Eine zierliche junge Frau läuft in altrosa Kapuzenumhang über eine verschneite Terrasse auf ein hell erleuchtetes Schloss zu. An einem Fenster haucht sie ein Guckloch in die Eisblumen auf der Scheibe. Diese bekannte Szene aus dem TV-Klassiker „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ wollen Tag für Tag viele Besucher zwischen Kleinkind- und Greisenalter nachstellen. Das Fenster zum „Ballsaal“ – hier im sächsischen Schloss Moritzburg – ist einer von vier Originalschauplätzen, an dem die deutsch-tschechische Koproduktion 1973 entstand. Der Kult-Märchenfilm bestimmt seit mehr als 40 Jahren das weihnachtliche Fernsehprogramm, er wird öffentlich aufgeführt, ist im Theater präsent und füllt Ausstellungen.

„Zu groß“, sagt Anja aus Bayern, die ihren rechten Fuß in den Messingpumps auf der Osttreppe von Schloss Moritzburg steckt. „Der Schuh ist ganz schön kalt“, meint die 46-Jährige und wechselt bei zwei Grad über Null schnell wieder in den warmen Stiefel. Für sie hat sich mit dem Besuch am Originalschauplatz von „3HfA“, wie Fans den Film nennen, ein Traum erfüllt. „Er gehört für mich zu Weihnachten, seit ich Kind bin“, erzählt die gebürtige Vogtländerin etwa an der Stelle, wo Aschenbrödel ihren Schuh auf der Leinwand verliert.

Das frühere Jagdschloss des sächsischen Kurfürsten August der Starke aus dem 18. Jahrhundert war im Winter 1972/1973 Drehort, neben dem Böhmerwald und den Filmstudios in Babelsberg. Eigentlich sollte es ein Sommerfilm werden, wie der Kulturwissenschaftler Stefan Retzlaff erzählt. Da aber die DEFA sofort anfangen wollte mit dem Dreh, wurde alles auf Winter umgeschrieben. Hauptdarstellerin Libuše Šafránková und die anderen Schauspieler froren trotz langer Unterhosen in ihren leichten Renaissancekostümen.

„Der Schnee hat dem Märchen seine Reinheit gegeben“, sagt Šafránková, die auch dank Popelku, wie Aschenbrödel auf tschechisch heißt, in ihrer Heimat zum Star wurde. Die weißen Landschaften machten es „zum Weihnachtsmärchen schlechthin“, sagt „3HfA“-Forscher Retzlaff. Als erfolgreichste Aschenputtel-Verfilmung gehöre es zur weltweiten Märchen-Überlieferung. Die bis in die Gegenwart immer wieder neu erzählte Story sei Teil des Phänomens. „Es ist die Geschichte eines sozialen und persönlichen Aufstiegs.“

Drehbuchautor František Pavlícek habe zugleich ein selbstbewusstes Aschenputtel kreiert, das sich nicht unterkriegen lasse. „In dieser Modernität und Spritzigkeit einer emanzipierten Hauptfigur liegt ein Grund für die anhaltende Beliebtheit“, sagt Kunsthistorikerin Margitta Hensel, die zum Mythos Aschenbrödel forschte. Auch die Musik von Komponist Karel Svoboda spielte eine große Rolle. „Es war eine glückliche Konstellation“, erinnert sich Šafránková.

Šafránková sieht in jedem alten Märchen eigentlich die Anleitung „zum mystischen Weg“ und den „Schlüssel zur geistlichen Entwicklung“. „Die Kinderseele kann es wahrscheinlich auf eine bestimmte Weise herausfühlen und mit sich bis ins erwachsene Alter mitnehmen“, sagt die 63-Jährige. Für Hannelore Unterberg, die das Drehbuch deutsch synchronisierte, „ist es – wie 'Sissi' – einfach ein Wohlfühlfilm“.

Der Germanistikprofessor Lars Koch von der TU Dresden zählt ihn „zum kollektiven Ritualhaushalt“, der Erwachsene an die Kindheit erinnert. „Er ist gewissermaßen nostalgisch codiert.“ Die „sehr charmante“ Umsetzung des Märchens genüge „einer relativ naiven kindlichen Rezeption“, spreche in ironisch-augenzwinkernder Art aber auch ältere Zuschauer an. „Und er passt natürlich als eine Erzählung von poetischer Gerechtigkeit und schlussendlichem Happy End in winterlicher Landschaft gut in die weihnachtliche Stimmung.“

„3HfA“-Forscher Retzlaff hält auch die Mischung aus Märchen und Film für „unheimlich geschickt“. „Alles, was zum Märchen gehört, ist dabei und wiederkennbar, aber zugleich ist alles, was unbedingt nicht märchenmäßig sein muss, stark modernisiert.“ So seien das Verhältnis und der Umgang der Eltern oder des Prinzen zu seinen Eltern „ganz nah am alltäglichen Leben“.