Amatrice – Matteo Renzi gab sich am Tag der Katastrophe ebenso staatsmännisch wie mitfühlend. „Jetzt müssen die Tränen trocknen“, sagte der italienische Ministerpräsident nach seinem Besuch im Erdbebengebiet, „dann geht es an den Wiederaufbau.“ Noch immer sind nicht alle Opfer und Vermissten nach dem schweren Erdbeben in Mittelitalien gefunden. Über 240 Tote melden die Behörden am Donnerstagabend, da ist in der italienischen Politik bereits von der Rekonstruktion die Rede. Die Regierung hat signalisiert, die Überlebenden in den zerstörten Dörfern wie Amatrice, Accumoli oder Aquata del Tronto nicht im Stich zu lassen.

In Italien wurden seit dem Jahr 1968 insgesamt 180 Milliarden Euro für den Wiederaufbau nach Erdbeben investiert. Das hat der italienische Verband der Bauunternehmer errechnet. 13,7 Milliarden Euro wurden alleine für die Rekonstruktion nach dem Erdbeben 2009 in den Abruzzen bereit gestellt. Alle paar Jahre wird das Land von einem schweren Erdbeben heimgesucht, zuletzt 2012 in der Emilia-Romagna. Immer wieder fielen Hunderte Menschen in den vergangenen Jahrzehnten den Naturkatastrophen zum Opfer. Der Wiederaufbau ist zweifellos notwendig, aber Geologen, Seismologen und Angehörige des italienischen Zivilschutzes beklagen vor allem den Mangel an Erdbeben-Prävention in Italien. „Immer unvorbereitet“, titelte die Mailänder Zeitung Libero am Donnerstag auf der ersten Seite.

„In Italien haben wir trotz allem keine Präventions-Kultur“, sagt Francesco Peduto, Vorsitzender des italienischen Geologen-Rates. 24 Millionen der knapp 60 Millionen Italiener leben laut Peduto in Gegenden mit erhöhtem Erdbeben-Risiko. „Wir geben uns damit zufrieden, den Notstand zu verwalten“, kritisiert der Erdbebenforscher Massimo Cocco des italienischen Instituts für Geophysik und Vulkanologie (Ingv). Enzo Boschi, Seismologe und ehemaliger Präsident des Ingv behauptet: „In Italien wird nur nach Erdbeben verantwortungsvoll gebaut.“ Der Fall war dies etwa in der umbrischen Stadt Norcia, die bereits 1979 und 1997 von Erdbeben betroffen war. Nach entsprechenden Baumaßnahmen gab es beim jetzigen Beben weder Tote noch Verletzte und kaum Schäden, obwohl das Epizentrum in unmittelbarer Nähe lag.

Unisono fordern die Experten nun einen mehrfachen Wandel. Zum Einen bedürfe es einer neuen Kultur der Prävention. Die oft ahnungslose Bevölkerung in den entsprechenden Gebieten müsse für die Risiken sensibilisiert werden und eine Anleitung für richtiges Verhalten im Fall von Erdbeben bekommen, das sei bisher nicht der Fall. „Zwischen 20 und 50 Prozent der Todesfälle haben ihre Ursache in Fehlverhalten der Personen während eines seismischen Ereignisses“, sagt Peduto.

Andererseits monieren die Experten die mangelnde Sicherung der Gebäude gegen Erdbeben. Ihr Einsturz verursacht die meisten Todesfälle. Obwohl Italien das am meisten von Erdbeben betroffene Land in Europa ist, seien 70 Prozent aller Immobilien nicht erdbebensicher. Grund dafür ist auch die alte Bausubstanz, wie in den teilweise mittelalterlichen Dörfern Amatrice oder Accumoli. Steuerbegünstigungen für erdbebensichere Renovierungen privater Gebäude erwiesen sich bislang als Flop. Eigentümer haben oft weder Mittel noch Interesse an aufwändigen Umbauten. Gegen die Kategorisierung privater Gebäude wehrten sich Italiens Immobilieneigentümer bislang erfolgreich. Die Etikettierung eines Hauses als unsicher hätte entweder eine Entwertung oder aufwändige Umbaumaßnahmen zur Folge. „Die Regierung müsste wenigstens Krankenhäuser und Schulen sichern lassen“, sagt Seismologe Massimo Cocco. Geologe Peduto fordert gar einen nationalen Plan zur Sicherung der Gebäude.

