Mit einer weißen Weihnacht hat es zwar wieder nicht geklappt. Trotzdem könnte der Winter in den kommenden Wochen natürlich noch seine eisigen Krallen zeigen. So könnte zum Beispiel in mehr als 20 Kilometern Höhe über dem Nordpolarmeer ein Wirbel mit extrem kalter Luft und Temperaturen unter minus 70 Grad Celsius zu schwächeln beginnen, sich in zwei Wirbel aufspalten oder gar zusammenbrechen.

Das wiederum könnte den Weg für sibirische Kälte freimachen, die aus dem Osten oder aus Skandinavien nach Mitteleuropa strömt. „Die dramatischen Auswirkungen eines solchen Kaltlufteinbruchs hat der Spätwinter 2018 gezeigt“, erklärt der Meteorologe Andreas Friedrich vom Deutschen Wetterdienst (DWD) in Offenbach.

Die Kälte-Bestie im Osten

Auch damals hatte sich der Polarwirbel in der Stratosphäre hoch über dem Nordpolarmeer ähnlich wie schon im Spätwinter 2013 dramatisch abgeschwächt. Dadurch wurde die Kälte-Bestie im Osten geweckt. „Beast from the East“, so wurde der Kaltluftvorstoß in Großbritannien damals genannt, der Ende Februar in Schottland und im Südosten Englands heftige Schneefälle, sowie am 2. und 3. März 2018 im Süden von Irland und Wales und im Südwesten Englands einen ausgewachsenen Schneesturm brachte. Die britische Regierung musste die Armee einsetzen, um eingeschlossene Autofahrer zu befreien oder Notärzte zu ihren Einsatzorten zu transportieren.

Heftige Schneefälle gab es auch in Rom und Neapel, in Algerien und Tunesien, sowie in Kroatien. In Deutschland fielen vor allem an der Ostseeküste bis zu 25 Zentimeter Schnee, während der Rest des Landes bei sehr trockener Luft und Dauerfrost bibberte. In der Nacht zum 28. Februar 2018 fielen die Temperaturen in den mittleren Landesteilen von Norwegen bis auf minus 42 Grad Celsius. Zwischen Rumänien, Spanien, Großbritannien und Schweden fielen damals 95 Menschen der Bestie aus dem Osten zum Opfer.

Was es mit dem Luftwirbel über dem Nordpolarmeer auf sich hat

„Dieser Polarwirbel entsteht in jedem Winter, weil im hohen Norden monatelang keine Sonne scheint und die Luft extrem stark auskühlt“, erklärt der Klimaforscher Felix Pithan vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven.

In 20 oder 25 Kilometer Höhe sinken die Temperaturen dadurch auf Werte von minus 70 Grad Celsius. Gleichzeitig fällt dort oben der Luftdruck und in der Höhe entsteht ein Tiefdruck-Gebiet. Weiter südlich liegen die Temperaturen und der Luftdruck dagegen höher. Von dort strömt daher die Luft nach Norden und wird unterwegs von der sich drehenden Erde nach Osten abgelenkt. In der Stratosphäre wirbeln die Luftmassen daher von West nach Ost um die kalte Luft herum.

Auswirkungen bis zur Erdoberfläche

Manchmal aber wärmt sich die Luft in diesen Höhen rasch und kräftig auf. „Dadurch verringern sich bei den Temperaturen und dem Luftdruck die Unterschiede zwischen Norden und Süden, die den Polarwirbel in der Stratosphäre normalerweise antreiben“, erklärt AWI-Forscher Felix Pithan. Der Polarwirbel schwächt sich in solchen Fällen ab, teilt sich unter Umständen in zwei Wirbel auf, kommt vielleicht völlig zum Erliegen oder dreht sich sogar um.

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Diese Entwicklung schlägt unter Umständen bis zur Erdoberfläche durch. Dort tragen normalerweise Westwinde relativ milde und feuchte Luft vom Nordatlantik nach Mitteleuropa. Genau diese Luftströmungen brachten das Schmuddelwetter, das uns im Dezember viele trübe und graue Tage beschert hat.

Schwächelt der Polarwirbel in der Stratosphäre, kann sich diese Wetterlage grundlegend ändern. „Dann bildet sich unter Umständen ein Hochdruckgebiet über Skandinavien, das kalte Luft aus Russland und Skandinavien nach Mitteleuropa trägt“, erklärt AWI-Forscher Felix Pithan. Eine solche Wetterlage hatte Ende Februar 2018 die Bestie im Osten geweckt und Schneestürme bis nach Großbritannien getragen.

Winterprognose ist sehr ungenau

Das Beast from the East schlägt in sehr unregelmäßigen Abständen vielleicht fünf oder sechsmal in einem Jahrzehnt zu. Ob das auch in diesem Winter passieren wird, steht allerdings in den Sternen: „Wir können uns die Entwicklung nur für die kommenden sieben bis zwölf Tage anschauen“, erklärt DWD-Meteorologen Andreas Friedrich. „Bis dahin aber sehen wir keine Anzeichen für ein Zusammenbrechen des Polarwirbels in der Stratosphäre“.

