Die Impfungen im Südwesten hatten gerade Fahrt aufgenommen. Doch mit der neuen Unsicherheit um Astrazeneca könnte die Impfstrategie Baden-Württembergs einmal mehr ins Wanken geraten.

Warum steht der Impfstoff nun erneut in Frage?

Es hat in einigen Bundesländern offenbar weitere unerwünschte Nebenwirkungen gegeben. Inzwischen sind 31 Fälle von Thrombosen bekannt. Neun gingen tödlich aus, wie das zuständige Paul-Ehrlich-Institut berichtete. Die Fälle betrafen vor allem Frauen, bis auf zwei Ausnahmen. Alle Betroffenen waren unter 60 Jahre alt.

Wie lautet die neue Empfehlung für Astrazeneca?

Die Ständige Impfkommission hat ihre Empfehlung für Astrazeneca deshalb erneut angepasst: Der Impfstoff ist demnach nur noch für Über-60-Jährige geeignet. Ursprünglich lautete die Empfehlung fast umgekehrt: Anfangs war Astrazeneca nur für Erwachsene bis 64 Jahre zugelassen.

Die  EMA hat den Impfstoff von Astrazeneca Anfang April noch einmal überprüft. Einen möglichen Zusammenhang zu den seltenen Fällen von Thrombosen kann die Arzneimittelbehörde nicht ausschließen. Dennoch bleibt sie bei ihrer ursprünglichen Einschätzung: Der Nutzen des Impfstoffs überwiegt. Eine Einschränkung auf bestimmte Altersgruppen gibt es demnach seitens der EU-Behörde nicht.

Wieso ist der Impfstoff nur noch für Menschen über 60 empfohlen?

Die Europäische Arzneimittelagentur hält an ihrer ursprünglichen uneingeschränkten Empfehlung des Impfstoffs für alle Erwachsen fest. Sie wird aber kommende Woche routinegemäß erneut beraten.

Weil alle Thrombose-Fälle Menschen unter 60 Jahren betrafen, hat die Ständige Impfkommission (Stiko) dagegen ihre Empfehlung für Deutschland angepasst. Betroffen von schwerwiegenden Nebenwirkungen waren vor allem Frauen, vorsorglich wurde die Empfehlung aber für beide Geschlechter angepasst. Eine wissenschaftliche Klärung, ob das Thromboserisiko bei über 60-Jährigen bei diesem Impfstoff grundsätzlich geringer ist, gibt es aber noch nicht.

Wie viele Menschen in Baden-Württemberg sind schon mit Astrazeneca geimpft?

Derzeit sind 381.874 Menschen erstmals mit Astrazeneca geimpft worden (Stand 30. März), Mitte April sollten die Zweitimpfungen beginnen – in erster Linie wäre davon das Pflegepersonal betroffen.

Was ist mit den Zweitimpfungen?

Die Ständige Impfkommission (Stiko) hat entschieden, dass die unter 60-Jährigen, die bereits einmal mit dem Vektorimpfstoff Astrazeneca geimpft wurden, mit einem der mRNA-Impfstoffe ihre Zweitimpfung bekommen sollen. Dazu zählen die Impfstoffe von Biontech oder Moderna. Die zweite Dosis soll demnach zwölf Wochen nach der Erstimpfung verabreicht werden.

Wie viele Impfberechtigte sind von der neuen Einschränkung betroffen?

In Baden-Württemberg ist der größte Teil der derzeit Impfberechtigten nach Angaben des Sozialministeriums über 60 Jahre alt. Sie sind nicht von der Einschränkung betroffen, ihre Impfung geht normal weiter.

Eine Zahl, wie viele Jüngere betroffen sind, nannte das Sozialministerium zunächst nicht: Aus Datenschutzgründen werde das Alter der Impfberechtigten bei der Terminbuchung nicht gespeichert, erklärte ein Sprecher.

Entfallen die Termine für die unter 60-Jährigen jetzt?

Nein. Der Termin bleibt bestehen. Für diese Menschen wird im zuständigen Impfzentrum in der Regel ein alternativer Impfstoff organisiert. Sollte das nicht möglich sein, kann der Betroffene vor Ort entscheiden, ob er trotzdem mit Astrazeneca geimpft werden möchte. Will er das nicht, kommt der Impfberechtigte auf eine Warteliste.

In den Fällen, in denen eine Umbuchung auf einen anderen Impfstoff direkt möglich ist, soll auch unmittelbar ein passender Zweittermin ausgemacht werden.

Sind Impfungen mit Astrazeneca auch für unter 60-Jährige möglich, wenn sie das wollen?

Grundsätzlich ja, aber nur, wenn sie nach der geltenden Impfpriorisierung auch an der Reihe sind, einen Termin haben und ärztlich aufgeklärt wurden.

Künftig sollen Impfungen für unter 60-Jährige aber nur noch beim Hausarzt möglich sein: Deshalb wird der Impfstoff von Astrazeneca ab Mitte April nach Angaben des Sozialministeriums nur noch an die niedergelassenen Arztpraxen geliefert. Die Impfzentren erhalten dann nur noch die Dosen für die Zweitimpfungen.

