angehöriger.

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Doch was sagt das über seine Rolle in diesem Drama? Hat er Sarahs Verhalten zunächst gutgeheißen? Dem Landesverfassungsschutz liegen Hinweise vor, dass der Vater mindestens „ambivalent“ war, was die Entwicklung seiner Tochter betraf – von der schäkernden Schülerin, die im Bikini ins Schwimmbad ging und mit Jungs herumalberte, zur schwarz verhüllten strenggläubigen Muslima, die falschen Dogmen folgte.

„Sarah hat schon immer gemacht was sie wollte“

Damals, als Sarah O. gerade verschwunden war, spricht Mohamed O. noch mit Journalisten. Er gilt als strenggläubig, er betet, wenn er nach Hause kommt, nach Möglichkeit auch bei der Arbeit. Medien, mit denen er sprach, beschreiben ihn als Muslim, der sich selbst nicht als radikal sieht.

Er hat wohl nicht geglaubt, dass seine Tochter weggeht. Und wäre er nicht als Grenzgänger zum Arbeiten in der Schweiz gewesen, wäre das alles auch nicht passiert, sagt er damals. Aber: „Sarah hat schon immer gemacht, was sie wollte“, zitiert ihn die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Blick von außen auf das Hochsicherheitsgebäude des Oberlandesgerichts Düsseldorf. Hier findet Sarah O.‘s Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.
Blick von außen auf das Hochsicherheitsgebäude des Oberlandesgerichts Düsseldorf. Hier findet Sarah O.‘s Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. | Bild: Mirjam Moll

Hat Sarahs Vater zu ihrer Radikalisierung beigetragen?

Doch der gläubige Muslim fand es gut, dass seine Tochter sich plötzlich nicht mehr schminkte, sich verhüllte mit Kopftuch und Gewand. Fand er es auch gut, dass seine Tochter der Propaganda des IS folgte? Dass sie begann, brutale Videos der Terrormiliz zu Hause auf ihrem Computer anzusehen? Die Ermittler des Landesverfassungsschutzes glauben jedenfalls nicht, dass Mohamed O. damals in der Lage war, die Situation wirklich zu reflektieren. Es gab Probleme in der Familie, mit der jüngeren Schwester Sarahs, mit der erkrankten Mutter – einer Schwäbin, die zum Islam konvertierte. Der Tenor: Der Familienvater habe sein Päckchen zu tragen gehabt.

Dennoch sind es die Wurzeln des Vaters, die zu Sarahs Radikalisierung beitragen: Sie ändert ihren Geburtsort auf Facebook in Tlemcen, Algerien. Eigentlich ist sie in Donaueschingen geboren. Tlemcen – da ist ihr Vater geboren. Es ist der Ort, an dem sie zwei Jahre vor ihrer Ausreise eine Islamschule über den Sommer besucht. Sarah will damals länger dort bleiben, heißt es. Aber das Konstanzer Humboldt-Gymnasium – genauer gesagt Schulleiter Jürgen Kaz, der im Prozess als Zeuge aussagte – lehnt ab.

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Sarah entfernt sich immer weiter von ihrem Vater

Das Verhältnis zwischen Vater und Tochter beschreiben die Ermittler beim Verfassungsschutz als schwierig. Sarah habe ihn einerseits bewundert, als Patriarch, eine Autoritätsperson. Aber eben deswegen war er auch derjenige, der ihr Dinge verbot, wie länger in Algerien zu bleiben. Mohamed O. will, dass seine Tochter in Konstanz ihr Abitur macht. Doch sein Einfluss schwindet. Sarah nabelt sich damals immer wieder ab. Das berichten auch ihre Mitschüler, die im Prozess aussagen.

Zwei junge Frauen, blond und brünett, steigen aus einem Taxi vor dem Gerichtsgebäude. Sie haben Wanderrucksäcke dabei, gehen zielstrebig ins Gebäude. Die Zeugin, die schon am Morgen in den abgeschirmten Bau mit Sicherheitszaun und Kameras huschte, verschwindet ebenso schnell, wie sie gekommen ist. Mit der Presse will sie offenbar nicht reden.

Hat Sarah ihre Vergangenheit hinter sich gelassen?

Auch der Vater vermeidet inzwischen jeden Kontakt mit den Medien. Wie er wohl heute über seine Tochter denkt? Als Sarah verschwunden war, sagte er: „Der Schmerz ist sehr groß.“ Damals hat er den Boden unter den Füßen verloren. Heute ist es seine Tochter, deren Welt ins Wanken geriet.

Eine Frau, die sich wieder schminkt, die adrett gekleidet vor Gericht erscheint, rank und schlank – und mit Augen hinter der schwarzen Brille, die nicht verraten, was in der heute 21-Jährigen vorgeht. Dieser Tage wird sie mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Ob sie sie hinter sich gelassen hat, muss das Gericht entscheiden. Das dürfte entscheidend sein für das mögliche Strafmaß im Fall eines Urteils. Mohamed O. hat seines womöglich schon gefällt.

Der Fall Sarah O.

Die damals 15-jährige Konstanzerin reiste im Herbst 2013 nach Syrien aus. Schon im Januar 2014 heiratete sie den Kölner Islamisten Ismail S. Die Bundesanwaltschaft wirft ihr vor, für den IS Polizei- und Wachdienste übernommen zu haben. In dem Haus, dessen Besitzer vertrieben wurden, soll sie zwei Frauen und ein Mädchen – Jesidinnen – als Sklaven gehalten haben. Sie mussten auf ihre drei Kinder aufpassen und den Haushalt führen. Im Frühjahr 2018 wurde sie von türkischen Sicherheitskräften aufgegriffen und im September an Deutschland ausgeliefert. Die Kinder leben bei einer Pflegefamilie. (mim)