Herr Mallebrein, benutzen Sie heute noch eine Computermaus?

Ja, natürlich. Aber selbstverständlich eine moderne Fassung (lacht). Eine drahtlose Lasermaus nämlich.

Was unterscheidet eine moderne Maus denn von derjenigen, die Sie und Ihr Konstanzer Team bei Telefunken in den 1960-Jahren erfunden haben?

Unsere Maus, die wir Rollkugelsteuerung nannten, funktionierte anders als die heutige im PC-Bereich verwendete Maus. Denn zum einen wurden die Bewegungen nicht – wie heute üblich – über einen Laserstrahl vom Untergrund abgetastet, sondern über eine rollende Kugel erfasst. Und zum anderen gab die Maus nicht einzelne Schrittimpulse an den Rechner, sondern übermittelte ganze Bewegungsabschnitte in Form eines codierten Wertes.

Die Konstanzer Rollkugelsteuerung (RKS) für den Arbeitsplatz TR 440: Der Computer mit der zugehörigen Maus wurde insbesondere in deutschen Universitäten genutzt. Gut sichtbar sind hier – neben der Kugel – die beiden sogenannten Drehcodegeber.
Die Konstanzer Rollkugelsteuerung (RKS) für den Arbeitsplatz TR 440: Der Computer mit der zugehörigen Maus wurde insbesondere in deutschen Universitäten genutzt. Gut sichtbar sind hier – neben der Kugel – die beiden sogenannten Drehcodegeber. | Bild: Susanne Ebner
Das Innenleben der Konstanzer Rollkugelsteuerung (RKS): Gut sichtbar sind hier – neben der Kugel – die beiden sogenannten Drehcodegeber.
Das Innenleben der Konstanzer Rollkugelsteuerung (RKS): Gut sichtbar sind hier – neben der Kugel – die beiden sogenannten Drehcodegeber. | Bild: Susanne Ebner

Wieso betrieb man Mäuse damals anders als heute?

Der Grund für diese Lösung war die sehr langsame Datenübertragung von der Rollkugel zum Rechner – sie entsprach nur in etwa der eines damals gängigen Fernschreibergerätes. Der Rechner ermittelte dann daraus die Position der Bildschirmmarke auf dem Bildschirm.

Wie kamen Sie damals überhaupt auf die Idee, eine Computermaus zu entwickeln?

Die Idee ist durch einen Auftrag von der Bundesanstalt für Flugsicherung Frankfurt (BFS) entstanden. Meine Abteilung bei Telefunken in Konstanz sollte es Lotsen der Flugsicherung ermöglichen, auf einem großen Radar-Bildschirm Darstellungen von Flugzeugpositionen zu markieren. Diesem Zielpunkt wurde dann ein Name angehängt – wie zum Beispiel LH756.

Das klingt ja aus heutiger Sicht fast trivial.

Ja, das stimmt. Aber Sie müssen sich vorstellen, dass in den 60er-Jahren, also etwa 20 Jahre vor dem Erscheinen des ersten IBM-PCs, keiner wusste, wie man so etwas einfach lösen kann. Das war absolutes Neuland. Denn Computer spielten damals im Alltag wirklich gar keine Rolle. Die Leute wussten im Allgemeinen nicht einmal, wie man Computer schreibt.

Aber Telefunken verkaufte damals doch schon Computer, richtig?

Ja, aber nur an Großkunden. Telefunken brachte im Jahr 1962 den ersten europäischen Großrechner TR4 auf den Markt und als Nachfolger im Jahre 1969 den TR440. Der Preis für einen Computer von Telefunken lag damals zwischen drei Millionen und 15 Millionen D-Mark – je nach Ausstattung. Mit diesen Rechnern und den zugehörigen Geräten haben wir dann Behörden wie Hochschulen, Finanzverwaltungen, Institute oder eben die Bundesanstalt für Flugsicherung beliefert.

In der Bundesanstalt für Flugsicherung wurde die Maus von Rainer Mallebrein in den 1970er-Jahren benutzt.
In der Bundesanstalt für Flugsicherung wurde die Maus von Rainer Mallebrein in den 1970er-Jahren benutzt. | Bild: Dmitry Naumov/stock.adobe.com

Und bei der Flugsicherung kam dann auch Ihre Maus zum Einsatz?

Nein, die Flugsicherungsbehörde hat sich damals gegen unser Konzept der Rollkugel entschieden. Sie bevorzugten stattdessen den bei der amerikanischen Flugsicherung (FAA) üblichen „Trackball“.

Bedeutete dies dann das frühe Ende der Rollkugelsteuerung?

Keineswegs. Wir haben danach weiter an unserer Maus gearbeitet. Unsere Idee beruhte dabei übrigens auf der Umkehrung des Trackballs. Das bedeutet, dass wir die Kugel nicht mehr in den Tisch einbauen wollten, sondern stattdessen auf dem Tisch rollen ließen. Denn das ist natürlich viel praktischer, da die Rollkugel bei unseren anderen Kunden an mehreren Arbeitsplätzen zum Einsatz kam.

