Basel Pech im Spiel, Glück im Theater

Die Prokofjew-Oper „Der Spieler“ nach Dostojewskijs Roman – ein Hauptgewinn für das Theater Basel

Die Russen kommen. Sie kommen nicht mit Pelz-Pomp und Putin-Gloria. Sie residieren nicht im prächtigen Baden-Baden, sie sind in einem clean-funktionalen Hostel hängen geblieben. Jeder zockt für sich allein, online auf dem Laptop. Am Schluss haben alle alles verloren. Der einzige, der haushoch gewinnt, ist Alexej. Dafür verliert er Polina, seine Liebe. Als er ihr seinen Gewinn schenken will, wehrt sie ab. Sie schmettert ihm das Laptop vor die Füße. Sie will sich nicht kaufen lassen. In einer Welt, in der es nur noch um Geld und Spielsucht geht, kann aufrichtige Liebe nicht mehr erwartet werden. Auch Alexej hängt keinem romantischen Liebesideal nach, er ist Polina sklavisch untertan. Was in Basel zu sehen ist, ist ein furioses Spiel von Abhängigkeiten. Es geht um die Gier nach Geld und Aufmerksamkeit, verbunden im Internet, verstärkt durch das weltweite Netz.

In jedem von uns lauert ein Spieler

Serge Prokofjews Oper „Der Spieler“, noch vor der russischen Revolution entstanden, kam erst im Frühling 1929 in Brüssel zur Uraufführung, ein halbes Jahr vor dem Schwarzen Freitag. An die Weltwirtschaftskrise von damals anknüpfend, wäre es für die Bankenstadt Basel im Frühling 2018 ein Leichtes gewesen, den Vierakter jetzt als Wallstreet-Zocker-Stück zu aktualisieren.

Es kommt anders auf der Großen Bühne. In der Schweizer Erstaufführung dieser selten gespielten, überaus diffizilen und schwer zu singenden Konversationsoper hat sich der russische Regisseur Vasily Barkhatov für eine andere Version entschieden: Es geht um den kleinen Spieler, der in jedem Einzelnen von uns lauert. Es geht um subtile Figurenzeichnung, alle wirken undurchsichtig, mit windigen Geldgeschäften beschäftigt und mit Restbeständen von Ehrgefühl.

Es geht, kurz gesagt, um alltägliche Menschen. Wie Dostojewski in seinem Roman „Der Spieler“ auf psychologische Figurenzeichnung setzte, so komponierte Prokofjew den Zusammenprall plastischer Charaktere – und folgerichtig stellt die Basler Inszenierung nun auf überlebensgroßen Videos aus, was in den Gesichtern der Spieler vorgeht. Anspannung, Nervenkitzel, Rausch. Trance beim Zocken, Zucken des Gesichts beim Verlieren – eine Achterbahn der Gefühle, insbesondere bei Alexej, getrieben vom Adrenalin, vorwärts gepeitscht von der Musik.

Die Bühne von Zinovy Margolin wirkt eher statisch: ein dreistöckiges Eck-Gebäude mit vielen Wohnzellen, Etagenbetten, Küche, Waschmaschinen im Keller. Alles sauber und hell. Das Leben, der Zocker-Wahnsinn ist anderswo: in Prokofjews Komposition. Das Sinfonieorchester Basel unter Leitung des Litauers Modestas Pitrénas gibt Prokofjew pur: den blitzartigen Stimmungswechsel beim Zocken, die nervös-flackernde Tonsprache, die quirlenden Flöten beim Kullern der Roulettekugeln, die vorwärts drängenden Rhythmen, die permanente Ruhelosigkeit der Spielsüchtigen – und auch das Heimweh mit Geigen und Harfen, die Verlorenheit in der Fremde, wenn bei den Auslandsrussen die Erinnerung aufsteigt.

„Ich bin der Fremde ohne festen Platz und ohne Hoffnung“, singt Dmitry Golovnin als Alexej mit schneidend-kräftigem, sauber geführtem Tenor. Willkommen im Hotel Roulettenburg. Rettung von den Schulden verspricht man sich vom Tod der alten reichen Erbtante Babulenka. Doch die Tante trifft quicklebendig im Hostel ein, mehr noch: Die international bekannte Mezzosopranistin Jane Henschel bestreitet ihre Partie mit bewundernswerter Kraft, ohne schrill zu werden. Sie bringt nicht das ersehnte Geld mit, sondern ihre eigene bodenlose Spielsucht. Für ihren Neffen, den General, der ihr Geld dringend braucht, gibt es aus der Heimat eine Ikone und jede Menge Wodka, sonst nichts. Pavlo Hunka als General ist total pleite, aber auf äußeres Ansehen und Contenance bedacht. Er will seine Geliebte, die junge Halbweltdame Blanche, behalten, beweglich gespielt und gesungen von Kristina Stanek. Als der General merkt, dass er alles verloren hat, verliert er seine Fassung, behält aber durchweg seinen grundsoliden, raumgreifenden Bassbariton.

Faszinierend und rätselhaft

Polina, die Stieftochter des Generals, wird von der litauischen Nachwuchsstarsängerin Asmik Grigorian in ihrer faszinierenden Rätselhaftigkeit gespielt und gesungen – vom hochdramatischen Sopran bis zur kühl-verhaltenen Unnahbarkeit. In der Hinterhand, so glaubt sie, hat sie den Marquis als zentralen Geldgeber; Rolf Romei gibt ihn mit tenoraler Hinterhältigkeit, um sich am Ende nur vorgeblich aus dem Staub zu machen. In der Hand hat Polina den unterwürfigen Hauslehrer Alexej, der seine mörderische Partie glänzend bewältigt.

Schluss- und Höhepunkt des Abends ist die Stimmbegegnung zwischen Polina und Alexej – ein Liebes- und Hass-Duett widerstreitender Extremgefühle, hin- und hergerissen zwischen Anziehung und Abstoßung. Jetzt steht noch einmal alles auf der Kippe – und alles kippt in eine einzige Dissonanz, grell erleuchtet. „Der Spieler“ in Basel: eine Tour de Force für alle Beteiligten, insbesondere für die Sänger, aber auch für das Publikum, konfrontiert mit einer expressiv antiromantischen, deklamatorischen Musiksprache. „Der Spieler“ gewinnt die Basler. Viel Applaus im Großen Haus für den zweieinhalbstündigen Abend.

Die weiteren Aufführungen: 16., 19., 22. und 25. März; 7., 14. und 25. April. 21., 23. und 26. Mai; 9., 12., 15. und 17. Juni. Karten und weitere Infos: www.theater-basel.ch

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