Eigentlich war der Terminkalender von Guido Wolf, Minister für Justiz und Europa, schon voll, als er die Einladung zum ersten Internationalen Jenischen Kulturfest bekam. Aber dann passte es doch noch hinein. „Ich wollte ein klares Bekenntnis der Wertschätzung zeigen“, sagte der Minister beim Empfang im Singener Bürgersaal.

Die Jenischen seien immer noch das unsichtbare, vergessene Volk und kaum einer wisse etwas über ihre Kultur, sagte Guido Wolf bei der Veranstaltung am Samstag. Er hatte die erste Begegnung mit Jenischen vor gut drei Jahren bei der Enthüllung eines Gedenksteins in Fichtenau im Landkreis Schwäbisch Hall, wo auch Jenische dem Nazi-Regime zum Opfer fielen. „Die Ausgrenzung der Jenischen hat jedoch nicht erst mit der Nazi-Herrschaft begonnen und danach auch nicht aufgehört“, so Wolf. Sie seien vielfach unerwünscht und bestenfalls geduldet gewesen. „Wir müssen den Blick nach vorn richten und aufeinander zugehen. Aus Gleichgültigkeit muss Empathie, aus Misstrauen Vertrauen und aus einem Nebeneinander ein Miteinander werden“, appellierte Wolf. Solch ein Kulturfest diene nicht nur dem Austausch, sondern auch der Festigung der Identität. „Bewahren Sie sich Ihre reiche Kultur und lassen Sie sich Ihre Identität nicht nehmen.“

Joseph Hartmann junior (links) führt das Handwerk der Scherenschleifer vor. Bild: Susanne Gehrmann-Röhm
Joseph Hartmann junior (links) führt das Handwerk der Scherenschleifer vor. Bild: Susanne Gehrmann-Röhm

Wolfs markante Rede kam gut an bei den Gästen und Organisatoren des Festwochenendes, dem Förderverein für die Jenischen und andere Reisende. Auf dem Weg zum eigenen Kulturzentrum, das sich die Jenischen schon lange wünschen, sind sie jedoch erst in der Planungsphase. Dabei gibt es schon einen Entwurf, den der Singener Architekt Jörg Wuhrer gemacht hat. „Wir möchten ein modernes Gebäude, das innen eine Wohnwagenatmosphäre haben soll“, unterstreicht der Singener Alexander Flügler. Der Entwurf hängt in der Ausstellung im Erdgeschoss des Rathauses aus. Auch ein Grundstück im Münchried könnten sich die Jenischen gut vorstellen, doch die Stadt hat von diesem Standort Abstand genommen: Weil es zu weit außerhalb liegt und so zur Ghettobildung führen könnte.

Die Jenischen und der Förderverein wollen weiter für das Kulturzentrum in Singen kämpfen. „Es soll ein Zuhause für alle Jenischen aus Europa werden, damit unsere Geschichte und Sprache nicht verloren geht“, unterstreicht Alexander Flügler beim Gang durch die Ausstellung. Willi Wottreng, Geschäftsführer der Schweizer Radgenossenschaft, und Venanz Nobel vom Verein „schäft qwant“ skizzierten kurz die Geschichte. „Wir wünschen uns sehr, dass wir als nationale Minderheit in ganz Europa anerkannt werden“, so Willi Wottreng. Bislang ist dies jedoch nur in der Schweiz der Fall.

Der Schweizer Korbflechter Hans Nobel beantwortet Fragen der Besucher. Bild: Susanne Gehrmann-Röhm
Der Schweizer Korbflechter Hans Nobel beantwortet Fragen der Besucher. Bild: Susanne Gehrmann-Röhm

Für Venanz Nobel ist Singen zwar nicht der Nabel der Jenischen, „aber verdammt nah dran“. Schließlich habe Singen ja nicht umsonst auch schon früher den Beinamen „Zigeunerstadt“ gehabt, sagte Oberbürgermeister Bernd Häusler. Handlungsbedarf sieht die Leiterin der Wessenbergschule und 2. Vorsitzende des Fördervereins, Ursula Garz, hinsichtlich eines Bildungsaufbruchs. „Wir haben in unserer Förderschule 25 Prozent Schüler aus den Kulturkreisen der Jenischen und Sinti. Das muss sich ändern.“ Frühe Hilfen für jenische Mütter gibt es bereits. Die Ausbildung von Jenischen Elternlotsen soll bald beginnen.

Die Jenischen

Sie waren ursprünglich ein reisendes Volk von Handwerkern und Händlern, das seit Jahrhunderten in Deutschland lebt. Sie wurden als „weiße Zigeuner“ beschimpft und während der Nazi-Herrschaft als „Asoziale“ verfolgt und auch ermordet. In Deutschland leben rund 250 000 Menschen mit jenischer Abstammung. In Singen leben 800 Jenische. Singen hat 47 984 Einwohner, davon stammen 10 886 aus 100 verschiedenen Nationen.