Wieder umstritten: Ein Fläschchen mit fünf Milliliter Corona-Impfstoff von Astrazeneca steht in einem Corona-Impfzentrum auf einem Tisch. Berlin und München haben den Impfstoff jetzt erneut aus dem Verkehr gezogen – diesmal für unter 60-Jährige.
Wieder umstritten: Ein Fläschchen mit fünf Milliliter Corona-Impfstoff von Astrazeneca steht in einem Corona-Impfzentrum auf einem Tisch. Berlin und München haben den Impfstoff jetzt erneut aus dem Verkehr gezogen – diesmal für unter 60-Jährige. | Bild: Soeren Stache

Wie viele Menschen stehen noch auf der Warteliste der über 80-Jährigen?

Auf Anfrage sagt ein Sprecher des Sozialministeriums dem SÜDKURIER, die Warteliste der über 80-Jährigen sei inzwischen „nahezu abgearbeitet“. Sie umfasste ursprünglich etwa 120.000 Menschen, bis zum 25. März hatten davon etwa 100.000 einen Impftermin bekommen.

Ist damit ein Großteil der über 80-Jährigen geimpft?

Nein. Das Sozialministerium geht nach eigenen Angaben davon aus, dass „ein Großteil der über 80-Jährigen geimpft ist“. Bis einschließlich Sonntag haben allerdings nur 452.929 (62,89 Prozent) von ihnen eine Erstimpfung erhalten, 319.607 (44,38 Prozent) eine Zweitimpfung.

Ist die Impfterminvergabe jetzt wieder geöffnet?

Ja. Seit 26. März ist die zentrale Terminvergabe wieder geöffnet. Menschen über 80 haben seither wieder die Möglichkeit sich für einen Rückruf registrieren zu lassen, sofern sie nicht direkt einen Termin bekommen.

Was ist mit denjenigen, die ihren Termin wegen des ersten Impfstopps verloren haben?

Für sie wurde nach dem ersten Astrazeneca-Impfstopp eine separate Warteliste angelegt, die jetzt, nach der Warteliste der über 80-jährigen Impfberechtigten, abgearbeitet wird.

Ein Senior wird von einer medizinischen Fachkraft in Friedrichshafen mit dem Biontech-Impfstoff geimpft.
Ein Senior wird von einer medizinischen Fachkraft in Friedrichshafen mit dem Biontech-Impfstoff geimpft. | Bild: Felix Kästle

Wie viele Impfungen können jetzt pro Tag überhaupt stattfinden?

Derzeit werden nach Angaben des Sozialministeriums täglich etwa 35.000 Menschen im Südwesten geimpft. Die pro Tag möglichen Impfungen hängen aber von den verfügbaren Impfstoffmengen ab: So erwartet das Land im zweiten Quartal eine größere Lieferung von Biontech. Da laut Sozialministerium die meisten derzeit Impfberechtigten aber ohnehin über 60 Jahre sind, wird erwartet, dass sich die Zahl der Impfungen nur wenig verringern wird.

Der neue Impfstoff von Johnson & Johnson soll Mitte April nach Deutschland kommen: Durch die Einschränkungen mit Astrazeneca wird er zum Hoffnungsträger – zumal nur eine einzige Impfung mit diesem Impfstoff notwendig ist.
Der neue Impfstoff von Johnson & Johnson soll Mitte April nach Deutschland kommen: Durch die Einschränkungen mit Astrazeneca wird er zum Hoffnungsträger – zumal nur eine einzige Impfung mit diesem Impfstoff notwendig ist. | Bild: Jessica Hill

Wird die Impfpriorisierung in Baden-Württemberg jetzt aufgehoben?

Nein. Es besteht zwar die Möglichkeit, Menschen über 60 ohne Vorerkrankungen oder in exponierten Berufen nun ebenfalls zu den Impfungen zuzulassen. Baden-Württemberg werde davon aber keinen Gebrauch machen, sagte ein Sprecher des Sozialministeriums. Damit dürfen weiterhin ausschließlich Menschen aus der ersten und der zweiten Priorität zur Impfung.

Was ist mit dem neuen Impfstoff von Johnson & Johnson, wann kommt er zum Einsatz?

„Für die Zeit ab Ende April und insbesondere für den Impfstoff von Johnson & Johnson liegen uns nur erste Prognosen, keine genauen Lieferdaten und -mengen vor“, so ein Ministeriumssprecher. Wie viele Menschen dann täglich geimpft werden könnten, ist noch unklar.

Wie viele Impfungen beim Hausarzt sind mit den neuen Einschränkungen überhaupt möglich?

Kapazitäten gibt es theoretisch: Grundsätzlich könnten die Impfzentren und mobilen Impfteams zwischen 60.000 und 80.000 Impfungen pro Tag in Baden-Württemberg stemmen. Dazu kommen die Arztpraxen, wenn genügend Impfstoff vorhanden ist. Alles hängt also von den Impfstofflieferungen ab.

Womit soll in den Hausarztpraxen geimpft werden?

Bislang wurde mit Astrazeneca geplant. Daran dürfte sich vorerst wenig ändern: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn betonte, dass die Impfpriorisierung möglichst eingehalten werden sollte, mit der neuen Empfehlung also vornehmlich Menschen über 60 geimpft werden sollen.

Davon geht auch das Landessozialministerium bislang aus. Zu Beginn sollen die Arztpraxen demnach schwerpunktmäßig Patienten, die nicht mehr mobil sind, zu Hause impfen, ebenso Menschen mit Vorerkrankungen: „Es ist davon auszugehen, dass ein Großteil dieser Personen das 60. Lebensjahr vollendet hat, so dass Astrazeneca wie geplant in den niedergelassenen Praxen verimpft werden kann“, sagt ein Sprecher.