Häufig sind sechsstellige Beträge und mehr verloren. Und die Fälle häufen sich – nicht nur in den Meldungsspalten der Zeitungen. Tatsächlich grassiert das Phänomen im ganzen Land. Im ersten Halbjahr 2018 hat sich die Zahl der Betrugsfälle durch falsche Polizisten im Vergleich zum Vorjahreszeitraum verdreifacht, wie aktuelle Zahlen des Innenministeriums belegen. 2017 gab es knapp 2000 Fälle. Von 2016 auf 2017 ist die Zahl der Fälle in Baden-Württemberg bereits um mehr als das Achtfache von 225 auf 1955 angestiegen. Der verursachte Schaden ging von knapp 1,4 Millionen Euro 2016 auf rund 5,3 Millionen Euro nach oben.

  • So gehen die Täter vor: Teilweise werden ganze Telefonbücher durchtelefoniert, auf jeden Fall ganze Straßenzüge, wie man auf dem Polizeipräsidium Konstanz beobachtet. „Die Gebiete werden regelrecht abgegrast: Wir merken das dann daran, dass an einem Tag zehn Personen aus Konstanz anrufen, dann welche aus Radolfzell und so weiter“, sagt Pressesprecher Bernd Schmidt. Die Opfer werden geradezu belagert am Telefon, so dass sie kaum zur Besinnung kommen – geschweige denn dazu, die richtige Polizei zu verständigen. Oft wird stundenlang mit ihnen telefoniert. Haben die Betrüger die Person erst richtig mürbe gemacht, holen sie deren Geld ab – oder lassen es sich gar in Tüten vor die Tür stellen.
  • Folgendes Märchen erzählen die Täter: Die angeblichen Ermittler behaupten in der Regel, dass sie einer Verbrecherbande auf der Spur seien und dabei auf eine Liste gestoßen seien, auf der auch der Name des Angerufenen stehe. Um die Verbrecher zu schnappen sei man auf Mithilfe angewiesen. Im Laufe der Telefonate werden dann die persönlichen Verhältnisse, inklusive Vermögenswerte, abgefragt. Schließlich bringen die falschen Polizisten die Opfer dazu, ihre Ersparnisse abzuheben und sie mit dem Schmuck an einen der Täter auszuhändigen – angeblich soll das Vermögen so geschützt werden, oder Falschgeld entlarvt. Damit die Opfer dichthalten, wird davor gewarnt, dass sie die „Ermittlungen“ gefährden könnten.
  • Diese Tricks haben die Täter sonst noch drauf: Laut Schmidt bedienen sich die Täter häufig echter Namen örtlicher Polizisten. Mithilfe eines technischen Tricks, dem so genannten Call-ID-Spoofing, gelingt es ihnen zudem, dass auf dem Display des Angerufenen eine 110-Nummer erscheint. Uniformen müssen sich die falschen Polizisten nicht beschaffen. Sie geben sich als Kriminalbeamte aus, die in zivil erscheinen. Um die Argumentation zu untermauern ruft gelegentlich auch noch ein angeblicher Staatsanwalt an.
  • Das sind die Täter: Es handelt sich nicht um Einzeltäter, das wäre schon logistisch ein Problem. Die Polizei in Konstanz geht von Banden aus und spricht von organisierter Kriminalität. Wahrscheinlich teilen sich die Bandenmitglieder die Aufgaben: Eine Art Callcenter ist mit den Anrufen beschäftigt, andere – die so genannten Läufer – stehen bereit, um dann vor Ort das Geld einzusammeln.
  • Das sind die typischen Opfer: Meist handelt es sich um ältere Menschen, die womöglich mit gesundheitlichen Schwierigkeiten kämpfen und mit der Situation überfordert sind. Die Täter suchen sich gezielt „alte“ Namen aus den Telefonbüchern.
  • So kann man sich und seine Angehörigen schützen: Die Polizei rät: Schnell die „echte Polizei“ verständigen. Im Zweifelsfall das Gespräch beenden. In keinem Fall aber Auskünfte über Vermögensverhältnisse erteilen oder an Unbekannte Wertgegenstände aushändigen. Angehörige sollen ältere Familienmitglieder für das Thema sensibilisieren, um diese davor zu bewahren, darauf hereinzufallen.
  • So geht die (echte) Polizei mit dem Problem um: Die Aufklärungsquote im Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums Konstanz im Jahr 2017 betrug rund 22 Prozent, im ganzen Land knapp zehn Prozent. Laut Innenminister Thomas Strobl (CDU) haben sich mehrere Ermittlungsgruppen auf die Jagd nach falschen Polizisten spezialisiert. Bei den sogenannten Läufern habe es zuletzt mehrere Festnahmen gegeben – erst kürzlich wieder eine in Neuhausen ob Eck (Landkreis Tuttlingen), wo zwei 20-Jährige eine 76-Jährige betrügen wollten. Allerdings befinden sich die Hintermänner aus den Call-Centern vor allem in der Türkei, was die Ermittlungsarbeit erschwert. Inzwischen zeigt die Polizeiarbeit und die Sensibilisierung von Bevölkerung und Bankmitarbeitern allerdings positive Wirkung: Im ersten Halbjahr 2018 hat sich laut Strobl – trotz massiv steigender Fallzahlen – im Vergleich zu den ersten sechs Monaten 2017 um mehrere hunderttausend Euro beinahe halbiert.

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