Erst als im Herbst 2002 in der Region Molise 27 Kinder und eine Lehrerin nach einem Erdstoß in ihrer Schule erdrückt wurden, begann die Regierung mit der Unterteilung des Landes in verschiedene Gefahrenzonen. Erdbebensicheres Gebiet gibt es demnach seit 2004 in Italien offiziell nicht mehr. Konsequenzen aus der Erfassung der besonders sensiblen oder strategisch wichtigen Gebäude wurden aber nur ungenügend gezogen. Immer noch sind zahlreiche Schulen nicht erdbebensicher.

So stürzte beim jetzigen Beben in Mittelitalien auch das Schulgebäude von Amatrice ein, in dem sich Kindergarten, Grund-, und Mittelschule befanden, obwohl es 2012 angeblich erdbebensicher renoviert worden war. Da sich das Beben nachts um 3.36 Uhr ereignete, war das Gebäude glücklicherweise leer. Auch das Rathaus von Amatrice fiel in sich zusammen, das Krankenhaus wurde evakuiert und ist unbegehbar. Die Staatsanwaltschaft aus der nahegelegenen Provinzhauptstadt Rieti ermittelt.

 

Retten ist nicht einfach

Wenn ein Mensch unter Trümmern verschüttet wird, werden nicht nur die erlittenen Verletzungen für ihn zur Gefahr. Ein wichtiger Faktor ist auch die Luftzufuhr. „Gerade bei dem Erdbeben in Italien handelt es sich um viele alte Gebäude aus einfachem Mauerwerk. Die Trümmer sind sehr kleinbrockig – dadurch bilden sich nicht so viele Hohlräume“, erklärt Ulf Langemeier vom Technischen Hilfswerk (THW). Das bedeutet: Man kann ersticken. Ein weiteres Problem ist die Versorgung mit Wasser. Gelingt es nicht, die Verschütteten innerhalb von drei bis vier Tagen zu retten, sinkt die Überlebenswahrscheinlichkeit stark. Um Verschüttete zu finden, werden neben Rettungshunden auch Kameras eingesetzt, die auf einem Teleskopstab in die Trümmer vordringen können. Eine andere Variante sind Seismographen, die Kratz- und Klopfgeräusche orten. (dpa)

Warum viele der Opfer Kinder sind

Viele Eltern schicken ihre Kinder in den Sommerferien zu „nonno e nonna“, also zu Opa und Oma. Die wohnen oft noch in kleinen Orten, während die Eltern in Städten arbeiten. Es sind vor allem diese herzzerreißenden Geschichten von den kleinen Opfern des Erdbebens, von denen italienische Medien berichten:  

  • Eine Mutter zog aus L'Aquila weg, nachdem sie das schwere Beben dort vor sieben Jahren überlebt hatte. Ruhe wollte sie in den Marken finden, in dem kleinen Ort Arquata del Tronto. Doch dort nahm ihr nun das Beben ihre kleine Tochter weg: Mariosol wurde nur 18 Monate alt.
  • Eine ganze Familie wurde im Dorf Accumoli ausgelöscht. Mutter, Vater, ein Grundschulkind und ein kleines Baby. Sie alle schliefen in einem Zimmer, als das Dach über ihnen zusammenbrach. Niemand überlebte.
  • Ein Elfjähriger rief unter den Trümmern nach Hilfe. Über Stunden versuchten die Retter, ihn lebend zu bergen. Doch die Rufe von Alfredino aus Amatrice verstummten. Als er schließlich aus den Trümmern gezogen wurde, war der Junge tot.
  • Das Schicksal der Zwillingsjungs Simone und Andrea aus Amatrice: Simone konnte noch lebend aus seinem Gefängnis aus Stein geborgen werden, doch dann erlag er seinen Verletzungen. Sein Bruder starb schon unter den Trümmern.

Schicksale mit gutem Ende:

  • Eine Großmutter verkroch sich in Arquata del Tronto mit ihren beiden Enkeln Leone und Samuele unter einem Bett, als die Welt über ihnen zusammenbrach. Sie überlebten.
  • Elisabetta bewies Mut: Das Mädchen sprang aus dem Fenster aus dem ersten Stock in Pescara del Tronto. Unten stand ihr Vater und fing sie auf. Das Kind ist wohlauf. (dpa)