Ein vielstimmiges Brummen am Himmel reißt gegen 11 Uhr vormittags die Einwohner von Schaffhausen aus ihrer Beschäftigung. Das dumpfe Motorengeräusch nähert sich rasch der Stadt. Es vermischt sich mit dem Geheul von Sirenen. Fliegeralarm. Kurz darauf öffnen 47 viermotorige B-24 "Liberator"-Maschinen der US-Luftwaffe ihre Bombenschächte.

Ein schwerer amerikanischer Bomber vom Typ Consolidated B-24 "Liberator" ("Befreier"). Für die Schweizer kam das Flugzeug an jenem 1. April 1944 aber als Unglücksbringer. Die Maschine konnte bis zu 3,6 Tonnen Bomben an Bord nehmen.
Ein schwerer amerikanischer Bomber vom Typ Consolidated B-24 "Liberator" ("Befreier"). Für die Schweizer kam das Flugzeug an jenem 1. April 1944 aber als Unglücksbringer. Die Maschine konnte bis zu 3,6 Tonnen Bomben an Bord nehmen. | Bild: National Museum of the USAF

Fast 400 Spreng- und Brandbomben fallen auf die Schweizer Grenzstadt mit ihren vielen historischen Häuserzeilen.

Der Angriff der US Air Force am 1. April 1944 dauerte kaum eine Minute. Aber er richtete furchtbare Schäden an – und es brachte das Grauen des Zweiten Weltkriegs wie nie zuvor und nie mehr danach in das neutrale Land in der Mitte des umkämpften Europas: In Schaffhausen verloren 40 Menschen ihr Leben – 29 Männer, neun Frauen und zwei Kinder. Hunderte Menschen erlitten teils schwere Verletzungen, fast 200 Häuser wurden beschädigt oder zerstört.

Ein Soldat der Schweizer Armee steht mit seinem Karabiner vor einer ausgeglühten Ruine. Vermutlich um Plünderungen vorzubeugen hat man Patrouillen in der Stadt eingesetzt.
Ein Soldat der Schweizer Armee steht mit seinem Karabiner vor einer ausgeglühten Ruine. Vermutlich um Plünderungen vorzubeugen hat man Patrouillen in der Stadt eingesetzt. | Bild: dpa - Milou Steiner

Schaffhausen ereilte plötzlich ein Schicksal, das die helvetische Stadt mit vielen Orten in Deutschland und Europa teilte.

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Doch es gab einen großen Unterschied: Die Schweiz nahm am Weltkrieg nicht teil, sondern sie war neutral. Das wussten die alliierten Piloten zwar, wenn sie Ziele über den Reichsgebiet ansteuerten. Allerdings war die technische Ausrüstung der Bomber noch so einfach, dass man den Weg hauptsächlich nach Sicht suchte. War die wegen einer niedrigen Wolkendecke schlecht, wurde mitunter auch eine Stadt, die man bombardieren wollte, verfehlt. Da man in Schaffhausen die Gleisanlagen des Bahnhofs gut erkennen konnte, zielten die Piloten dorthin.

Aufräumarbeiten in den Trümmern des Bahnhofbüros von Schaffhausen. Hier kamen vier von insgesamt 40 Menschen in der Stadt ums Leben.
Aufräumarbeiten in den Trümmern des Bahnhofbüros von Schaffhausen. Hier kamen vier von insgesamt 40 Menschen in der Stadt ums Leben. | Bild: dpa / Walter Scheiwiller, Milou Steine

Schon vor dem 1. April 1944 war es versehentlich zu Bombardierungen von Schweizer Gebiet gekommen. Im Mai 1943 hatte ein Abwurf den Zürcher Stadtteil Oerlikon getroffen. Zwei Monate später regneten 1,2 Tonnen britische Bomben auf das kleine Riggisberg südlich von Bern, weil der Pilot einen Notabwurf vornahm. Insgesamt wurden bei alliierten Luftangriffen im Zweiten Weltkrieg 84 Schweizer getötet.

Ludwigshafen am Rhein war das Ziel

Wie kam es zu dem Irrtum der Amerikaner über Schaffhausen? „Am Morgen des 1. April 1944 hoben rund 1000 US-Flugzeuge von ihren zwei Basen in der Grafschaft Norfolk in England ab“, berichtet der Historiker Matthias Wipf. Eigentlich wollten die Besatzungen ihre tödliche Fracht über Ludwigshafen am Rhein ausklinken. Dort sollte die Produktion des Chemie-Riesen IG Farben (vormals und nach dem Krieg wieder BASF) getroffen werden. Hier wurden Sprengstoffe und künstliches Benzin für Hitlers Wehrmacht hergestellt. „Doch die US-Piloten verflogen sich völlig“, sagt der Historiker. „Miserables Wetter und rudimentäre Navigationsinstrumente brachten die Maschinen vom Kurs ab.“

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Loch in der Wolkendecke

„Der Stadt Schaffhausen und ihren Bewohnern wurde ein Loch in der dichten Wolkendecke zum Verhängnis“, ist sich Matthias Wipf sicher. „Die Amerikaner sahen auf den Boden und dachten, sie hätten eine deutsche Stadt unter sich – und bombardierten.“ Zahlreiche Familien verloren ihr Dach über dem Kopf. Öffentliche Gebäude – etwa Schulen – mussten hunderte plötzlich obdachlose Familien aufnehmen.

