Selten hat man Opernsänger so spielfreudig, so komisch, ja lustig erlebt wie im ersten Teil der Freiburger Mozart-Produktion. Das ist kein Zufall. Die Regisseurin Felicitas Brucker, eine Stuttgarterin, Jahrgang 1974, kommt ursprünglich vom Schauspiel. Personenführung ist ihre Stärke, auch das Tänzerische, Leichtfüßige. Brucker hat für Mozart genau das richtige Händchen. Dazu ein wunderbar junges, verspieltes Ensemble. Und mit Daniel Carter einen musikalischen Leiter, der das Gegenläufige, auch Leichtfertige von Mozarts musikalischer Komödie mit dem Philharmonischen Orchester Freiburg bewusst herausarbeitet. Was kann da eigentlich noch schiefgehen?

„Cosi fan tutte“ ist ein tückischer Zweiakter. Im ersten und turbulenten Teil arrangiert der Aufklärer Don Alfonso eine Liebesprobe: Die Offiziere Guglielmo und Ferrando verkleiden sich, um die Treue ihrer Verlobten zu testen. Noch halten die Damen Dorabella und Fiordiligi stand. Im zweiten und tragischen Teil aber verlieben sie sich kreuzweise in den Verlobten der jeweils anderen, wider Willen, doch voller Leidenschaft. Es ist, als habe ausgerechnet das Liebesexperiment die Richtigen zusammengeführt, als habe die echte Liebe gesiegt – allerdings geht mit der künstlichen Laborsituation auch die Illusion der echten Liebe verloren. Don Alfonso hat bewiesen, was er beweisen wollte: die potenzielle Austauschbarkeit der Liebespartner. Alles geht. Ein glückliches Ende ist das nicht.

Der erste Teil lacht, der zweite Teil weint, und das Happy End fällt aus: Das alles, insbesondere das Nachlassen der äußeren Spannung, ist für den Zuschauer nur schwer zu verkraften. Die Handlung zieht sich ins Innere zurück. Wer wie Felicitas Brucker das Komödiantische des ersten Akts besonders betont und dabei die Lacher und den Szenen-Applaus für die Leistungen der Sänger auf seiner Seite hat, der wird einige Schwierigkeiten haben, den zweiten Akt auf gleich fulminantem Niveau zu inszenieren. Und genau das ist das Problem dieser Inszenierung. Nach der Pause flacht die Spannung ab; das Fehlen starker Bild-Ideen macht sich jetzt besonders bemerkbar.

Das Einheitsbühnenbild von Stefan Heyne wirkt seltsam antiquiert. Das Ganze spielt in einem holzgetäfelten Gerichtssaal. Das kühne Liebesexperiment des zur Zeit der Entstehung der Oper 33-jährigen Mozart wird von Beginn weg auf ein trocken juristisches Niveau heruntergebrochen. Schuldig oder Freispruch, das ist die Frage – tatsächlich? Geht es nicht um die erotische Seelengeschichte der Moderne?

Don Alfonso, der vieles sein könnte – Misanthrop, Melancholiker, Aufklärer oder Sozialwissenschaftler – ist hier in Gestalt von Andrei Yvan lediglich ein stocksteifer Gerichtspräsident, immerhin begabt mit einem soliden Bass. Susana Schnell, ein Mischwesen aus Punkerin und falscher Schlange, will ihn als Despina aus der Reserve locken.Sie schafft es nicht, dafür aber locker ihre Arie „Una donna a quindici anni“.

Die zwei Versuchspaare, die Verlobten, sind in ihrer Gegensätzlichkeit schön sichtbar angelegt. Der Kleine mit dem weichen Timbre und den rockigen Bewegungen, das ist der formidable Konstantin Lee als Ferrando. Fast mütterlich hält ihn seine Verlobte Dorabella in den Armen, die stimmstarke Sharon Carty. Aber passt ihr graues Outfit mit den Militärknöpfen im Grunde nicht viel besser zu dem breiten Großen, Guglielmo, dem nicht minder stimmstarken Alejandro Lárraga Schleske? Dessen Verlobte ist aber eigentlich Fiordiligi mit dem Batman-Shirt, sie ist auch gesanglich die Superheldin dieses Abends. Ihre Felsen-Arie ist in Granit gemeißelter Sopran, ihre Koloraturen schleudert sie derart souverän gegen Ferrando, dass dieser ihren Gesang vor Schreck mit beiden Händen abwehrt. Das ist hochkomisch.

Überhaupt: Die Frauen sind hier die Stärkeren. Sie bilden Front gegen die Männer, gegen diese zwei närrischen Kerle in ihrer Piraten-Verkleidung. Während Konstantin Lee in seiner Arie „Un aura amorosa“ fast dahinschmilzt, stößt ihn sein Kumpel ungerührt aus dem Liebestraum. Und ebenso ungerührt fröhlich musiziert das Orchester, obwohl die Frauen ihr verlorenes Lebensglück besingen. Das ist leicht, das ist Mozart pur, das hat Klasse.

Im zweiten Teil überzieht ein Laubwald (als Video) den Gerichtssaal, als sei man in Shakespeares „Sommernachtstraum“. Die Paare kreuzen sich, der Chor beleuchtet mit Kerzen die Szenerie, die Hochzeit wird zur Farce. „Jeden Tag ein anderes Lager“ – geht das gut? Die Männer rasen vor Eifersucht. Bei den Frauen kommt Schuldgefühl auf – und der Abend bekommt einen Höhepunkt mit Kim-Lillian Strebels E-Dur-Arie „Per pietà“. Gegen Ende stehen die Sängerinnen barfuß im Hemdchen da. Diese zarten Mädchen mit ihren starken Stimmen, das ist berührender als jede grandiose Operndiva-Attitüde. Die Oper ist uns nah. Viel Applaus.

Die nächsten Aufführungen gibt es am 4., 17. und 24. Juni sowie am 14. und 22. Juli. Infos und Karten auf www.theater.freiburg.de