Bürgermeisterin Birgit Hannemann wird nicht für eine zweite Amtszeit kandidieren. Sie will ihre Kinder schützen. Seit 2012 ist Hannemann in der 5000-Einwohner-Gemeinde Erdmannhausen (Kreis Ludwigsburg) im Amt, ihr Beruf macht ihr eigentlich „sehr, sehr viel Spaß“. Doch ihre Familie werde ständig mit Themen konfrontiert, mit denen sie nichts zu tun habe, erklärt sie. Nun hört sie auf – um ihre Kinder aus der Öffentlichkeit herauszuhalten.

An „Bürgermeisterkinder“ werden andere Maßstäbe angelegt

Ihre drei Söhne – ein Fünfjähriger und ein Jahr alte Zwillinge – müssten auf viel verzichten, erzählt Hannemann. An die „Bürgermeisterkinder“ würden andere Maßstäbe gelegt. Immer wieder seien sie damit konfrontiert, Vorbild sein zu müssen.

„Jedes andere einjährige Kind, das während des Gottesdienstes schreit, ist ein kleines Kind, das schreit. Wenn es mein Kind ist, heißt es: Wie geht denn das? Wie kann denn das sein?“ Sie habe ihrem Ältesten Sätze sagen müssen wie: „Jeder andere dürfte es. Aber lass du es bitte sein.“

 

Erst vor eineinhalb Wochen hatte die Bürgermeisterin im sächsischen Arnsdorf nach monatelanger Hetze ihre vorzeitige Versetzung in den Ruhestand beantragt. Hannemann sagt, sie habe zwar E-Mails bekommen, die „hart an der Grenze“ gewesen seien. In irgendeiner Form bedroht sei sie aber nie worden – anders als rund 20 Prozent der mehr als 1000 Bürgermeister, die in einer Umfrage des Deutschen Städte- und Gemeindebunds (DStGB) angegeben hatten, Hass-Mails bekommen zu haben oder bedroht worden zu sein. Hannemann findet es „erschreckend, wenn man sich überlegt, dass Sonderstellen eingerichtet werden müssen, die Kommunalpolitikern ein Sorgentelefon bieten, wenn sie bedroht werden“.

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„Ich finde schon, dass der Ton rauer wird. In den sozialen Medien, aber auch sonst“, sagt sie. Das Politische und das Private würden nicht mehr getrennt. Das bekämen auch ihre drei Söhne zu spüren: „Die eigentliche Belastung liegt darin, dass die Familie in Themen hineingezogen wird, wo sie nichts verloren hat. Dass sich mein Mann oder meine Kinder für Entscheidungen von mir rechtfertigen müssen, das gibt es in keinem anderen Beruf“, sagt sie. Durch ihre herausragende Stellung bekämen die Kinder in der 5000-Einwohner-Gemeinde einen Stempel aufgedrückt. Ähnliches habe sie auch von Bürgermeistern anderer Gemeinden gehört.

Anfang Oktober hat sie ihre Entscheidung offiziell gemacht, bei der Kommunalwahl im März 2020 nicht mehr anzutreten. Und das, obwohl sie an dem Amt hängt: „Ich bin gern Bürgermeisterin. Mir macht der Beruf sehr, sehr viel Spaß“, sagt sie.

60 Stunden im Dienst

Laut Städte- und Gemeindebund wird ohnehin nur jedes zehnte Rathaus in Deutschland von einer Frau geführt. Um das zu ändern, soll laut dem kommunalen Spitzenverband etwa die Arbeitszeit der Bürgermeister – laut Hannemann sind 60 Stunden pro Woche realistisch – reduziert werden oder flexibler gestaltet werden können. „Homeoffice-Regelungen, Job-Sharing-Modelle und die Aufwertung von Stellvertreterinnen können ein geeigneter Weg sein“, sagte ein DStGB-Sprecher.

