Jacke oder T-Shirt? Fahrrad oder Auto? Große Fragen des Alltags, die sich Millionen Menschen jeden Morgen stellen. Die Antworten liefert in den meisten Fällen ein Blick aufs Telefon. Wetter-Apps gehören zu den erfolgreichsten Programmen für Smartphones. Der Wahnsinnssommer, in dem ein Tag schöner war als der andere, hat ihnen sogar noch einen Schub gegeben: Weit über 250 Millionen Mal wurde die Seite des deutschen Marktführers Wetteronline von Juni bis August von Deutschland aus aufgerufen, der größte Anteil lief dabei über die App.

Wer in zwei Wochen in den Urlaub fliegt, schaut bis dahin täglich, wie am Reiseziel das Wetter wird. Für jeden Ort der Welt ist sofort eine Prognose verfügbar. In der allzeit vernetzten Welt sind wir darauf konditioniert, jederzeit alles wissen zu können. Eigenen Erfahrungen und Beobachtungen zu vertrauen, verlernen wir dabei zunehmend. So wie die Autofahrer, die immer nur aufs Navi hören und sich dann wundern, warum sie plötzlich in der Wiese feststecken. Anderes Thema.

Unterschiede schon beim Ist-Zustand

An einem Donnerstag machen wir den Test: Eine Reihe kostenloser Wetter-Apps soll uns das Wetter vorhersagen. Ein Blick aus dem Fenster zeigt: Alles ruhig, die Sonne kämpft sich durch ein paar Wolken.Was sagen die Apps? „12° Nebel“, meldet Clearday, das es auf das Tablet geschafft hat, weil es tolle animierte Bilder in der Vorschau hatte und auch noch gut bewertet war. Nicht so schick, aber näher dran ist Wetter.com (147 000 positive Bewertungen!): „15° bedeckt“. Wetteronline misst „14° wechselnd bewölkt“. Das kommt hin. Aber drei Grad Unterschied allein
bei der Anzeige der aktuellen Temperatur? Wie genau kann da die Vorhersage sein?

Wir brauchen Hilfe. Ein Anruf bei Diplom-Meteorologe Gerhard Lux vom Deutschen Wetterdienst (DWD) in Offenbach. Der klärt erst einmal das Grundsätzliche: „Wir
werden nie eine hundertprozentige Wettervorhersage haben. Das ist
physikalisch nicht möglich. Die Wettervorhersage ist die Auseinandersetzung
mit dem, was in unserer Atmosphäre geschieht. Aber die Atmosphäre ist ein chaotisches System. Kleinste Schwankungen oder Unsicherheiten in den Ausgangsdaten für die Wetterberechnung können nach kurzer Zeit zu völlig unterschiedlichen Vorhersagen führen.“ Das ist der Schmetterlingseffekt. Flattert in Brasilien ein Schmetterling nach links statt nach rechts, kann es eine Woche später bei sonst gleicher Ausgangslage in Texas einen Tornado geben.

Immer wieder neu berechnen

Am Anfang jeder Prognose steht also ein möglichst genaues Bild des Ist-Zustands. Dafür überziehen die DWD-Meteorologen am Computer die ganze Welt mit einem virtuellen Netz. 75 Kilometer reicht dieses Netz in die Höhe und für jeden seiner
256 Millionen Knotenpunkte berechnet der Supercomputer des DWD aus den gemessenen Daten mehrmals am Tag neu, wie dort das Wetter wird. Der Computer macht das ununterbrochen, 24 Stunden am Tag, ein ewiger Strom an Daten und
Berechnungen. 25 Millionen Euro hat diese Rechenmaschine, eine der größten in Europa, den Steuerzahler gekostet. Unvorstellbare 100 Billiarden Rechenoperationen erledigt sie in einer Sekunde.

Kaum ein Land auf der Welt hat so ein enges Messnetz wie Deutschland. Nur die nahe Schweiz hat mehr Messpunkte, mit ein Grund dafür, warum in unseren Breiten das „Schweizer Wetter“ oft treffsicherer ist als das deutsche. Aber von weiten Teilen Afrikas und einigen Gebieten Asiens gibt es gar keine Bodendaten. Auf dem Wasser fahren zwar viele Schiffe, die auch Daten an das globale Messnetz funken – aber nur entlang relativ weniger, für den globalen Güterstrom optimierter Routen. Bei Flugzeugen ist es nicht anders. Das heißt, für große Teile ihres Netzes müssen die Meteorologen den Ausgangszustand interpolieren.

Genauigkeit hat sich verbessert

Zum Glück gibt es aber noch Wetterballons, Radargeräte und Wettersatelliten, die helfen, die Lücken zu schließen.Über die Jahre haben sich die Vorhersagen des DWD erstaunlich verbessert. Für sechs Tage im Voraus sind sie heute besser als in den 70ern für die nächsten 24 Stunden. Für 36 Stunden im Voraus stimmt die Vorhersage immerhin noch zu 92 Prozent.