Haben Sie Ihre Maus dann auch patentieren lassen?

Ach ja, das ist eine interessante Geschichte. Wir wollten unsere Erfindung tatsächlich anmelden und haben dies auch versucht. Das Patentamt meldete uns damals jedoch zurück, dass – so hieß es damals wörtlich – die Erfindungshöhe zu gering sei. Gemeint ist damit, dass der technische Fortschritt, nur bezogen auf die Mechanik, nicht groß genug war.

Ist diese Entscheidung aus Ihrer heutigen Sicht nachvollziehbar?

In gewisser Hinsicht schon. Denn eine Kugel in Verbindung mit zwei sogenannten Drehcodegebern war nichts Neues in der Welt der Maschinentechnik. Die Innovation lag in der Problemlösung für den Anwender. Diesbezüglich hätte man wohl noch einmal einen Folgeantrag stellen können. Das haben wir aber nicht getan. Im Nachhinein betrachtet war das ein Fehler.

Als Erfinder der Computermaus gilt heute eigentlich der US-Amerikaner Douglas Engelbart.

Ja, Douglas Engelbart hat die Maus erfunden, das Patent erteilt bekommen und den Namen „Mouse“ geprägt. Der deutsche Wissenschaftshistoriker Ralf Bülow hat jedoch im Jahr 2009 publik gemacht, dass die ersten Rollkugelsteuerungen von Telefunken aus Konstanz tatsächlich noch vor den ersten amerikanischen Computermäusen auf den Markt kamen.

Tatsächlich?

Ja, Engelbart hat seine Mouse offiziell am 9. Dezember 1968 vorgestellt. Eine Veröffentlichung von Telefunken vom 1. Oktober 1968 belegt jedoch, dass wir vor Engelbart auf dem Markt waren. Die Erfindung war meiner Erinnerung nach sogar noch etwa sechs bis acht Monate vorher abgeschlossen. Außerdem kam man zu dem Schluss, dass unsere technische Umsetzung aus heutiger Sicht wesentlich besser war als die von Engelbart.

Aber die Rollkugelsteuerung war ja ohnehin nicht die einzige bahnbrechende Erfindung bei Telefunken in Konstanz, richtig?

Das stimmt. In den Jahren 1970 und 1971 haben wir auch eine sogenannte Touchinput-Einrichtung entwickelt. Sie diente der einfacheren Bedienung von Bildschirmgeräten.

Rainer Mallebrein präsentiert im Deutschen Computermuseum in Stuttgart (2014) das Innenleben der Konstanzer Rollkugelsteuerung (RKS). Sie wurde in den 70er-Jahren in vielen deutschen Universitäten genutzt – unter anderem an der RWTH Aachen, der Technischen Universität Berlin, der Universität Stuttgart und der Uni Konstanz.
Rainer Mallebrein präsentiert im Deutschen Computermuseum in Stuttgart (2014) das Innenleben der Konstanzer Rollkugelsteuerung (RKS). Sie wurde in den 70er-Jahren in vielen deutschen Universitäten genutzt – unter anderem an der RWTH Aachen, der Technischen Universität Berlin, der Universität Stuttgart und der Uni Konstanz. | Bild: Susanne Ebner

Ist diese Erfindung vergleichbar mit einem heutigen Touchscreen?

In der Nutzung teilweise schon. Wir haben dafür eine mit durchsichtigen Leiterbahnen beschichtete und gekrümmte Glasscheibe auf dem Bildschirm der Datensichtgeräte befestigt. Berührte ein Finger eine Leiterbahn auf dem Bildschirm, wurde eine Bildmarke gesetzt, die dann beschriftet werden konnte. Das war damals für uns eine absolute Novität, ähnlich wie die Rollkugel. Die Touchinput-Einrichtung haben wir dann 1971 zum Patent angemeldet und es 1974 erhalten. Insgesamt waren wir wohl mit vielen Erfindungen unserer Zeit weit voraus.

Apropos Erfindungen. Welche Fortschritte der digitalen Technik der letzten Jahrzehnte faszinieren Sie eigentlich am meisten?

Die enormen Fortschritte in der Informationstechnik durch das schnelle Internet haben unsere Welt sehr verändert. Die technische Perfektion ist verblüffend. Stellen Sie sich vor, Sie übertragen in kurzer Zeit eine Milliarde Textzeichen von Europa nach China ganz ohne Fehler. Das ist doch auch für Fachleute überwältigend. Oder Sie telefonieren per Smartphone und sehen sich gegenseitig live auf dem Bildschirm.

Und im Hinblick auf die Computer-Technik?

