Paris ist 21 Jahre jung und gerade auf dem Weg in eine nahegelegenen Bar, als die sonst so abstrakte Angst vor dem Terror plötzlich sehr real wird. „Vorsicht, er hat eine Waffe“, ruft ein Passant – und meint damit offenbar den Fahrer des Lasters, der gerade in den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche gerast ist. Ob das stimmt oder ob jemandem in diesem Durcheinander aus fliehenden Menschen, zusammengebrochenen Bretterbuden und dem Hupen der Martinshörner seine Phantasie einen Streich gespielt hat, weiß allerdings auch der junge Mann nicht, der nur einen unbeschwerten Abend verbringen will. Die Frage, wie es ihm gehe, mag er schon gar nicht mehr beantworten, zu tief sitzt der Schock.

„Wir kamen aus dem S-Bahnhof“, erzählt er dann noch, „uns liefen viele Leute entgegen. Ich dachte sofort, es war ein Anschlag. Und wir hatten Angst um unsere Mütter, die auf dem Weihnachtsmarkt waren.“ Polizisten hätten extrem laut „weg, weg“ geschrieen. Frauen hätten begonnen zu weinen, ein Mann sei in Ohnmacht gefallen. „Ein anderer schrie Bombe, Bombe. Nur wenige Leute sind ruhig geblieben, und ich sah mehrere Personen regungslos am Boden liegen.“ Die Gerüchte überschlagen sich.

Breitscheidplatz. Ein Video, gedreht von einem Mitarbeiter der Berliner Morgenpost, zeigt gespenstische Szenen: Menschen, die wie tot vor Glühwein- und Imbissbuden liegen, andere Besucher, die sich um sie kümmern, und einen großen Sattelschlepper einer polnischen Firma, der weit in den Markt hinein geschlittert ist, gut und gerne 50 Meter. Die Frontscheibe ist zersplittert, die Fahrerkabine leer, am Boden offenbar weitere Opfer, die im Halbdunkel aber nur zu erahnen sind. Es gebe ein „verheerendes Bild vor Ort“, sagte ein Polizeisprecher. Erste Meldungen, es habe sich um einen tragischen Unfall mit einem Toten und mehreren Verletzten gehandelt, weichen bald einer erschütternden Ahnung: Die Polizei geht früh schon von einem Anschlag aus. Eine halbe Stunde später ist bereits von mindestens neun Toten und etwa 50 teilweise Schwerverletzten die Rede.

Der Fahrer war zunächst Richtung Zoo geflüchtet. Später wurde er nach Polizeiangaben festgenommen und auf eine Polizeidienststelle gebracht. Sein Beifahrer ist laut Polizeiangaben tot. Der Laster hatte polnische Kennzeichen und soll gestohlen worden sein.

Nach Worten von Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller (SPD) war die Situation am Abend unter Kontrolle. Der Regierungschef reagierte geschockt. „Was wir hier sehen, ist dramatisch“, sagte Müller auf dem Breitscheidplatz. Seine Gedanken seien bei den Familien, die Tote oder Verletzte zu beklagen hätten. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zeigte sich bestürzt. „Wir trauern um die Toten und hoffen, dass den vielen Verletzten geholfen werden kann“, teilte Regierungssprecher Steffen Seibert über Twitter mit. Merkel sei mit Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) und Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller in Kontakt.

Bundesinnenminister de Maizière erklärte: „Meine Gedanken sind jetzt bei den Angehörigen der Opfer und den Verletzen des schrecklichen Vorfalls. Ich stehe in unmittelbarem und durchgehendem Austausch mit den Sicherheitsverantwortlichen im Land Berlin und habe jede Unterstützung durch die Bundespolizei angeboten.“

Mit Entsetzen haben Österreichs Spitzenpolitiker reagiert. Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) erklärte via Twitter, seine Gedanken seien bei den Opfern und ihren Angehörigen. Auch Vizekanzler Reinhold Mitterlehner und Außenminister Sebastian Kurz (beide ÖVP) äußerten auf Twitter ihr Entsetzen und kondolierten den Familien der Opfer. Innenminister Wolfgang Sobotka (ÖVP) sagte: „Europa wird mehr denn je zusammenhalten, um Angriffe auf unsere Gesellschaft zu verhindern.“

Der Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche ist einer der beliebtesten in Berlin, Touristen wie Einheimische besuchen ihn gleichermaßen gerne, weil er aus allen Richtungen gut erreichbar und nicht ganz so überlaufen wie andere Märkte ist. Kaum hat die Nachricht von dem mutmaßlichen Anschlag jedoch die Runde gemacht, macht Berlin gestern Abend allerdings einmal mehr seinen ruf als Hauptstadt der Gaffer und Adabeis alle Ehre: Die Polizei muss die Schaulustigen mehrfach dazu auffordern. Zufahrten und Rettungswege frei zu halten.