Ein paar Tage später, Zeit für die nächste Stichprobe. Clearday sagt 26° voraus, bei zehn Prozent Niederschlagswahrscheinlichkeit; Wetter.com 24°, kein Regen; Wetteronline sieht sogar 27° Grad, aber auch 30 Prozent Regenwahrscheinlichkeit. Glauben würde ich am liebsten Wetter.com. Aber wenn es danach geht, brauche ich ja keine Wetter-App. Was also ist da los, Herr Lux?

„Da kann ich auch nur spekulieren, ich weiß ja nicht mal, woher die Anbieter ihre Daten bekommen“, sagt der Wetter-Profi. Gerade vorinstallierte Apps kommen meist aus Amerika und greifen auf die Daten der großen US-Anbieter Accuweather
oder Weather Channel zurück. Die verwenden aber ein anderes Wettermodell mit einem grobmaschigeren Messnetz. In Europa, wo die Landschaft viel kleinteiliger
ist, stößt das an Grenzen. Woher die Apps ihre Daten haben, bleibt dem Nutzer fast immer verborgen.

Trotz seiner rund 2000 amtlichen Messstellen kann auch der DWD nicht überall messen. Eine private Wetterfirma könnte sich so ein großes Messnetz oder ein solches Rechenzentrum nicht leisten. Wie andere staatliche Wetterbehörden auch, stellt der DWD alle von ihm gemessenen und vorhergesagten Daten der Öffentlichkeit kostenfrei zur Verfügung. Die Daten sind das eine. Das andere ist, was man daraus macht.

„Die Qualitätsunterschiede bei der Wettervorhersage haben vor allem etwas mit dem Aufwand zu tun, den ich treibe, wenn ich Messdaten auslese und aufbereite“, sagt DWD-Meteorologe Lux. Wichtig für die Qualität der Vorhersage ist aber: Wie oft wird die Prognose erneuert? Der DWD rechnet bis zu achtmal am Tag eine neue Vorhersage. Und acht Wissenschaftler sind nur dafür da, alle DWD-Vorhersagen laufend zu überprüfen und nachzujustieren. Dazu kommt, dass die Vorhersagen
inzwischen im Ensemble gerechnet werden, das heißt, statt einer Vorhersage
werden 30 oder 40 Vorhersagen parallel mit leicht unterschiedlichen Ausgangsdaten gerechnet. So erkennt man, welche Vorhersage die wahrscheinlichste ist.

Wetter-Apps sind datenhungrig

Dabei sind gerade bei kostenlosen Wetter-Apps in der Regel nicht die Daten, die ins Gerät kommen, das größte Problem, sondern jene, die wieder rausgehen. Das Verbraucherschutzportal „Mobilsicher“ hat einige Wetter-Apps auf ihre Datenschutzeinstellungen getestet. Das Fazit Ende 2017: kommerzielle Wetter-Apps sind vor allem, wenn sie gratis angeboten werden, „eher als Datensammler mit Zusatzfunktion Wetterdienst zu betrachten“.

Zu den Daten, die von den Apps vieler privater Wetterfirmen vor allem mit Werbevermarktern, aber auch mit Facebook geteilt werden, gehören etwa, welches Gerät mit welchem Betriebssystem man benutzt, der Standort, manchmal sogar Geschlecht und Alter des Nutzers. Wer nicht in Euro und Cent bezahlt, verkauft sich durch die Nutzung seiner Daten selbst.

Auch die Warnwetter-App des DWD war zunächst kostenlos – eine App, die nach Meinung der Datenschützer vorbildlich war. Nach einer Klage von Wetteronline muss man nun dafür bezahlen. Nur eine abgespeckte Version, die vor Unwettern und Naturkatastrophen warnt, gibt es weiterhin gratis.

Lieber eine Jacke mitnehmen

Wieder ein Donnerstagabend, 17 Uhr. Zeit für einen letzten Blick aus dem Fenster. Wetter.com hat bei der letzten Vorhersage gestern Morgen eine Punktlandung hingelegt. Clearday hatte die Uhrzeit richtig, aber gleich ein Unwetter vorhergesagt. Der DWD hat aktuell tatsächlich eine Unwetterwarnung rausgegeben, aber für etwas weiter südlich. Wetter-online hat den Regen erst für 19 Uhr erwartet und die Tageshöchsttemperatur etwas zu niedrig angesetzt.

Eine Empfehlung? Wetter-Apps sind Geschmackssache. Wer sie nutzt, muss sich überlegen, was er bereit ist, dafür zu bezahlen. Was sonst auch ginge: Jacke mitnehmen, wenn man das Haus verlässt.