Das Konzert setzt bei Sonnenaufgang ein, und Frühaufsteher sind von der Klangfülle fasziniert. Es zwitschert und trällert und pfeift überall. In Parks, Wald und Gärten hat die Vogelwelt ihren Konzertsaal geöffnet. Um Weibchen akustisch zu umgarnen und Rivalen einzuschüchtern, haben einige Arten erstaunliche musikalische Talente entwickelt.

So ist der Gesang der Nachtigall sprichwörtlich geworden, weil er nach menschlichem Empfinden so schön klingt. Das entsprang der früheren Annahme, dass Vögel – so wie der Mensch auch – aus reiner Lebensfreude sängen, trällerten und jubilierten. So sah es etwa der bekannte Zoologe Alfred Brehm (1829 – 1884), dessen Bestseller „Brehms Tierleben“ in Deutschland hoch populär war. Brehm fand nichts dabei, menschliches Empfinden und Eigenschaften auf die Tiere zu übertragen, eine Haltung, die heute Anthropomorphismus (Vermenschlichung) genannt wird und in der modernen Forschung natürlich abgemeldet ist.

Nun weiß man nicht, ob ein Vogel beim Singen nicht auch eine Art Befriedigung empfindet. Doch streng wissenschaftlich betrachtet, ist sein Gesang kein Spaß, sondern harte Arbeit im großen Überlebenskampf. Als einer der Ersten hat das Bernhard Altum (1824 – 1900) herausgefunden. Dieser vielseitig interessierte und begabte Mann stammte aus Münster in Westfalen und war (das bringt diese Region so mit sich) nicht nur katholischer Priester, sondern später auch Zoologe und Forstwissenschaftler. Beste Voraussetzungen also, es dem heiligen Franz von Assisi nachzutun und den Liedern der Vögel zu lauschen – sie vielleicht sogar zu verstehen.

Verstanden hat Altum mehr als Brehm. In seinem viel gekauften Buch „Der Vogel und sein Leben“, das 1868 erschienen ist und ein halbes Jahrhundert lang ein Standardwerk der Vogelkundler blieb, kam er zu einem ganz neuen Verständnis des Vogelsangs: Er ist für die Revierbildung eines Vogels von eminenter Bedeutung. So wie ein Hund Duftmarken setzt, um sein Revier abzustecken, so sendet ein Vogel akustische Botschaften an Nachbarn und Konkurrenten. Er zimmert also eine Art Zaunpfahl aus Musik.

Zweiter Zweck des Gesangs: Einen Partner zu finden, genauer: Ein Weibchen, denn die wollen wissen, wie es um Leistungsfähigkeit und Gesundheit eines Mannes bestellt ist. Und das wiederum ist beim Menschen ja ganz ähnlich.

 

Nachtigall

Wer das Glück hat, eine Nachtigall in der Nachbarschaft zu haben, kommt im Frühjahr in den Genuss eines besonders eindrucksvollen Konzerts. Jedes Jahr im März hält es die unscheinbaren braunen Vögel nicht mehr in ihren afrikanischen Winterquartieren. Nach der anstrengenden Reise über die Sahara, das Mittelmeer und die Alpen kommen die Männchen im April in Deutschland an. Sofort besetzen sie dann ein Revier und fangen an zu singen. Tag und Nacht. Ihr Gesang gilt als einer der kunstvollsten und komplexesten der gesamten Tierwelt. Die Darbietung unterscheidet sich dabei je nach Uhrzeit. Tagsüber dient das Gezwitscher dazu, die männliche Konkurrenz zu beeindrucken und das Revier zu verteidigen. Nachts richtet es sich an die Weibchen, die etwas später aus dem Süden zurückkommen. Mit einer möglichst eindrucksvollen Vorstellung versuchen die gefiederten Solisten, das andere Geschlecht von ihren Qualitäten zu überzeugen. Rund 180 verschiedene Strophen haben ältere Männchen dazu auf Lager. Ihr Konzert endet allerdings, wenn sie eine Partnerin für sich gewonnen haben. Im Juni singen nur Singles. 

