Er soll Schlafwandler aufs Dach und Irrsinnige zur Höchstform treiben, und er soll die Monatsregel der Frauen ebenso beeinflussen wie die Zahl der Geburten. Hartnäckig hält sich die Vorstellung, wonach der Mond mit seinen Phasen großen Einfluss auf unser Verhalten und unsere Gesundheit hat. Seit einigen Jahren beschäftigen sich auch Wissenschaftler mit dem Thema. Für die meisten Hypothesen fanden sie keine Belege – doch für manche schon.

Der Vollmondmörder gehört zu den beliebtesten Figuren in Kriminalromanen und Schauergeschichten. Doch die Story hat einen Haken: Der Mond beeinflusst zwar die Gewaltneigung der Menschen, doch es ist der Neumond, der sie nach oben treibt.

Der Vollmondmörder ist ein Mythos: Bei Vollmond sollen sogar 15 Prozent weniger Mord und Totschlag stattfinden als unter Neumond.
Der Vollmondmörder ist ein Mythos: Bei Vollmond sollen sogar 15 Prozent weniger Mord und Totschlag stattfinden als unter Neumond. | Bild: Thomas Warnack (dpa)

Simo Näyhä von der finnischen Universität Oulu hat über 6800 tödliche Gewaltdelikte im Hinblick darauf untersucht, unter welcher Mondphase sie begangen wurden. Dabei zeigte sich, dass bei Vollmond 15 Prozent weniger Mord und Totschlag stattfanden als unter Neumond.

Teilte man den Mondverlauf in fünf Phasen ein, zeigte sich, dass in der hellsten Phase sogar 86 Prozent weniger getötet wurden als in der dunkelsten Phase. „Auf den ersten Blick ist das ein überraschendes Ergebnis“, betont Näyhä. „Denn von Polizisten und Krankenhausmitarbeitern hört man eher davon, dass die Gewaltneigung unter Vollmond ansteigt – und die Wissenschaft geht eher davon aus, dass überhaupt kein Zusammenhang zwischen ihnen besteht.“

Liegt es am hellen Mondlicht?

Der finnische Umweltmediziner betont jedoch, dass seine Daten auch noch Bestand haben, wenn man andere Umwelteinflüsse wie Temperatur und Jahreszeit berücksichtigt. Über die Erklärung seines Befundes kann er jedoch nur spekulieren. Denkbar wäre, dass bei Vollmond einfach bessere Sichtverhältnisse herrschen, sodass Gewalttäter sich aus Angst vor Entdeckung zurückhalten.

Doch für Näyhä scheidet dieses Argument aus, „weil die meisten Tötungsdelikte nicht im Freien, sondern in Räumen mit eigenen Lichtbedingungen stattfinden“. Er vermutet, dass sich das Verhalten der potenziellen Opfer bei Vollmond ändert: „Aus Naturbeobachtungen wissen wir, dass sich Beutetiere bei Vollmond eher verstecken, und es wäre denkbar, dass sich dieses Verhalten als Atavismus beim Menschen bewahrt hat und potenzielle Opfer vorsichtiger agieren lässt, wenn Vollmond herrscht.“

Der Mythos mit den Babys

Neben Näyhä haben sich in letzter Zeit auch andere Forscher vermehrt der Frage gewidmet, inwieweit der Mond das Verhalten und die Gesundheit des Menschen beeinflusst. Einige beliebte Hypothesen müssen wohl endgültig zu den Akten gelegt werden. Wie etwa die Legende, wonach bei bestimmten Mondständen besonders viele Kinder zur Welt kommen.

Eine Studie der Universität Halle-Wittenberg hat in einer Analyse von über vier Millionen Geburten keine Hinweise darauf gefunden. Studienleiter Oliver Kuss konnte nur einen Einfluss der Jahreszeit erkennen: „Ende September kommen die meisten Kinder zur Welt.“ Und dies spreche für eine Zeugung in der dunklen Jahreszeit.

