Anfang 2018 schlug Peter Hauk (CDU), Baden-Württembergs Minister für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz, Alarm und warnte vor der Gefahr durch die Afrikanische Schweinepest für deutsche Mastschweine. Damals gab es erste Ausbrüche der Tierseuche in Polen und Tschechien. Eine Ausbreitung des Erregers nach Deutschland drohte.

Die Stuttgarter Regierung ergriff drastische Maßnahmen. So wurde vorübergehend die Schonzeit von Februar bis April ausgesetzt. Wildschweinbestände sollten stark reduziert werden, um die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung von Tier zu Tier abzusenken.

Ein Jäger steht während einer Treibjagd mit seinem Gewehr schussbereit am Waldrand. B
Ein Jäger steht während einer Treibjagd mit seinem Gewehr schussbereit am Waldrand. B | Bild: dpa

Auch wurde der Einsatz von Nachtsichttechnik bei der Jagd erlaubt, um gezielt weibliche Tiere zu schießen. Ziel war es, die jährliche Abschussquote von durchschnittlich 50 000 Wildschweinen auf bis zu 100 000 alleine in Baden-Württemberg zu steigern. Tierschützer übten teilweise Kritik – zu Recht?

Rekord-Abschüsse erzielt

Tatsächlich kam es im Winter 2017/18 bundesweit zu einem neuen Rekord von mehr als 800 000 Wildschweinabschüssen – 30 Prozent mehr als im Vorjahr. Auch in Baden-Württemberg wurde mit 78 606 geschossenen Wildschweinen ein neuer Höchststand erreicht. Im folgenden Jahr sank die Quote auf 50 000 Abschüsse. Grund: Der Winter war wärmer und nahrungsreicher. Deshalb waren Jagdmethoden, bei denen die Tiere mit Futter angelockt werden, weniger erfolgreich. „Bei milden Wintern ohne Schnee und mit viel Futter in Form von Eicheln oder Bucheckern, ist eine effektive Bejagung sehr schwierig“, sagt Tina Jehle vom Landesjagdverband.

Zwei Frischlinge laufen im einem Wildgehege im Synchronschritt.
Zwei Frischlinge laufen im einem Wildgehege im Synchronschritt. | Bild: dpa

Doch nach wie vor gibt es aber keinen einzigen Fall der Afrikanischen Schweinepest in Deutschland – im Gegensatz zu Nachbarländern wie Polen oder Belgien. Waren die Schutzmaßnahmen also in diesem Umfang notwendig? Oder ist die Lage gar nicht so bedrohlich?

Ministerium: Lage weiter ernst

Das Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz schätzt die Lage weiter als gefährlich ein. „Eine Einschleppung der Afrikanischen Schweinepest in unsere heimischen Wild- und Nutztierbestände durch menschliches Fehlverhalten, insbesondere im Reiseverkehr, ist nach wie vor hoch“, sagt der Minister. „Die jüngsten Entwicklungen in Polen zeigen, dass wir mit unseren Bemühungen zur Verhinderung der Ausbreitung dieser gefährlichen Tierseuche ins Land nicht nachlassen dürfen“, warnt Hauk.

Nur 13 Kilometer von der Grenze

In Polen ist es vergangene Woche nur 13 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt zu einem Ausbruch der Seuche gekommen. Hauk setzt auf Bejagung. „Nach allem, was über die Afrikanische Schweinepest bekannt ist, ist die Absenkung der Schwarzwildbestände eine entscheidende Voraussetzung zur Minimierung der Risiken eines Seucheneintrags und zur Verhinderung einer schnellen Seuchenausbreitung bei einem Ausbruch“, erklärt er.

Die Schweinepest ist seit etwa 180 Jahren als Tierseuche bekannt. Sie wird durch einen Virus übertragen.Wildschweine sind eine gefährliche Ansteckungsquelle.

Auch die Jäger stützen diese Sicht. Als „absolut angemessen“ stuft Tina Jehle die eingesetzten Mittel ein. „Die Ausbreitung und Verbreitung der Seuche vor Ort geschieht über die Schwarzwildbestände. Je höher diese Bestände sind, desto mehr Tiere können sich infizieren und daran sterben“, sagt Jehle. Doch Bejagung alleine reicht nicht. Es sei auch wichtig, tote Tiere rechtzeitig aus dem Wald zu entfernen, da „die Kadaver der verendeten Schweine voller Viren sind, die über Jahre im Erdreich infektiös bleiben und dafür sorgen, dass die Seuche sehr lange in der Gegend grassiert“.

Naturschützer üben auch Kritik

Unterstützung finden die Pläne auch beim Nabu Baden-Württemberg. Rolf Müller, der Fachbeauftragte für Jagd und Wild, stimmt zu, dass man die Risiken nur in den Griff kriegen könne, „indem man, wie vom Ministerium vorgegeben, versucht, die Wildschweinbestände abzusenken, da dadurch die Wahrscheinlichkeit, dass ein verschleppter Virus auf einen Wirt trifft, geringer gehalten wird“. Ohnehin hat „Deutschland eine der größten und dichtesten Bestände der Welt, die auch unabhängig von der Schweinepest reduziert werden müssen“.

Wildschweine schauen in einem Tiergehege in die Kamera.
Wildschweine schauen in einem Tiergehege in die Kamera. | Bild: dpa

Allerdings gibt es auch Kritik von den Verbänden. „Die Maßnahmen des Ministeriums waren mit Sicherheit nicht überzogen, sondern in dieser Schärfe notwendig und richtig. Es gibt aber im Detail einzelne Dinge, die wir Naturschützer kritisch sehen, wie beispielsweise die Aufhebung der Schonzeit oder die Kirr-Jagd“, kritisiert Rolf Müller.

Der Grund: Während der Schonzeit führen die Schweine ihre Jungen mit sich, was die Bejagung schwierig macht. Außerdem fahren Wildtiere in dieser Ruhezeit ihren Stoffwechsel herunter. Durch die Jagd werden sie aber aufgescheucht, wodurch sie einen erhöhten Energiebedarf haben und die Knospen von Bäumen aufbeißen.

Gottfried May-Stürmer vom Bund für Umwelt und Naturschutz (Bund) geht einen Schritt weiter und hinterfragt das Ziel der Jagderleichterungen. „Niemand weiß, ob die Ausbreitung der Schweinepest durch eine Reduzierung der Wildschweinpopulation funktioniert“, sagt er. „Natürlich spricht einiges dafür, dass eine kleinere Population die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung reduziert. Es ist aber unklar, wie stark man die Bestände genau reduzieren muss.“ Die durch das Ministerium vorgegebenen Zahlenwerte seien nur geschätzt.

Keine Wurst wegwerfen!

Eine Rücknahme der Vorkehrungen bleibt aber unwahrscheinlich, da die Gefahr eher zunimmt. Darin sind sich alle Akteure einig. „Die Bedrohung war hoch und ist immer noch hoch, daran hat sich nichts geändert. Bund-Experte May-Stürmer warnt: „Der wichtigste Ausbreitungsweg geht nicht von Schwein zu Schwein, sondern über motorisierten Verkehr und von Menschen weggeworfene Wurstwaren.“

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