Man hört sie nicht kommen. Doch ganz plötzlich, wie aus dem Nichts, ziehen die Senioren mühelos an den schwerschnaubenden Radlern am Berg vorbei. Ein leichtes Surren und ein kurzer Blick auf das Fahrrad der Senioren entlarvt diese: Der ältere Herr und die ältere Dame sitzen auf einem Pedelec. Inzwischen Alltag in Deutschland. Jeder Fahrradfahrer kennt diese Situation – und wenn nicht, dann fährt er vermutlich selbst auf einem Fahrrad mit dem eingebauten Rückenwind.

Seit rund zehn Jahren gibt es nun Pedelecs und E-Bikes auf dem Markt. Während der Verkauf von normalen Fahrrädern eher rückläufig ist, boomt die Branche der elektrischen Zweiräder. Experten rechnen, dass 2017 rund 680 000 E-Bikes und Pedelecs verkauft werden. 2009 waren es noch 150 000.

Höheres Verletzungsrisiko mit E-Bikes

Bei keiner anderen Erfindung ist das Nützliche mit dem Angenehmen so innig verbunden wie beim Fahrrad – das sagte einst Adam Opel. Mit ziemlicher Sicherheit glaubte der Gründer des Autoherstellers Opel nicht mal im Traum daran, dass es das Fahrradfahren irgendwann mal mit elektrischer Unterstützung geben würde. Aber so bequem das Fahren mit einem E-Bike oder Pedelec auch ist: Es ist auch gefährlich. E-Bike und Pedelec-Fahrer kommen bei Unfällen häufiger ums Leben als andere Fahrradfahrer. Im vergangenen Jahr war der Anteil tödlicher Unfälle mit Pedelecs wesentlich höher als mit herkömmlichen Fahrrädern, wie die Daten des Statistischen Bundesamts in Wiesbaden zeigen. „Für Senioren über 65 ist das relative Risiko eines tödlichen Unfalls auf dem Pedelec doppelt so hoch wie auf einem nichtmotorisierten Rad“, sagte Jörg Kubitzki, Unfallforscher bei der Allianz-Versicherung.

3901 Pedelec-Unfälle mit Personenschaden gab es laut des Statistischen Bundesamtes 2016 in Deutschland. 62 davon endeten tödlich. Von den tödlich Verunglückten war niemand jünger als 45 Jahre. 57 waren 65 Jahre und älter. Fahrradunfälle gingen dagegen weit seltener tödlich aus. Im Schnitt starb nur bei jedem 234. Radunfall ein Mensch.
 

Das Fahrrad mit dem Namen "8cht" des Herstellers e-bike manufaktur steht in der Messe in Friedrichshafen. Es wird mit einem Riemen angetrieben.
Das Fahrrad mit dem Namen "8cht" des Herstellers e-bike manufaktur steht in der Messe in Friedrichshafen. Es wird mit einem Riemen angetrieben. | Bild: Felix Kästle

Das bedeutet nicht, dass Elektroräder generell unfallträchtiger wären als Fahrräder. Aber wenn es zu einem Unfall kommt, sind die Folgen häufiger schwerwiegend. „Das Pedelec bringt ein höheres Verletzungsrisiko mit sich als das Fahrrad“, erklärt Stephanie Krone vom Fahrradclub ADFC (Allgemeiner Deutscher Fahrradclub). „Das liegt an der größeren Verletzungsanfälligkeit seiner meist älteren Nutzer und nicht daran, dass sie mehr Unfälle haben.“

Rentner mit E-Bike bleiben länger fit

Auch der Allgäuer Gesundheitsexpertin Petra Heinle ist das vermehrte Unfallrisiko aufgefallen. Sie untersucht in einer Studie die Mobilität von Menschen über 75 Jahren. Sie glaubt aber, dass nicht das Alter der ausschlaggebende Grund für die vermehrten Unfälle ist. „Pedelecs sind schneller und ziehen beim Anfahren manchmal extrem schnell an. Außerdem kann man insgesamt schneller fahren, was immer mit einer Gefahr verbunden ist“, sagt sie. Aber, das gibt Heinle auch zu bedenken, Rentner bleiben durch die elektrischen Fahrräder länger fit: „Senioren können so ein Stück Lebensqualität und Unabhängigkeit zurückgewinnen.“
 

Unterschiede zwischen E-Bike und Pedelec

Elektrische Fahrräder liegen im Trend. Doch was unterscheidet ein Pedelec vom S-Pedelec? Und was ist dann eigentlich ein E-Bike? Eine kleine Übersicht über die Unterschiede:

