Wenn es eine Sportart gibt, die uns die aktuellen Probleme dieser Welt ständig vor Augen führt, dann ist es der Basketball. Rebound nennt es sich hier, wenn der Ball vom Brett zurück ins Spielfeld prallt. Mediziner und Ökonomen haben sich diesen Effekt zunutze gemacht, um ein sich immer weiter ausbreitendes Phänomen zu beschreiben, das gute Arbeit und beste Absichten zunichte macht: Die Rede ist vom Rebound-Effekt.

Langfristige Abhängigkeit

Das Prinzip ist leicht erklärt. Wer sein Sodbrennen mithilfe von Säureblockern in den Griff zu bekommen versucht, muss damit rechnen, dass der Magen gegen diese künstliche Blockade mit umso heftigerer Säureproduktion rebelliert. Im Ergebnis hat das Medikament zwar kurzfristig geholfen, langfristig aber führt es zur Abhängigkeit: Kaum abgesetzt kehrt das Sodbrennen zurück, und zwar heftiger denn je.

Dieser Rebound-Effekt bereitet uns längst in zahlreichen anderen Feldern unseres Lebens Probleme. Wie der Ball nach seinem Abwurf wieder ins Spielfeld zurückkommt statt in den Korb zu fallen, so prallen auch fast sämtliche Maßnahmen zur Energieeinsparung am menschlichen Verhalten ab.

Immer größere Autos

Der Sozialwissenschaftler Meinhard Miegel rechnet vor, wie sich in den vergangenen 20 Jahren der Automarkt entwickelt hat: Zwar hätten die Hersteller immer sparsamere Motoren konstruiert. Ihre Kunden allerdings seien im selben Zeitraum auf immer größere Modelle ausgewichen. Es hilft wenig, wenn Kleinwagen heute sparsamer sind als in den 90er-Jahren, wenn statt ihrer vor allem schwere Limousinen und sogenannte SUV gekauft werden.

Blick in ein Berliner Parkhaus: Der Verbrauch wird immer geringer, das Auto aber immer größer.
Blick in ein Berliner Parkhaus: Der Verbrauch wird immer geringer, das Auto aber immer größer. | Bild: Imago / Jürgen Ritter

Kühlschränke sind sparsamer geworden, aber auch größer, gerne mit stromfressenden Eiswürfelspendern. Waschmaschinen verbrauchen deutlich weniger Energie als vor Jahrzehnten. Dafür landet immer mehr Wäsche im Trockner statt auf der Leine. Und seit die moderne LED-Technologie eine Hausbeleuchtung auch zu günstigen Preisen ermöglicht, blinken und leuchten die Gärten in der Vorweihnachtszeit so hell wie nie zuvor.

Alljährlicher Weihnachtsbeleuchtungswahnsinn: Je verbrauchsärmer die Glühbirnen werden, desto mehr brennen zur Adventszeit an den Häuserfassaden.
Alljährlicher Weihnachtsbeleuchtungswahnsinn: Je verbrauchsärmer die Glühbirnen werden, desto mehr brennen zur Adventszeit an den Häuserfassaden. | Bild: Monika Skolimowska

Die Logik einer auf Wachstum basierenden Wirtschaft fordert den Rebound-Effekt geradezu heraus: Ehe der Kunde tatsächlich Energie spart, legt er Wert auf weitere Smartphones Klimaanlagen und Sitzheizungen. Selbst ein gewöhnliches Fahrrad – bislang Musterbeispiel für ökologisches Bewusstsein – wird inzwischen an die Steckdose angeschlossen. Der Absatz sogenannter E-Bikes liegt hierzulande inzwischen bei fast einer Million Stück im Jahr. Und allein mit unserem Konsum von Pornografie im Internet produzieren wir so viel CO2-Ausstoß wie Rumänien.

Allein unser Konsum von Pornografie im Internet verursacht inzwischen so viel CO2-Ausstoß wie ganz Rumänien.
Allein unser Konsum von Pornografie im Internet verursacht inzwischen so viel CO2-Ausstoß wie ganz Rumänien. | Bild: SEBASTIAN WILLNOW

Der Rebound-Effekt lässt auch Bildungsexperten aufstöhnen. Mit der Digitalisierung wurde Fachwissen zu großen Teilen auf Internet-Enzyklopädien und Apps ausgelagert. Internet-Euphoriker schwärmten einst von freiem Wissen und Bildungszugang für alle. Heute zieht etwa der Philosoph und Publizist Konrad Paul Ließmann eine ernüchternde Bilanz. Statt zum Wissen biete das Internet lediglich Zugang zu Informationen. Und weil sich junge Menschen zunehmend auf diesen Zugang allein verlassen, mangele es ihnen an der Fähigkeit, solche Informationen miteinander zu verknüpfen. Das Versprechen der digitalen Welt laute heute: „Du weißt zwar nichts, aber gleichzeitig weißt du alles, weil du nämlich ein Smartphone besitzt.“

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Die Wegwerfmentalität der Supermarktkunden ist nichts anderes als ein Ausdruck des Rebound-Effekts. Wenn Nahrungsmittel immer billiger werden, helfen auch keine wohlmeinenden Appelle zu einem verantwortungsbewussteren Umgang: Nur was etwas kostet, ist auch etwas wert.

Auch den Urlaub trifft der Rebound-Effekt

Und selbst unser Urlaub bleibt vom Rebound-Effekt nicht verschont. Unnötig zu erwähnen, dass immer verbrauchsärmere Flugzeuge nur umso mehr Reisebuchungen ermöglichen. Fatal jedoch ist das nicht allein aus ökologischen Gründen, sondern auch aus kulturellen: Die vermeintlichen Geheimtipps sind längst keine mehr, mit der Möglichkeit zum Reisen ist zugleich dessen Sinn verloren gegangen. Mancher sogenannte Traumstrand in Thailand unterscheidet sich kaum mehr vom Erlebnisbad in Titisee-Neustadt.

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Gibt es einen Ausweg aus dem Teufelskreis des Rebound? Wenn, dann dürfte er wohl nur im Verzicht zu finden sein. Stromrechnungen sinken nicht durch Innovation, sondern durch Selbstdisziplin. Bildung kommt nicht übers Internet, sondern entsteht beim Lesen und Lernen. Und die Perlen unserer Kultur- und Naturlandschaft erhalten wir nicht durch möglichst intensiven Tourismus, sondern durch unsere Abwesenheit.

Kein Smartphone, kein Auto?

Der in Siegen lehrende Ökonom Niko Paech macht es seit Jahrzehnten vor und schlägt alle Angebote für Konsum und Verschwendung rigoros aus: kein Smartphone, kein Auto, nicht einmal einen Toaster besitzt er. Und wundert sich darüber, dass sich andere wundern. „Es ist erstaunlich: Moderne Menschen waren nie gebildeter als heute, reden sich aber damit raus, ein ökologisch verantwortbares Leben sei zu schwierig.“

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So radikal wie Niko Paech, der auf sämtliche technischen Geräte verzichtet, mag nicht jeder vorgehen. Vielleicht aber wäre schon viel gewonnen, wenn wir uns auf eine kritische Betrachtung jeder neuen energiefressenden Mode verständigen: Was wir bisher nicht wirklich vermisst haben, kann unser Leben nur scheinbar verbessern.