Deutliche Worte von Justizministerin Katarina Barley zu Özils Erklärung und seinen Vorwürfen Richtung DFB: „Es ist ein Alarmzeichen, wenn sich ein großer, deutscher Fußballer wie Mesut Özil in seinem Land wegen Rassismus nicht mehr gewollt und vom DFB nicht repräsentiert fühlt“, schrieb Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD) am Sonntagabend im Kurzbotschaftendienst Twitter. Der Grünen-Politiker Cem Özdemir sagte der „Berliner Zeitung“, Özils Rücktritt „tut weh“.

Özil hatte sich am Sonntag zu seinem umstrittenen Treffen mit dem türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan im Mai geäußert und anschließend erklärt, er trete aus der deutschen Nationalmannschaft aus. Er prangerte einen weit verbreiteten Rassismus gegen ihn als Deutschtürken an und erhob insbesondere schwere Vorwürfe gegen DFB-Chef Reinhard Grindel.

„Schweren Herzens und nach langer Überlegung werde ich wegen der jüngsten Ereignisse nicht mehr auf internationaler Ebene für Deutschland spielen, da ich dieses Gefühl des Rassismus und der Respektlosigkeit habe“, schrieb Özil in der auf Englisch verfassten zweiseitigen Erklärung.

Özdemir hatte Özil nach dessen ersten Äußerungen zunächst scharf kritisiert. „Mit dem Alleinherrscher Erdogan zu posieren empfinde ich als respektlos denen gegenüber, die in der Türkei gegängelt werden oder willkürlich im Gefängnis sitzen“, erklärte der frühere Parteichef am Sonntag. Özil sei „seiner Vorbildfunktion nicht gerecht geworden“.

Özdemir: "Unsägliche Debatte von rechts"

Der „Berliner Zeitung“ vom Montag sagte Özdemir, die „unmöglichen Fotos“ mit Erdogan seien „die eine Seite der Medaille“. Die andere Seite sei „das katastrophale Krisenmanagement der DFB-Spitze vor, während und nach der WM“. Das „peinliche Agieren“ von Grindel und Team-Manager Oliver Bierhoff habe „Raum gelassen für eine unsägliche Debatte von rechts“. Es sei „fatal, wenn junge Deutsch-Türken jetzt den Eindruck bekommen, sie hätten keinen Platz in der deutschen Nationalelf“.

Unionspolitiker forderten nach Özils Rückzug ein Bekenntnis zur freiheitlichen Ordnung. „Niemand muss oder soll Wurzeln verleugnen, freilich wünsche ich mir schon auch ein deutliches Bekenntnis für das neue Heimatland“, sagte Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU) der „Bild“-Zeitung vom Montag. Er wünsche sich „ein klares Bekenntnis zu unseren Werten“, „gerade gegenüber jemandem“ wie Erdogan.

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NRW-Integrationsstaatssekretärin Serap Güler (CDU), die selbst türkische Wurzeln hat, sagte dem Blatt, Verbundenheit mit dem Heimatland der Eltern und Kritik an der Regierung würden sich nicht ausschließen. „Man kann ja auch bei uns kritisch gegenüber der Bundesregierung sein und Deutschland trotzdem lieben.“

Diesen Punkt scheine Özil aber „nicht verstanden zu haben“. „Die Einladung eines Autokraten auszuschlagen wäre nicht respektlos gewesen. Es hätte Haltung gezeigt“, sagte sie mit Blick auf das Treffen mit Erdogan. Özils Rechtfertigung zeige, „wie nötig eine echte Wertedebatte ist“.

Auch der stellvertretende SPD-Vorsitzende Thorsten Schäfer-Gümbel meldet sich auf Twitter zur Causa Özil zu Wort.

Paul Ziemiak (CDU), Vorsitzender der Jungen Union, warf Özil vor allem politische Naivität vor. „Niemand vernünftiges will, dass Mesut Özil seine Herkunft verleugnet. Aber zu behaupten, dass ein Foto mit Erdogan - mitten im türkischen Wahlkampf - ohne politische Absichten entstanden sei, ist naiv“, sagte er der „Bild“.

Klare Reaktionen pro Özil aus der Türkei

Die türkische Regierung hat mit großer Zustimmung auf den Rücktritt Mesut Özils aus der deutschen Fußballnationalmannschaft reagiert. Özil habe mit seinem Ausstieg ein "wunderschönes Tor gegen das Virus des Faschismus" geschossen, lobte Justizminister Abdulhamit Gül den Mittelfeldspieler des FC Arsenal am Montag.

„Wir unterstützen die ehrenhafte Haltung unseres Bruders Mesut Özil von Herzen", das sagt auch der türkische Sportminister Mehmet Kasapoglu auf Twitter.

Der Sprecher des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, Ibrahim Kalin, meldete sich mit diesen Worten auf Twitter: „Aber stellen Sie sich vor, welchem Druck Herr Mesut in diesem Prozess ausgesetzt war. Wo sind Höflichkeit, Toleranz, Pluralismus geblieben...?!“

Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Renate Künast spricht auf Twitter von einem "Dokument des Scheiterns". 

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz (CDU), sagte der „Bild“, es sei „gut, dass sich Özil endlich erklärt hat“. „Bei allem Verständnis für die familiären Wurzeln“, müssten sich Spieler der Fußballnationalmannschaft aber „Kritik gefallen lassen, wenn Sie sich für Wahlkampfzwecke hergeben“. Diese berechtigte Kritik dürfe aber „nicht in eine pauschale Abwertung von Spielern mit Migrationshintergrund umschlagen“.  

Hoeneß kritisiert Özil als Fußballer scharf

Uli Hoeneß hat Mesut Özil nach dessen Rücktritt aus der Fußball-Nationalmannschaft und seiner Generalabrechnung mit dem Deutschen Fußball-Bund am Montag scharf kritisiert. „Ich bin froh, dass der Spuk vorbei ist. Der hat seit Jahren einen Dreck gespielt. Den letzten Zweikampf hat er vor der WM 2014 gewonnen. Und jetzt versteckt er sich und seine Mist-Leistung hinter diesem Foto“, sagte der Präsident des FC Bayern München der „Sport Bild“ vor dem Abflug des Clubs zu einer US-Tour.

Zuletzt in Russland, als die Nationalmannschaft in der Vorrunde scheiterte, habe „niemand hinterfragt, was der bei der WM für einen Mist gespielt hat“, sagte Hoeneß: „Seine 35 Millionen Follower-Boys, die es natürlich in der wirklichen Welt nicht gibt, kümmern sich darum, dass er überragend gespielt hat, wenn er einen Querpass an den Mann bringt.“

Der Bayern-Boss sagte zudem: „Die Entwicklung in unserem Land ist eine Katastrophe. Man muss es mal wieder auf das reduzieren, was es ist: Sport. Und sportlich hat Özil seit Jahren nichts in der Nationalmannschaft verloren!“

(AFP / dpa)