Wegen der Corona-Krise hat die Landesregierung in Baden-Württemberg fast 400 Werkstätten für Menschen mit Behinderung geschlossen. Betroffen sind etwa 37.500 Männer und Frauen, teilte das Sozialministerium mit. Grund für die Maßnahme sei die Infektionsgefahr in den Werkstätten und bei gemeinsamen Fahrten zu den Einrichtungen. Hinzu komme, dass dort überdurchschnittlich häufig Menschen mit Vorerkrankungen beschäftigt seien. Nur Einrichtungen werden ausgenommen, bei denen Wohnheim und Werkstatt eng verzahnt sind.

Wolfgang Heintschel, Geschäftsführer des Caritasverbands Singen-Hegau, erklärte auf SÜDKURIER-Nachfrage, dass man in Absprache mit dem Landkreis Konstanz entschieden hat, die Werkstätten vom 20. März bis vorläufig 19. April zu schließen. In Singen und Stockach gibt es ihm zufolge ab Dienstag, 24. März, kleine Notgruppen für die Menschen, bei denen eine Versorgung tagsüber zuhause nicht geleistet werden kann.

Mit Verunsicherung konfrontiert

„Wir spürten eine teils aggressive Stimmung aus der Bevölkerung gegen uns“, berichtete Wolfgang Heintschel über die Situation in den vergangenen Tagen. Warum? „Insbesondere Angehörige haben vermehrt und eindringlich nachgefragt, warum wir unsere Werkstätten und Förderstätten nicht schließen.“ Die Antwort sei, dass die Entscheidungsgewalt nicht der Caritas obliege, sondern der zuständigen Behörde, also den Landratsämtern. „Die Schließung einer Werkstätte dürfen wir als Träger nicht im Alleingang vornehmen, weil wir ansonsten massive rechtliche, finanzielle und organisatorische Konsequenzen zu erwarten hätten“, erklärte Heintschel. Man habe einen Versorgungsauftrag zu erfüllen, der nicht einseitig gekündigt werden dürfe. Er spricht von einer Gratwanderung zwischen Versorgungsauftrag und Schutz vor Corona.

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Im Ausnahmezustand ist derzeit auch der Caritasverband Konstanz. „Bisher haben wir aber in keiner Einrichtung einen Infizierten“, sagte Vorstand Andreas Hoffmann. Das Hygienekonzept, das bereits vor Corona Standard gewesen sei, wirke noch. Für Menschen, die nach der Schließung der vier Werkstätten in Konstanz und Radolfzell nicht einfach nach Hause geschickt werden konnten, habe man eine Übergangsbetreuung eingerichtet. Hoffmann betonte: „Wir schicken niemanden, der dann ohne Hilfe wäre, in die Ungewissheit. Neben körper- und geistigbehinderten Menschen haben wir auch über 200 Menschen mit einer psychischen Erkrankung bei uns in den Werkstätten.“

Die Abläufe bei der Pflege zuhause sollen – zumindest erst einmal – so bleiben wie bisher.
Die Abläufe bei der Pflege zuhause sollen – zumindest erst einmal – so bleiben wie bisher. | Bild: Christophe Gateau, dpa

Antworten rund um die Tagespflege: Was Pflegebedürftige und Angehörige wissen müssen

Für Arnold Roschmann, Vorsitzender des Angehörigenbeirats des Wohnheims St. Klara in Singen, kam die Entscheidung der Landesregierung reichlich spät. Zunächst seien die Arbeiten in den Werkstätten für behinderte Menschen nämlich ohne jegliche Einschränkungen weitergegangen. „Es wurde in keiner Weise differenziert, ob ein behinderter Mensch Vorerkrankungen wie Diabetes hat oder chronisch erkrankt ist“, schilderte er dem SÜDKURIER. Dabei würden gerade sie zur Hochrisikogruppe für Covid-19 zählen.

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Neben den Behindertenwerkstätten stellte auch die Tages- und Nachtpflege in Pflegeheimen ihren Betrieb ein. Im Land gab es nach Zahlen von 2017 fast 7400 Tages- und 50 Nachtpflegeplätze. Für den Caritasverband Konstanz bedeutet das laut Andreas Hoffmann, dass auch die beiden Tagespflegen im St. Marienhaus in Konstanz und auf der Insel Reichenau geschlossen sind. „Mit einer sichergestellten Versorgung für Personen, die keine Optionen haben, anderweitig zuverlässig versorgt zu werden“, betonte er.

Pflegekräfte sind weiter im Einsatz

Die Mitarbeiter der geschlossenen Tagespflegen unterstützen Hoffmann zufolge nun die Pflegekräfte in den ambulanten und stationären Heimen. Es seien alle möglichen – teils ohnehin behördlich verordneten – Vorsichtsmaßnahmen wie das Verhängen von Besuchsverboten getroffen worden. Wichtig zu wissen sei aber auch: „Pflegeheime erleben nahezu jedes Jahr die eine oder andere Infektion wie die Grippe oder das Norovirus. Die Pflegekräfte und unsere Hygienespezialisten sind auf solche Situationen vorbereitet und wissen damit umzugehen.“

Eine Pflegerin schiebt eine ältere Frau im Rollstuhl durch einen Flur in einem Seniorenzentrum.
Eine Pflegerin schiebt eine ältere Frau im Rollstuhl durch einen Flur in einem Seniorenzentrum. | Bild: Christophe Gateau, dpa

Was dem Caritasverband Konstanz vielmehr Sorgen bereitet, sind laut Andreas Hoffmann fehlende Medikamente, Schutzausrüstungen und Desinfektionsmittel. Aktuell habe man noch eine ausreichende Versorgung, doch irgendwann werde es eng. „Wie alle hoffen wir hier auf die staatlichen Stellen, die ja bereits tätig sind“, sagte der Vorstand. Eine weitere große Herausforderung seien die Finanzen. Nach Einschätzung von Hoffmann muss mit extrem hohen Ausfällen gerechnet werden. „Leider gibt es für gemeinnützige Unternehmen derzeit noch keinen einzigen ‚Rettungsschirm‘, wir sind dringend auf finanzielle Unterstützung angewiesen.“

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