Auch die aktuelle DWD-Vorhersage der Jahreszeiten lässt für Mitteleuropa Temperaturen vermuten, die bis in den März hinein rund 0,5 bis ein Grad über den Werten liegen, die zwischen 1990 und 2017 in dieser Zeit üblich waren. Das schließt jedoch nicht aus, dass die Bestie aus dem Osten in diesem Jahr zu uns kommt.

Trefferquote der Jahreszeiten-Vorhersage relativ gering

Schließlich ist die Trefferquote dieser Jahreszeiten-Vorhersagen mit vielleicht 60 Prozent relativ gering. Obendrein geben sie nur die Durchschnittswerte für ein Vierteljahr an. Auch wenn die Jahreszeit sich also an die Vorhersage hält, könnten der Januar und der März jeweils zwei Grad wärmer als bisher ausfallen, während das Beast from the East im Februar die Temperaturen weit unter den Durchschnitt drücken könnte.

Aber auch das wäre noch längst keine Garantie für knackiges Winterwetter in Mitteleuropa. Setzt sich dann zum Beispiel ein Hochdruckgebiet nicht über Skandinavien, sondern einige Hundert Kilometer weiter im Osten fest, blockiert es zwar die milden Westwinde erst über Russland. Dort wird es eisig kalt. Zu uns aber schaufelt dieses Hoch warme Luft aus dem Mittelmeerraum und Nordafrika und beschert uns eher einen Vor-Frühling. Neben dem Schwächeln des Polarwirbels sollte also auch das Hochdruck-Gebiet an der richtigen Stelle über Skandinavien liegen, um uns mit Polarluft zu versorgen. Auf die Frage, ob denn nun der Winter seine eisigen Krallen bei uns noch zeigen wird, gibt Andreas Friedrich daher die Antwort: „Abwarten und Tee trinken“.

Die Schwierigkeit der Wettervorhersage

Mittelfristige Prognosen für das Wetter in vier bis zehn Tagen sind relativ häufig mit erheblichen Unsicherheiten verknüpft. Der Grund dafür sind unvorhersagbare Entwicklungen, die nach ein paar Tagen die Entwicklung des Wetters stark beeinflussen können.

  • Die kommende Entwicklung: Für das kommende Wochenende sagt der Deutsche Wetterdienst eine Milderung mit wenigen Grad über Null im Flachland und Niederschläge voraus, die unterhalb von 600 Metern als Regen fallen dürften. In der nächsten Woche sehen die Meteorologen bei den Temperaturen zwar wenig Änderung, betonen aber die große Unsicherheit: Von Tauwetter in den Bergen bis zu einem Wintereinbruch mit Schnee und Frost auch am Bodensee reicht die Palette der Entwicklungen.
  • Drehende Winde: bringen normalerweise das Wetter nach Mitteleuropa. Blasen sie aus Nordwest über den Nord-Atlantik nach Deutschland, bringen sie kühle und feuchte Luft mit. Kühles Schauerwetter im Sommer sind typische Folgen, im Winter gehen die Niederschläge vor allem im Bergland gerne in Schnee über. Dreht der Wind und bläst aus Südwesten, kommt im Sommer warme und im Winter milde Luft aus Spanien und vielleicht sogar von den Kanarischen Inseln bis nach Mitteleuropa, die über dem Meer viel Wasser aufgenommen hat, das weiter im Norden als Regen wieder auf den Boden fällt.
  • Macht des Luftdrucks: Der Luftdruck steuert diese Winde und damit das Wetter: Im Prinzip fließt die Luft von Gebieten mit hohem in Regionen mit tieferem Luftdruck. Zusätzlich beeinflusst noch die Rotation der Erde diese Winde.
  • Skandinavien-Hoch entscheidet: Ein Hochdruckgebiet über Skandinavien lässt daher südlich davon und damit über Mitteleuropa Ostwinde über das Land streichen. Da sich in dieser Zeit die Weiten Sibiriens in der Sommersonne kräftig erwärmen und der hiesige Sonnenschein die Temperaturen weiter nach oben treibt, bringt eine solche Wetterlage warmes und trockenes Sommerwetter. Da 2018 die Hochdruckgebiete vom Frühjahr bis in den Spätherbst nur sehr selten aus Skandinavien vertrieben wurden, bescherten sie uns ein Dürrejahr mit hohen Temperaturen. Im Winter dagegen wird Sibirien zum riesigen Kühlhaus. Dann liefert ein Hoch über Skandinavien eisige und trockene Festlandsluft nach Mitteleuropa und in klaren Nächten wird es klirrend kalt. (rhk)