Videokonferenzen, leer gefegte Büroräume, eine Menge Telefonate und ständig aufpoppende Nachrichten auf dem Display: Corona hat die Arbeitswelt auf den Kopf gestellt und die Frage aufgeworfen, wo und wie wir in Zukunft arbeiten. Klar ist jetzt schon: Selbst, wenn die Pandemie einmal im Griff ist, wird Corona die Arbeitswelt nachhaltig verändert haben, sagt Florian Kunze, der an der Universität Konstanz das „Future of Work Lab“ leitet.

Home-Office statt Präsenz

Der tägliche Gang ins Büro ist Geschichte. Zumindest, wenn es nach den Teilnehmern der Konstanzer Home-Office-Studie geht, die Florian Kunze 20 Monate lang durchführte. Und der Konsens unter 688 Studienteilnehmern: Sie wünschen sich das Arbeiten im Home-Office. So sehr, dass sogar ein Sechstel von ihnen für garantierte Home-Office Tage Gehaltseinbußen in Kauf nehmen würde.

„Die letzten Monate haben deutlich gezeigt, dass man nicht überall präsent sein muss, um leistungsfähig zu sein“, sagt Kunze. Im Durchschnitt hätten sich seine Studienteilnehmer rund 2,9 Tage pro Woche im Home-Office gewünscht. Besonders stark sei dieser Wunsch bei mittlerer Altersgruppe, der 36- bis 50- Jährigen gewesen. Kunze vermutet: „Dass das mit den familiären Betreuungsaufgaben zu tun hat, die dann womöglich besser bewältigbar sind.“

Zwischen Erschöpfung und Produktivität

Doch ist man bei der Heimarbeit auch wirklich produktiver und weniger gestresst? Haben sich für viele Menschen nicht die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschoben? Sind viele nicht von einem virtuellen Meeting ins nächste gehetzt und haben nebenbei noch ihre Kinder betreut? „Da muss man unterscheiden zwischen dem Home-Office an sich und der Ausnahmesituation, als die Schulen und Kindergärten geschlossen waren“, sagt Kunze.

Bei Letzterem sei das gerade für Eltern unglaublich erschöpfend gewesen. Aber das Home-Office an sich werde durchaus positiv bewertet. Auf die Frage etwa, ob mobiles Arbeiten generell Produktivität und Abläufe störe, antworteten nur 18 Prozent der Befragten mit ja. 82 Prozent fühlten sich auch weiterhin produktiv.

Bleibt das Home-Office?

Nur: Was ist, wenn die Pandemie einmal gebannt ist? Bleibt das Home-Office erhalten, weil der Wunsch danach so stark ist? Die Volkswirtin Natalie Laub vom Institut für angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) ist sich da nicht so sicher. „Man kann das in Ansätzen beobachten“, sagt sie und schiebt gleich hinterher: „Aber eigentlich ist es für eine Prognose noch zur früh.“

Nicht alle Jobs sind im Home-Office möglich
Nicht alle Jobs sind im Home-Office möglich | Bild: Annette Riedl

Zudem sei Heimarbeit auch gar nicht für alle ein Thema. Wer etwa auf dem Bau, in der Pflege oder im Verkehrswesen arbeitet, kann das schließlich schlecht vom heimischen Küchentisch aus tun.

„Das Home-Office ist nur ein Aspekt der sich verändernden Arbeitswelt“, sagt sie – aber ein Aspekt, der den Unternehmen auch einiges einsparen könnte. Denn: Wenn nicht mehr alle Mitarbeiter gleichzeitig im Büro sind, brauchen Firmen auch weniger Flächen. Und sparen womöglich Bürokasten, sagt Laub.

Videokonferenzen statt Geschäftsreisen

Auch wenn sich manche danach sehen, endlich wieder endlich wieder zu reisen. So könnten zumindest die Geschäftsreisen bald der Vergangenheit angehören. Zum Schutz von Mitarbeitern und wegen der Planungssicherheit, haben viele Firmen ihre Meetings virtuell abgehalten und neue Konferenzformate geschaffen.

Seit Corona werden viele Konferenzen virtuell abgehalten. Für die Unternehmen fallen damit auch Reisekosten weg.
Seit Corona werden viele Konferenzen virtuell abgehalten. Für die Unternehmen fallen damit auch Reisekosten weg. | Bild: Rainer Berg

Das war gut für die CO2-Bilanz der Unternehmen. Und das sparte Geld. Allein im Jahr 2020 haben Firmen laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) dadurch 11 Milliarden Euro eingespart.

Der Digitalisierungsschub

Vielziert worden ist seit Corona auch das Thema Digitalisierung, gerade in den Unternehmen. doch wie eine Studie des IW zeigt, fand die Digitalisierung bisher nur an der Oberfläche statt. Und auch Volkswirtin Natalie Laub sagt: „So richtig viel passiert ist da nicht.“

Klar, in der Nutzung von digitalen Kommunikationsmitteln „hat sich in den Firmen schon einiges getan“, sagt sie – und auch Branchen, wie etwa der Einzelhandel, hätten sich zeitweise verändert und Waren vollständig online angeboten. Weil sie es mussten. „Wir beobachten aber schon, dass das temporär war. Und teilweise wieder zurückgenommen wurde, als die Geschäfte wieder öffnen konnten.“

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Laut dem Institut der Deutschen Wirtschaft sei in den Unternehmen vor allem dort digitalisiert worden, wo es überlebenswichtig war oder mit geringem Risiko einherging. Doch größere digitale Geschäftsmodelle und innovative Projekte seien meist gestoppt worden. Und das oft aus Kostengründen.

Veränderte Arbeitsvorstellung

Morgens in aller Frühe und vor Ort im Büro zu erscheinen. Das klingt inzwischen fast wie aus einem anderen Leben. Denn: Corona hat nicht nur unseren Arbeitsalltag, sondern auch unsere Vorstellung von Arbeit verändert, da ist sich Florian Kunze sicher. „Das war auch schon Corona so, aber die Pandemie hat den Trend verstärkt, Arbeit neu zu definieren.“

Jeder Zweite will seinen Job wechseln

So sehnen sich mittlerweile viele nach flexibleren Arbeitszeiten. Und auch die Bindung zum eigenen Unternehmen scheint nicht mehr so stark. Schließlich war die Wechselbereitschaft, dem Marktforschungsinstitut Gallup nach, noch nie so hoch wie jetzt: Sie sei inzwischen sogar höher als in den USA. Und das, obwohl man gerade dort von der „Great Resignation“, also der großen Kündigungswelle, spricht.

Gallup nach geben nur 17 Prozent der Beschäftigten an, eine emotionale Bindung zu ihrem Unternehmen zu haben. Zudem kann sich fast jeder zweite Angestellte vorstellen, seinen Job in den nächsten drei Jahren zu wechseln. Davon wiederum sieht sich jeder Dritte schon nach einer neuen Stelle um.