Lediglich die Jahreszeit scheint einen Einfluss auf die Geburtenrate zu haben. Auch hier ist der Einfluss des Mondes wohl nicht mehr als eine vage Vermutung.
Lediglich die Jahreszeit scheint einen Einfluss auf die Geburtenrate zu haben. Auch hier ist der Einfluss des Mondes wohl nicht mehr als eine vage Vermutung. | Bild: Robert Michael, dpa

Der weibliche Monatszyklus zeigt sich vom Mond ebenfalls unbeeindruckt. Die US-Anthropologin Beverly Strassmann untersuchte drei Jahre lang die Monatszyklen eines Naturvolkes, das ohne Verhütungsmittel und elektrisches Licht lebte und dessen Biorhythmus auch sonst nicht von modernen Störgrößen beeinflusst wurde. Sie fand keinerlei Zusammenhänge: „Die Monatsregel mag durch viele Faktoren beeinflussbar sein, doch der Mond gehört wohl nicht dazu.“

Ebenfalls fraglich ist, ob bestimmte Mondstände dafür genutzt werden sollten, sich unter das Skalpell eines Chirurgen zu begeben. An der bayerischen Praxisklinik Sauerlach untersuchte man den Heilungsverlauf von 866 Operationen, doch weder die Schmerzen noch die Zahl der Komplikationen zeigten Zusammenhänge mit einer Mondphase. Und dasselbe gilt auch, wie man an der Uni-Klinik Ulm ermittelt hat, für die Nachwirkungen der Narkose.

Anders steht es mit der Schlaflosigkeit

Bei Schlaflosigkeit kann man ihn hingegen schon als Ursache im Auge haben. Denn Christian Cajochen von der Universität Basel beobachtete an 33 Testschläfern, dass sie an den Abenden an und um Vollmond durchschnittlich fünf Minuten länger zum Einschlafen brauchten und insgesamt 20 Minuten kürzer schliefen. Ihre Tiefschlafphase verkürzte sich sogar um ein Drittel.

An der Gravitation des Erdtrabanten könne das nicht liegen, so Cajochen, denn die könne zwar bei Meeren, nicht aber beim Wasseranteil des menschlichen Körpers für eine messbare Bewegung sorgen. Der Schweizer Chronobiologe bevorzugt daher als Erklärung „das starke Vollmondlicht“. Dafür spricht, dass die Probanden geringere Mengen des vom Lichteinfall abhängigen Schlafhormons Melatonin im Blut hatten. Dagegen spricht jedoch, dass sie allenfalls vor dem Schlafexperiment den Mond sehen konnten; den Schlaf selbst hingegen verbrachten sie im Labor.

Der Mythos der Schlaflosigkeit bei Vollmond ist womöglich der einzige, an dem auch wirklich etwas dran ist.
Der Mythos der Schlaflosigkeit bei Vollmond ist womöglich der einzige, an dem auch wirklich etwas dran ist. | Bild: Marijan Murat (dpa)

Noch rätselhafter sind die Ergebnisse einer Studie, die im indischen Chennai durchgeführt wurde. Dort untersuchte eine Klinik ihre Infarkt-Fälle. Deren Anzahl war bei Neumond etwa 20 Prozent größer als bei Vollmond. Eine Erklärung gibt es nicht. Prinzipiell wäre es sogar möglich, dass der Mond sich nicht auf die Infarktopfer, sondern auf deren Verwandte auswirkt, die in der stockdunklen Neumondnacht ängstlicher als sonst sind und daher eher bereit sind, den Patienten ins Hospital zu fahren. Eines ist sicher: Der Erdtrabant hat in seiner Auswirkung auf den Menschen noch viele Rätsel zu bieten.

Buchtipp: Michael Büker und Tanja Wehr: Was den Mond am Himmel hält. Der etwas andere Streifzug zu unserem kosmischen Begleiter. Kosmos-Verlag, 128 Seiten mit Illustrationen, 16,99 Euro.