So verwaist und abgeranzt wie dieses Hotel – und da fängt für die Regie das Problem schon an –, ist unser Land ja gar nicht. Wie so viele Stücke Ödön von Horváths lässt sich „Zur schönen Aussicht“ nämlich kaum anders als in seiner originalen Gestalt auf die Bühne bringen: ein Stück, das zunächst einmal mehr über seine Entstehungszeit sagt, also über die Zwanzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts, als über die Krisen kommender Generationen. Und wenn Regisseurin Barbara Frey diesen Klassiker in Zürich vor allem deshalb inszeniert, weil sie in ihm das zerfallende Europa unserer Tage erkennt, so verlangt sie ihrem Publikum eine Menge an Übersetzungsleistung ab.

Anders als viele Bürger des heutigen Europas fürchtet sich Strasser (Michael Maertens), Besitzer des Hotels „Zur schönen Aussicht“, nicht vor Überfremdung. Im Gegenteil: Er muss damit rechnen, dass bald überhaupt kein Gast mehr kommt. Und gemeinsam mit seinem Kellner Max (Edmund Telgenkämper) und Chauffeur Karl (Nicolas Rosat) sorgt er sich weniger um den Erhalt seines Wohlstands als um die Abwendung des Bankrotts.

Auf der Bühne des Schiffbaus hat Freys Bühnenbildnerin Bettina Meyer einen mondänen Palast errichtet. Unten breitet sich vor Marmorwänden eine großzügige Hotellobby aus. Oben auf der zweiten Etage prangt das prächtige Wandgemälde zu einer historischen Schlacht über den Zimmertüren. Hier dürften zu besseren Zeiten noch die Reichen und Schönen abgestiegen sein. Doch heute ist das Telefon kaputt, die Tischdecken sind versifft. Und außer einer einsamen Baronin (Friederike Wagner), die als Dauergast auf ihre alten Tage die männliche Gesellschaft des beschäftigungslosen Hotelpersonals genießt, mag sich heute niemand mehr dieser Herberge erbarmen.

Die Stimmung schwankt zwischen Aggression und Depression. Der Kellner haut die Küchentür auf und zu, als wäre sie ein Boxsack, derweil zündet sich Strasser nervös eine Beruhigungszigarette nach der anderen an. Ein Handelsvertreter (Markus Scheumann) kommt vorbei: nein, nicht als zahlender Gast, sondern als Schuldeneintreiber. Bald steht der Bruder der Baronin (Hans Kremer) vor der Tür: Und nein, auch er will nichts bringen, sondern nur holen. Wer immer hier auftaucht, er macht die Sache nur noch schlimmer. Schlechte Aussichten also im Hotel „Zur schönen Aussicht“.

Entsprechend konsterniert zeigt sich Strasser bei der dritten unerwarteten Besucherin. „Christine? Ach, ich habe dich erst gar nicht gesehen!“, lügt er, nachdem sein Versuch gescheitert ist, sich von ihr unbemerkt wieder in die Küche zu verziehen. Die zierliche Frau (Carolin Conrad) weckt offenbar unangenehme Erinnerungen. Und in der Tat: Wie sich herausstellt, handelt es sich um jene einstige Hotelbesucherin, die mit dem Herrn Direktor Strasser eine folgenreiche Liaison eingegangen war. Jetzt hat sie ein Kind und fordert nach aller Voraussicht ihre Unterhaltszahlungen ein. Das hat noch gefehlt!

Wie Horváth seinen tragischen Helden sich aus seiner Verantwortung stehlen lässt, ist in seiner Perfidie dazu geeignet, ganz von alleine MeToo-Debatten auszulösen. In Absprache mit ihrem Chef fallen bald auch Kellner und Chauffeur Strassers Ex-Freundin um den Hals. Jeder will mit ihr geschlafen haben. Die junge Mutter, offenbar ist sie eine Prostituierte. So eine wird sich hüten, auf Alimente zu pochen.

Wenn es an Freys Inszenierung etwas über unsere aktuelle Situation zu lernen gibt, dann vielleicht das: Wer daran gewöhnt ist, täglich schlechte Nachrichten abzuwehren, der verliert alle moralischen Skrupel. Dann verschwindet der Mensch hinter der Maske seiner Not. „Du bist nicht so, ich kenn dich doch!“, ruft Christine verzweifelt. Die Wahrheit ist, dass wahrscheinlich nicht einmal Strasser selbst sich noch erkennt. Es sind Zerrbilder menschlicher Identitäten, die Christine in diesem Hotel vorfindet. Oder wie die Baronin es in ihrem so treffenden wie berühmten Ausspruch formuliert: „Eigentlich bin ich ganz anders, nur komme ich so selten dazu!“

Michael Maertens könnte diese Selbstverleugnung stärker ausspielen, seine Figur bleibt etwas unscharf an diesem Abend. Stärker wirkt die Zerrissenheit zwischen Unzufriedenheit und Hoffnung bei den Bediensteten: Vor allem Edmund Telgenkämper als Kellner überzeugt mit seiner Lust an zynischer Frustbewältigung. Großartig ist Friederike Wagner, deren Baronin in aller egoistischen Triebhaftigkeit doch auch einen Restbestand an Mitgefühl für die betrogene Christine offenbart.

Für einen ganzen Abend mag der aktuelle Bezug zu vage, die Regieabsicht zu blass erscheinen. Doch so ist das oft bei Horváths Stücken, die einfach zu konkret in ihrem historischen Kontext verankert sind.

Als Christine schließlich die tatsächlichen Verhältnisse offenbart – dass sie keineswegs als Bettlerin gekommen ist, sondern im Gegenteil als vermögende Erbin, die Strasser aus der Patsche helfen wollte –, schaut die Männergesellschaft verlegen aus der Wäsche. Plötzlich machen alle der vermeintlichen Prostituierten den Hof. Viele Nachrichten mögen eine ganze Weltsicht verfestigen. Eine einzige aber kann genügen, um diese Welt auf den Kopf zu stellen.

Kommende Vorstellungen: Heute sowie am 20., 25., und 28. Februar im Schiffbau. Weitere Informationen gibt es im Internet unter: www.schauspielhaus.ch

Das Stück

„Zur schönen Aussicht“ ist ein Frühwerk des ungarischen Dramatikers Ödön von Horvath (1901–1938). Obwohl es bereits 1926 geschrieben wurde, erlebte es seine Urauffährung erst 1969 in Graz. Im Mittelpunkt seiner Handlung steht das Verhältnis zwischen dem von der Pleite bedrohten Hotelbesitzer Strasser und seiner Ex-Geliebten Christine. Weil er fürchtet, dass sie für das gemeinsame Kind Unterhalt verlangt, schmiedet er gemeinsam mit seinen Angestellten eine Intrige. Tatsächlich aber erwartet Christine gar kein Geld, sondern will im Gegenteil ihrerseits helfen. (brg)