Immer mehr Menschen im Land wollen sich entgegen der amtlich festgelegten Vorgehensweise auch ohne ärztliche Anordnung testen lassen und blockieren dabei Ressourcen, die dringend anderweitig gebraucht werden. „Hört auf, die Testzentren niederzurennen“, richtet daher Karlin Stark, Chefin des Landesgesundheitsamtes (LGA) Baden-Württemberg, einen deutlichen Appell an die Bevölkerung. „Das macht keinen Sinn und belastet das gesamte System“, sagte Stark dem SÜDKURIER am Dienstagmittag.

Denn zunehmend sehen sich örtlich eingerichtete Info- und Diagnosezentren wie in Konstanz, Singen oder Villingen-Schwenningen mit besorgten Bürgern konfrontiert, die sich ohne Rücksprache mit Gesundheitsamt oder dem Hausarzt auf das Virus testen lassen wollen. „Das ist weder sinnvoll noch überhaupt möglich“, sagt Stark.

Menschen ohne Testgrund werden heimgeschickt

Allein an der zentralen Abstrich-Anlaufstelle für den Schwarzwald-Baar-Kreis, die auf dem Messegelände Villingen-Schwenningen eingerichtet ist, seien am Montag 60 von 150 Personen wieder heimgeschickt worden, bei denen es keinen Grund für einen Test gab, berichtet Kai Sonntag, Pressechef der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) dem SÜDKURIER. Das belaste das Personal vor Ort, verlängere die Wartezeiten und führe zu Unzufriedenheit bei den Betroffenen.

Eine Mitarbeiterin nimmt in einem Corona-Abstrich-Zentrums an der Messe Stuttgart einen Abstrich.
Eine Mitarbeiterin nimmt in einem Corona-Abstrich-Zentrums an der Messe Stuttgart einen Abstrich. | Bild: Sebastian Gollnow/dpa

Die Kassenarztvereinigung hat mittlerweile in rund 85 Prozent der baden-württembergischen Landkreise Testzentren eingerichtet und stellt auch das ärztliche Personal dafür. „Wir appellieren dringend, nicht einfach zu einem Testzentrum zu gehen, sondern immer erst den Hausarzt oder das Gesundheitsamt zu konsultieren“, sagt Sonntag. Wo es sich nicht um ein „Drive-in“-Zentrum handelt, bei dem mit dem Auto direkt eine Teststation angefahren werden kann, sondern um ein „Walk-In“-Zentrum wie in Villingen-Schwenningen, bestehe zudem die Gefahr, im Wartezelt mit möglicherweise Infizierten Personen in Kontakt zu kommen.

Nur wer einen Code hat, kommt durch

Das Vorgehen sei klar geregelt, erläutert LGA-Chefin Stark. „Wer Krankheitssymptome wie eine leichte Erkältung oder Kopfschmerzen verspürt, soll sich zunächst selbst isolieren und seine Kontakte gemäß den Empfehlungen minimieren.“ Auch ein Drei-Fragen-Online-Check, wie er etwa hier zu finden ist, hilft bei der ersten Einschätzung. Erst bei anhaltenden oder stärkeren Beschwerden solle telefonisch oder per Mail Kontakt mit dem Hausarzt oder dem Gesundheitsamt aufgenommen werden.

Arzt oder Behörde ordnen dann unter Umständen einen Test an und geben dafür einen Testcode an den Patienten. Ohne diesen Code wird nicht getestet. „Auf gar keinen Fall, wir testen nur nach medizinischer Indikation“, bestätigt auch Benjamin Waschow, Sprecher der Uniklinik Freiburg.

Immer mehr Menschen wollen getestet werden. Doch für wen ist das überhaupt sinnvoll? Das Robert-Koch-Institut hat klare Maßgaben. Sie zeigen: Wer einfach nur Grippesymptome hat, dem wird selten ein Test empfohlen. Einer dieser Faktoren muss eintreffen, damit man einen Test begründen kann, das dann aber auch schon bei nur leichten Symptomen:

Im Landkreis Waldshut etwa finden derzeit an drei Tagen in der Woche Drive-in-Testungen statt – an wechselnden Orten, die nicht öffentlich bekanntgegeben werden. Die zu testende Person erfährt Standort und Uhrzeit nur von Hausarzt oder Gesundheitsamt, wie die Sprecherin des Landratsamts Waldshut sagt. Die Indikation für einen Test sei zudem am Montag verschärft worden, um genügend Abstrichkapazitäten für schwerkranke Menschen zu sichern.

Nur 125 von 1564 Tests positiv

Die gesamte Testkapazität im Land liegt derzeit nach Angaben des Landesgesundheitsamtes bei schätzungsweise 2000 bis 3000 Test pro Werktag, an den Wochenenden weniger. Da die Kapazität der Labore an Universitätskliniken, Gesundheitsämtern und der Privatlabore derzeit täglich ausgebaut wird, gibt es keine genaue Zahl. Im Landesgesundheitsamt selbst werden täglich rund 70 Tests durchgeführt, bislang waren es 1564 Tests. Davon seien Stand Dienstagmittag lediglich 125 positiv gewesen, teilt das LGA mit.

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Grundsätzlich fordert die Gesundheitsamts-Chefin die Bevölkerung auf, die vorhandenen Ressourcen nicht ohne Not in Anspruch zu nehmen. „Dafür gibt es gar keinen Grund. Ein Test verändert weder etwas an einem Krankheitsverlauf noch verkürzt er die Quarantäne“, sagt Stark. Denn rund 80 Prozent der Infizierten erkranken schließlich gar nicht – müssen aber dennoch 14 Tage in häuslicher Isolation bleiben. Viel wichtiger, als in Eigeninitiative einen unnötigen Test machen zu lassen, sei daher zunächst, die Empfehlungen zur Kontaktvermeidung und Quarantäne unbedingt einzuhalten. „Jeder Einzelne muss mitdenken“, fordert Stark.

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