Eine Nachtigall
Eine Nachtigall | Bild: DB BirdLife International/BirdLife_International/dpa

Amsel

Noch vor etwa 150 Jahren war die Amsel (sie wird auch Schwarzdrossel genannt) ein scheuer Waldvogel, der sich nur selten in die Nähe des Menschen wagte. Inzwischen hat sie ihren Lebensstil geändert und ist zum Stadtbewohner geworden. Das volltönende, melodische Gezwitscher, das die Männchen oft auf einem Dachfirst, einer Antenne oder einem Baum anstimmen, gehört zu den bekanntesten Vogelgesängen. Zu hören ist es vor allem in den frühen Morgenstunden lange vor der Dämmerung und dann wieder am Abend. Zu dieser Zeit kann man die Amsel auch bei ihrer Nahrungssuche beobachten. Unter abgefallenem Laub und auf Rasenflächen hüpft sie in kleinen Sprüngen vorwärts. Hat sie etwas entdeckt, hält sie mit schräg gehaltenem Kopf still und lauscht nach Bodentieren. Was die Amseln singen, ist zum Teil angeboren. Auch die im Gegensatz zu den Weibchen tiefschwarz gefiederten Männchen, die ohne Kontakt zu Artgenossen in der Obhut von Menschen aufgewachsen sind, singen etliche für Amselkonzerte typische Elemente. Unter natürlichen Umständen aber erweitern sie ihr Repertoire und fügen ihm eine individuelle Note hinzu. Dabei übernehmen sie akustische Eigenheiten von ihren Vätern und anderen Artgenossen, aber auch von anderen Vögeln wie Meisen oder Spechten. Auch die Sirenen von Rettungswagen klingen in den Ohren mancher Männchen offenbar gut genug, um sie in den eigenen Gesang aufzunehmen. 

Eine Amsel mit einer Kirsche im Schnabel.
Eine Amsel mit einer Kirsche im Schnabel. | Bild: Daniel Karmann/dpa

Zaunkönig

Zwar gehört der Zaunkönig zu den kleinsten Vögeln Europas. Die rundlichen Tiere mit dem aufrecht gestellten Schwanz werden nur um die zehn Zentimeter lang und neun Gramm schwer. Doch wenn sie den Schnabel öffnen, kommt Verblüffendes heraus: Männliche Zaunkönige schmettern in einer Lautstärke, die man ihnen kaum zutrauen würde. Dabei sitzen sie manchmal in der unteren Krautschicht, oft aber auch auf einer erhöhten Singwarte, von der aus die Stimme besonders weit trägt. Noch in etwa 500 Metern Entfernung ist die Darbietung dann problemlos zu hören. Jede Strophe setzt sich aus hohen Tönen und schrillem Getriller zusammen und dauert etwa fünf Sekunden. 130 Laute haben Wissenschaftler aus den Gesängen der männlichen Stimmwunder herausgehört. Weibchen begnügen sich dagegen mit leiseren und einfacheren Liedern. Während der Brutzeit tragen die beiden Partner häufig ein Duett vor. In dieser Phase erreichen die Gesangsvorstellungen ihren Höhepunkt. Ab und zu lassen sich die kleinen Vögel aber auch zu allen anderen Jahreszeiten hören, selbst im Winter halten sie nicht immer den Schnabel. 

Ein Zaunkönig
Ein Zaunkönig | Bild: Steve Byland/stock.adobe.com

Rotkehlchen

Auch Rotkehlchen singen das ganze Jahr über, am häufigsten sind die Männchen zwischen März und Mai zu hören. Schon etwa eine Stunde vor Sonnenaufgang fangen sie mit ihren perlenden, leicht melancholisch klingenden Vorträgen an, und sie enden oft erst nach Sonnenuntergang. Ihr Gesang ist dabei äußerst vielfältig und ändert sich ständig. Dabei fließen nicht nur Motive der eigenen Art in den Vortrag ein, sondern auch die von Meisen, Buchfinken, Goldammern und anderen gefiederten Sängern. Schon als Jungvögel beginnen die Rotkehlchen, solche Arten zu imitieren. Dabei sind sie echte Individualisten, jedes Männchen hat seine eigene musikalische Handschrift. Die Stimme ist dabei so charakteristisch, dass sich die einzelnen Tiere daran erkennen können. In Playback-Experimenten hat Emma Brindley von der Universität im britischen Nottingham männlichen Rotkehlchen die Stimmen verschiedener Artgenossen vorgespielt. Handelte es sich dabei um ihren Nachbarn, reagierten die Revierbesitzer relativ gelassen. Ließ sich jedoch ein fremder Vogel vernehmen, stimmten sie sofort einen heftigenGegengesang an. 