Eine durch den Angriff obdachlos gewordene Familie in einer Notunterkunft, die vermutlich vorher als Klassenraum einer Schule diente.
Eine durch den Angriff obdachlos gewordene Familie in einer Notunterkunft, die vermutlich vorher als Klassenraum einer Schule diente. | Bild: dpa / Lindroos

In der Stadt musste schnell eine provisorische Versorgung mit Lebensmitteln organisiert werden. Suppenküchen wurden aufgebaut, die eine warme Mahlzeit ausgaben.

Nach dem Angriff: Frauen geben an einer öffentlichen Verpflegungsstelle in Schaffhausen Suppe an Einwohner aus. |
Nach dem Angriff: Frauen geben an einer öffentlichen Verpflegungsstelle in Schaffhausen Suppe an Einwohner aus. | | Bild: dpa / Schmidli

Aber nicht nur bei diesen Hilfseinrichtungen waren Frauen im Einsatz. Auch dort, wo Trümmer auf den Straßen mit bloßen Händen weggeräumt werden konnten, packten mit an und füllten große Körbe mit Schutt.

Aufräumarbeiten: Frauen hantieren mit einem Korb, in dem Mauerbruchstücke aufgelesen und gesammelt werden. Auch Kräne und schweres Räumgerät wurden zur Trümmerbeseitigung eingesetzt.
Aufräumarbeiten: Frauen hantieren mit einem Korb, in dem Mauerbruchstücke aufgelesen und gesammelt werden. Auch Kräne und schweres Räumgerät wurden zur Trümmerbeseitigung eingesetzt. | Bild: dpa / Walter Scheiwiller, Milou Steine

Aber auch militärisch organisierte Zivilschutz-Kräfte waren in der bombardierten, noch immer qualmenden Stadt am Rhein im Einsatz und rückten mit einfachem Werkzeug aus.

Mitglieder des Zivilschutzes – ausgerüstet mit Schaufeln und Spitzhacken – auf dem Weg zu ihrem Einsatz während der Aufräumarbeiten in Schaffhausen.
Mitglieder des Zivilschutzes – ausgerüstet mit Schaufeln und Spitzhacken – auf dem Weg zu ihrem Einsatz während der Aufräumarbeiten in Schaffhausen. | Bild: dpa / Walter Scheiwiller, Milou Steine

Mediziner und Pflegekräfte in den Krankenhäusern wurden plötzlich mit Schwerverletzten konfrontiert, die teilweise schwere Brandwunden hatten.

Emil Busenhart liegt im Kantonsspital Schaffhausen. Er wurde bei der Bombardierung Schaffhausens durch Glassplitter schwer verletzt.
Emil Busenhart liegt im Kantonsspital Schaffhausen. Er wurde bei der Bombardierung Schaffhausens durch Glassplitter schwer verletzt. | Bild: dpa / Walter Scheiwiller, Milou Steine

Den Verdacht, dass der Angriff absichtlich erfolgt sein könnte, weist Matthias Wipf zurück. Er spricht von einem „katastrophalen Irrtum“ der US-Luftwaffe. Die alte These, wonach die USA die Schweiz für ihre Devisen- und Rüstungs-Kooperation mit dem Dritten Reich bestrafen wollten, ist gemäß Wipf, der alle Akten in amerikanischen und englischen Archiven einsehen konnte, nicht länger haltbar. „Wenn die Amerikaner den Schweizern eine Lektion hätten erteilen wollen, dann hätten sie viel genauer diejenigen Industrieanlagen getroffen, die auch in Schaffhausen teilweise für Nazi-Deutschland produzierten." Da waren etwa die Werke der Schweizerischen Industrie-Gesellschaft oder Georg Fischer – doch beide blieben bei dem US-Luftangriff im April 1944 ungeschoren.

Entschuldigung von Roosevelt

Schnell erkannten die Amerikaner, was sie angerichtet hatten. General Carl Spaatz, Chef der strategischen US-Luftstreitkräfte in Europa, entschuldigte sich bei den Schweizern. Präsident Franklin D. Roosevelt schickte ein Schreiben an den Bürgermeister von Schaffhausen.

Franklin D. Roosevelt (1882-1945), 32. Präsident der Vereinigten Staaten, gilt als einer der Großen im Weißen Haus. Er gehörte der Demokatischen Partei an und war zuletzt an den Rollstuhl gefesselt. Er starb kurz vor der deutschen Kapitulation und dem Ende des Weltkriegs in Europa.
Franklin D. Roosevelt (1882-1945), 32. Präsident der Vereinigten Staaten, gilt als einer der Großen im Weißen Haus. Er gehörte der Demokatischen Partei an und war zuletzt an den Rollstuhl gefesselt. Er starb kurz vor der deutschen Kapitulation und dem Ende des Weltkriegs in Europa. | Bild: FDR Library

Er drückte darin sein Mitgefühl über den „Verlust unschuldigen Lebens und unersetzbarer Kunstschätze“ aus. Immerhin zahlten die USA an die Schweizer eine Kompensation von 40 Millionen Franken.