Herr Felber, vor 10 Jahren tobte die Finanzkrise. Haben wir unsere Lektion aus der Krise gelernt?

Nein, die Systemstabilität ist immer noch nicht gewährleistet. Im Gegenteil, das systemische Risiko ist seit der Finanzkrise sogar gewachsen. Der Gesamtverschuldungsgrad der Weltwirtschaft ist höher als vor der Krise. Große systemrelevante Banken sind noch größer geworden, weil sie kleine Banken geschluckt haben. Es wurde viel angekündigt und auch reguliert, aber in der Substanz hat sich wenig getan. Die nächste Krise kommt bestimmt.

Stimmen Sie der These zu, dass die Gier der Banker die Krise ausgelöst hat?

Nein, da halte ich es mit dem französischen Philosophen Jean-Paul Sartre. Wenn man die Welt verbessern will, muss man die Strukturen der Gesellschaft verändern und die Gesetze, nicht die Menschen.

Andererseits stehen die Börsen in Frankfurt, London und New York weit über den Werten vor der Finanzkrise. Ist das nicht der Beweis für die Selbstheilungskräfte des Kapitalismus?

Der Kapitalismus sitzt als System fest im Sattel – aber genau das ist das Problem. Er hat kein Sensorium für soziale Fragen, Demokratie, Umweltverschmutzung und biologische Artenvielfalt. Der Kapitalismus ist gefährlicher denn je.

Aber hat nicht die Finanzkrise zu einem Umdenken geführt? Totgesagte Theorien wie die von Karl Marx erleben seitdem eine Renaissance.

Ja, das stimmt. Aber dem Kapitalismus ist das egal. In der öffentlichen Meinung gibt es eine breite Einsicht, dass der Kapitalismus das falsche System ist. Aber diejenigen, welche die Entscheidungen treffen, repräsentieren diese Mehrheit nicht.

Ist die Krise des Kapitalismus also eigentlich eine Krise der Politik?

Die Krise des Kapitalismus ist eine Krise der demokratischen Machtverhältnisse. In einer kapitalistischen Demokratie können zehn Prozent der Bevölkerung den Rest regieren.

Sind die Menschen im Herzen tatsächlich nicht doch kapitalistischer als sie zugeben? Schließlich wollen wir alle als Konsumenten das neueste iPhone und teure Autos kaufen.

In der Psychologie spricht man in solchen Fällen von kognitiver Dissonanz. Wir handeln anders als unsere Grundwerte sind. Dieser Widerspruch zwischen uns als Staatsbürgern und uns als Konsumenten kann aufgelöst werden, wenn die Staatsbürger die Regeln für den Konsum machen. Wenn die Regeln es erlauben, dass ich mich maßlos kapitalistisch verhalte, wird die Mehrheit es tun.

Andererseits gibt es eine wachsende Gruppe, die auf einen achtsamen Konsum achtet und zum Beispiel Fair-Trade-Produkte kauft.

Wenn man die Welt rosa sehen will, findet man immer mehr Beispiele für ethischen Konsum. Mir geht es aber nicht um Einzelfälle, sondern um das gesamte System.

Stabilisieren solche kleinen Schritte wie Fair-Trade-Produkte vielleicht sogar das System?

Ich lehne einen Systemumsturz wie ihn Marx forderte ab und glaube stattdessen an eine Transformation des kapitalistischen Systems in eine Ordnung, die den gesunden Kern einer Markwirtschaft erhält. Der schädliche Überbau muss dagegen durch eine nachhaltige, ethische und kooperative Marktwirtschaft ersetzt werden.

Sie plädieren für eine Begrenzung von Manager-Gehältern. Wieviel mehr als der Mindestlohn sollte ein Manager verdienen dürfen?

Das soll ein demokratisches Verfahren, in dem mehrere Alternativen zur Wahl stehen, klären. Meine persönliche Schmerzgrenze liegt beim Zwanzigfachen des Verdienstes eines normalen Angestellten. Der Ist-Zustand, wo Manager inklusive Optionen über 100 Millionen Euro pro Jahr verdienen, ist für mich jedenfalls nicht akzeptabel.

Sie sind ein erklärter Gegner des europäisch-amerikanischen Freihandelsabkommens TTIP. Haben Sie also ideologische Gemeinsamkeiten mit US-Präsident Trump, der auch gegen Freihandel ankämpft?

Wir haben immer wieder Überschneidungen bei einzelnen Fragen mit Politikern, die ansonsten völlig konträre Positionen vertreten. Trump hat Recht, wenn er auf das Leistungsbilanzdefizit der USA kritisch hinweist. Aber der Denkansatz dahinter ist völlig verschieden. Trump hat eine nationalistische und individualistische Perspektive. Ich habe dagegen eine globale und kooperative Sichtweise.

Ist es für die Demokratie vielleicht sogar gut, dass Trump an der Macht ist, weil sich so mehr Menschen aus Protest politisch engagieren?

Wir können zwar durch das Berühren der Herdplatte lernen. Aber mein Weg ist die progressive Verbesserung der Gesellschaft durch Nachdenken, Diskussion und Erkenntnis.

Gibt es den Kapitalismus überhaupt? Oder bekämpfen viele Kapitalismus-Kritiker eigentlich ein Feindbild, das so gar nicht existiert, wenn man zum Beispiel an den Mindestlohn, die Mietpreisbremse oder die zahlreichen Subventionen für Unternehmen denkt?

Den Kapitalismus in Reinform hat es noch nie gegeben. Es gibt ein breites Spektrum zwischen einer sozialem Marktwirtschaft und purem Kapitalismus. Aktuell sind wir viel zu weit in Richtung kapitalistischer Marktwirtschaft geschwenkt. Das heutige System nimmt das Gemeinwohl viel zu schwach in den Blick. Soziale, ökologische und demokratische Zielsetzungen kommen zu kurz, weil sie den Finanzkennzahlen nachgeordnet sind.

Fragen: Thomas Domjahn