Ein Rotkehlchen
Ein Rotkehlchen | Bild: sid221/stock.adobe.com

Kohlmeise

Schon im Winter sind mitunter die Reviergesänge der Kohlmeisen zu hören, im Frühjahr geht es dann richtig zur Sache: In vielen Gärten und Parks zwitschern die Männchen dann sehr ausdauernd ihre hohen, metallisch klingenden Strophen, die normalerweise aus zwei, manchmal auch aus drei oder vier Silben bestehen. Damit es nicht zu eintönig wird, haben die meisten Männchen ein Repertoire von drei bis sieben verschiedenen Strophen auf Lager. Sie variieren dabei sowohl die Anzahl der Silben als auch das Tempo und die Lautstärke, den Rhythmus und verschiedene andere Eigenschaften. Wahrscheinlich hören Artgenossen auch noch feinere Abweichungen, die Menschenohren verborgen bleiben. Jedenfalls verbergen sich in diesen Reviergesängen für die Tiere interessante Informationen. Männchen, die ein Revier suchen, können nicht nur heraushören, wie dicht ein Gebiet besiedelt ist. Sie erfahren auch, wie ernst die Konkurrenz zu nehmen ist und wie aggressiv sie wohl ihr Revier verteidigen wird. Männchen mit einem großen Gesangsrepertoire sind normalerweise dominanter und erfolgreicher bei der Familiengründung. 

Eine Kohlmeise
Eine Kohlmeise | Bild: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa

Trauerschnäpper

Wer in seinem Garten Nistkästen anbietet, hat im Frühling die Chance, ein Trauerschnäpper-Paar als Nachbarn zu bekommen. Dann schmettern die Männchen dieser kleinen Zugvögel bis zu 7000 Mal am Tag ihre klaren, etwas wehmütig klingenden Strophen in die Gegend. Wenn es im Mai oder Juni ans Brüten geht, verstummen die schwarz-weißen Sänger allerdings. Und vielleicht werden sie künftig überhaupt seltener zu hören sein. Denn es gibt Hinweise darauf, dass die Art Probleme mit dem Klimawandel bekommen könnte. Von September bis März halten sich die Fernreisenden in West-Afrika auf, dann fliegen sie zur Brut zurück nach Europa. Balz und Familiengründung hatten sie dabei eigentlich perfekt terminiert: Die Küken saßen genau dann im Nest, wenn es nach dem Austreiben der Bäume besonders viele nahrhafte Raupen gab. Inzwischen werden die europäischen Wälder allerdings früher grün, und damit hat sich auch die Raupenschwemme nach vorn verschoben. Die Trauerschnäpper aber können nicht beliebig früh aus ihren Winterquartieren zurückkehren. Damit besteht die Gefahr, dass die Küken die nahrhaftesten Zeiten verpassen. 

Trauerschnäpper
Trauerschnäpper | Bild: Matthias Gruel/stock.adobe.com

Buchfink

Die meisten Buchfinken sind zwar in Wäldern zu Hause. Wenn es genügend Bäume gibt, fühlen sie sich aber auch in Gärten und Parks wohl. Ihren schmetternden, immer schneller werdenden Gesang mit dem typischen Triller am Ende kann man bei schönem Wetter manchmal schon Ende Februar hören. Ab März macht der dekorative Sänger mit der rostroten Brust dann Ernst und zwitschert bis in den Juni hinein. Neben dem Gesang haben Buchfinken auch noch verschiedene andere Laute auf Lager. Dazu gehört zum Beispiel der sogenannte Regenruf – ein eintöniger Laut, der wie „trüb“ klingt. Durch ihn ist mancherorts das Gerücht entstanden, der Vogel könne das Wetter vorhersagen. Sowohl der Gesang als auch die anderen Laute unterscheiden sich von Region zu Region. Junge Buchfinken lernen diesen Dialekt im Frühjahr nach ihrer Geburt. Offenbar orientieren sie sich dabei an den Darbietungen ihrer älteren Nachbarn. In Osnabrück zum Beispiel haben Ornithologen im Umkreis von nur wenigen Kilometern fünf verschiedene Versionen des Regenrufs entdeckt. An den Grenzen dieser Dialekte riefen manche Vögel auch zweisprachig. 

Auch der weitverbreitete Buchfink verlor eine Million Brutpaare.
Auch der weitverbreitete Buchfink verlor eine Million Brutpaare. | Bild: Felix Kästle/dpa