Hannemann findet: „Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf funktioniert genauso gut wie bei anderen Berufen auch.“ Nach den Geburten sei sie in Elternzeit gegangen und währenddessen mit ihren Stellvertretern in Kontakt geblieben. Das habe gut funktioniert. Die Gesellschaft sei aber in Teilen noch nicht so weit, es fehle an Akzeptanz. Sie habe von Lästereien mitbekommen: „Der Sohn der Bürgermeisterin hat etwas angestellt. Aber es ist ja kein Wunder, dass der das macht. Die Mutter hat ja keine Zeit!“ Es müsse ein Umdenken in der Gesellschaft her, sagt Hannemann.

Kürzlich, erzählt sie, habe ein Mädchen zu ihr gesagt: „Gell, du bist doch die Bürgermeisterin.“ Ihr Sohn habe der Kleinen erwidert: „Ja, aber meine Mama sucht sich nen neuen Job.“ Hannemann habe gedacht, bei ihrem Sohn sei eine gewisse Erleichterung zu hören gewesen. „Nach dem Motto: Jetzt hört dieses Theater endlich auf.“ (dpa)

Bürgermeister dringend gesucht

In Baden-Württemberg wird es immer schwieriger, bei Bürgermeisterwahlen geeignete Kandidaten zu finden.

  • Erwartungen steigen: Vor allem in den kleineren der 1101 Kommunen im Südwesten wird das zunehmend zum Problem. Dies ist das Ergebnis einer Studie der Technischen Universität Darmstadt, die der Verband baden-württembergischer Bürgermeister in Stuttgart jetzt vorstellte. „Die Erwartungen an das Amt steigen immer weiter an. Zudem tragen die sozialen Medien zu einer Verrohung des Umgangs mit Bürgermeistern bei“, sagte der Verbandsvorsitzende, Ditzingens Oberbürgermeister Michael Makurath (parteilos). Und dann mündeten verbale Attacken oft in tatsächlichen Angriffen.
  • Besoldung steigt nach Größe: Der Großteil der 1101 Kommunen in Baden-Württemberg wird von hauptamtlichen Bürgermeistern geführt. Deren Besoldung richtet sich nach der Einwohnerzahl. Ab der zweiten Amtszeit kommen Rathauschefs in die nächsthöhere Besoldungsgruppe. In Kommunen bis 1000 Einwohner erhalten Bürgermeister A12 (4720 Euro) oder A13 (5246 Euro). Der Betrag steigt sukzessive an. Bei 10 000 bis 15 000 Einwohnern gibt es B2 (7618 Euro) oder B3 (8066 Euro), bei 100 000 bis 200 000 Einwohnern B9 (11237 Euro) oder B10 (13 228 Euro). Die höchste Besoldungsgruppe bei über 500 000 Einwohnern liegt bei B11 (13 741 Euro).
  • Mageres Bewerberfeld: In einer Langzeiterhebung aller baden-württembergischer Bürgermeisterwahlen zwischen 2008 und 2015 kam heraus, dass im Schnitt nur 2,3 Kandidaten pro Wahl antraten. Besonders eklatant ist der Bewerbermangel in kleineren Kommunen unter 500 Einwohner, in denen ein Rathauschef sein Amt ehrenamtlich ausübt. Und: Bei einem Drittel aller Wahlen gab es nur einen einzigen Bewerber.
  • Frauenmangel: Ein weiterer Aspekt der Studie ist, dass die Amtsinhaber immer älter geworden sind. In den 1980er-Jahren wurden im Schnitt noch drei Viertel der Rathauschefs vor ihrem 33. Geburtstag gewählt. Heutzutage sind es nur noch 40 Prozent. Zudem gebe es weiter einen großen Mangel an Frauen, die das Amt anstrebten. „Mit unter zehn Prozent Frauenanteil liegt Baden-Württemberg hinter den anderen Bundesländern zurück“, mahnte Michael Makurath.
Michael Schwarz

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