In der Computertechnik sind für mich die Entwicklungen der Speichertechnik sensationell. Während wir in den 60er-Jahren bei integrierten Halbleitereinheiten Speichergrößen von nur vier Kilobyte erreichen konnten, sind diese heute 256 Gigabyte groß – das ist das 64-Millionenfache. Bei Festplatten-Speichern ist die Kapazität von fünf Megabyte auf zwei Terrabyte also das 500-Tausendfache gestiegen. Ebenso ist die Geschwindigkeit (Taktfrequenz) der Computer-Recheneinheiten von 740 Kilohertz im Jahre 1971 auf die heute übliche Größe von 3,2 Gigahertz gestiegen. Damit beträgt die Steigerung das 4,3-Millionenfache. Dies sind alles gigantische kaum fassbare Steigerungen. Das heute so beliebte Smartphone ist ebenfalls eine sensationelle Entwicklung, die mich täglich aufs Neue fasziniert.

 

Fragen: Susanne Ebner

 

Zur Person

Rainer Mallebrein, 84, arbeitete seit seinem Abschluss als diplomierter Nachrichteningenieur im Jahre 1957 bei Pintsch Electro in Konstanz im Bereich der Entwicklung. Das Unternehmen wurde daraufhin von Telefunken (und später AEG) übernommen. Malle­brein war für die Abteilung „Datenendgeräte für Rechenanlagen“ zuständig und leitete ein Team von zehn Ingenieuren. Gemeinsam entwickelten sie unter anderem die Rollkugelsteuerung, eine frühe Version der heutigen Computermaus. Der 84-Jährige wohnt heute mit seiner Frau in Singen am Hohentwiel. Gemeinsam haben sie einen Sohn und eine Tochter. (sue)

 

Vom Holzkasten zur Lasertechnik

  • Der erste Prototyp
    Meist gilt der kalifornische Wissenschaftler Douglas C. Engelbart als Erfinder der Computermaus. 1963/64 arbeitet Engelbart und sein Team am Stanford Research Institute (SRI) an verschiedenen experimentellen Zeigergeräten, die eine Interaktion zwischen Menschen und einem Röhrenbildschirm erlaubt. Sie erfinden den X-Y-Positionszeiger. 1968 wird er der Öffentlichkeit vorgestellt, findet aber wenig Beachtung.
    Prototyp der ersten Computermaus (X-Y-Positionszeiger).
    Prototyp der ersten Computermaus (X-Y-Positionszeiger). | Bild: picture alliance
  • Die Kugelmaus
    In dem Team von Engelbart arbeitet auch William English. Dieser wechselt in den 1970er-Jahren zum Palo Alto Research Center (PARC) der Firma Xerox PARC. Dort entwickelt er die Kugelmaus mit drei Tasten, die zum ersten Mal Befehle auf einem Rechner ausführen, Texte markieren und Dateien öffnen konnte. Doch die Maus wird auch kein wirtschaftlicher Erfolg. Sie ist mit 400 Dollar einfach zu teuer.
  • Apple und die Maus
    Als Steve Jobs, Mitbegründer von Apple, die Maus von Xerox sieht, erkennnt er ihr Potenzial. Er erwirbt die Rechte für 1000 Dollar und beauftragt das Design- und Ingenieurbüro Hovey-Kelley Design (heute IDEO) mit der Entwicklung einer verbesserten, industriell herzustellenden Maus für 25 Dollar. Die Apple-Maus wird zum vorherrschenden Funktionsprinzip für Mäuse während der 1980er- und 90er-Jahre.
  • Microsoft zieht nach
    1983 zieht Microsoft nach. Sie kostet 195 Dollar und soll den Anwender beim Umgang mit Microsoft Word unterstützen. Das Ergebnis ist ein klobig-wirkendes Eingabegerät mit zwei Tasten, die aber noch nicht ergonomisch an die Hand angepasst waren. Es folgten weitere Modelle, die sich einer natürlichen und gesunden Handhaltung immer mehr anpassten. Das Scrollrad ziert seit 1996 die Microsoft-Maus.
  • Die Trackball-Maus
    Bei dieser Art von PC-Mäusen, die es seit den 1980er-Jahren gibt, ist auf der Oberseite der Computermaus ein Ball eingebaut. Damit kann der PC-Nutzer mit nur einem Finger den Mauszeiger über den Bildschirm steuern. Vorteil: Es beugt dem „Mausarm“ vor. Aber die Steuerung erfordert mehr Übung.
    Trackball-Maus.
    Trackball-Maus. | Bild: dpa
  • Die Lasertechnik
    Seit 1998 gibt es Mäuse mit Lasertechnik. Dabei handelt es sich um eine optische Maus. An der Unterseite befindet sich eine Laser­idode, die den Mauszeiger durch Abtasten des Schreibtischuntergrunds auf den Bildschirm lenkt. Richtig durchgesetzt hat sich das 2004 mit dem Logitech MX 1000 Laser. (kst)
    Lasermaus.
    Lasermaus. Bild: Darkone – stock.adobe.com | Bild: darkone/stock.adobe.com