  • Pedelec: Alle reden vom E-Bike. Damit meinen sie meist das sogenannte Pedelec (Pedal Electric Cycle) – ein elektrisches Fahrrad zum Treten. Bei diesen Modellen springt der Motor nur an, wenn der Fahrer in die Pedale tritt. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 25 Stundenkilometern. Behördliche Zulassung mit Nummernschild und Versicherung ist nicht erforderlich. Die braucht nur, wer Pedelecs mit bis zu 40 Kilometern pro Stunde fahren will.
  • S-Pedelec: Sie gelten als Kleinkrafträder (L1e) und können je nach Modell durch einen stärkeren Motor bis zu 45 km/h beim Treten unterstützen. Erforderlich sind ein Führerschein der Klasse AM (M vor 2013), ein Helm sowie ein Versicherungskennzeichen. Wer sie fahren will, muss in der Regel mindestens 16 Jahre alt sein.
  • E-Bike: Ohne zu treten lassen sich schließlich die eigentlichen E-Bikes mit einem Hebel oder Gasgriff fahren, in der Regel bis 20 km/h. Es gibt aber auch schnelle Modelle. Für diese Kleinkrafträder sind ein Versicherungskennzeichen und ein Führerschein der Klasse AM (M vor 2013) nötig. Andere Modelle fahren bis 25 und 45 km/h schnell, für sie gilt dann außerdem eine Helmpflicht. Weniger als ein Prozent fahren diese Art des elektrischen Fahrrads.

Hersteller wollen Fahrräder sicherer machen

Das Thema Sicherheit beschäftigt auch die Hersteller der Fahrräder. Die Reutlinger Firma Bosch, die auch elektrische Fahrräder herstellt, hat sich zum Beispiel überlegt, wie man die Bremsen beim Pedelec verbessern könnte. Ihre Idee: ABS-Bremsen. ABS steht für Antiblockiersystem. Mit ABS-Bremsen am Pedelec soll es zukünftig möglich sein, dass das Vorderrad des Pedelecs beim Bremsen nicht blockiert oder das Hinterrad abhebt. Dadurch soll sich auch der Bremsweg verringern und das Risiko von Überschlägen und Stürzen minimiert werden.

Ein E-Bike mit ABS-System will der Friedrichshafener Automobilzulieferer ZF 2019 mit Partnern auf den Markt bringen. Im Fahrrad-Projekt von ZF wird aber noch weitergedacht: So gibt es die Idee, dass Fahrräder Signale senden, damit diese vom Computer eines vorbeifahrenden Autos erkannt werden, um Unfälle zu verhindern.

An einem ganz anderen Sicherheitskonzept arbeitet die Firma doubleSlashaus Friedrichshafen. Sie möchte das Rad vor Diebstahl und Verschleiß schützen. Ihr Projekt nennt sich: Connected Bike – vernetztes Fahrrad. Sensoren am Fahrrad messen beispielsweise den Verschleiß der Kette. Bevor ein kritischer Punkt erreicht wird, sendet der Sensor an eine App, die der Fahrradbesitzer installiert haben muss, eine Meldung: Achtung, Kette sollte ausgewechselt werden. „Durch diese Daten kann der Fahrradfahrer frühzeitig sein Rad zur Reparatur bringen – also bevor eine wirklich große Reparatur ansteht“, erklärt Walter Melcher von der Projektgruppe Connected Bike.
 

Frederick fährt vor der Messe in Friedrichshafen das Elektro-Kinder-Mountainbike Sduro des Herstellers Haibike.
Frederick fährt vor der Messe in Friedrichshafen das Elektro-Kinder-Mountainbike Sduro des Herstellers Haibike. | Bild: Felix Kästle

Das System soll aber noch andere nützliche Dinge für den Fahrradfahrer erledigen können. Zum Beispiel helfen, das Fahrrad wiederzufinden, wenn es gestohlen wurde. „Über GPS-Daten gibt das Connected Bike in Echtzeit seinen Standort an die Polizei weiter. Der Sender ist dabei so verbaut, dass er nicht aus dem Rad herausgerissen werden kann“, so die Idee von Melcher. Praktisch ist auch der E-Call – ein automatisierter Anruf im Falle eines Sturzes. „Die Sensoren am Fahrrad können zum Beispiel messen, wenn es zu einem plötzliche n Geschwindigkeitsverlust und extremen Neigungswinkel kommt. Ein Anzeichen für das System, dass der Fahrer gestürzt ist“, erklärt Melcher. Allerdings – gibt er zu – ist das System noch nicht ganz ausgereift. Erst 2018 soll das System auf den Markt kommen.

Die Trends auf der Eurobike

  • E-Mountainbike für Kinder
    Der Elektroantrieb ist weiterhin Dauerbrenner der Fahrradbranche – und nach wie vor Wachstumstreiber. Bislang werden die Motoren meist in Stadt- und Trekking­rädern verbaut. Doch der Elektroantrieb hält zunehmend auch bei anderen Modellgruppen Einzug, etwa bei Mountainbikes – auch für Kinder. Solche produziert zum Beispiel Haibike mit dem Modell Sduro oder KTM mit dem Macina Mini Me 24. Das letztere fährt etwa mit einem Bosch Active Line-Antrieb mit 250 Watt Leistung und 400-Wh-Akku. DieMaximalgeschwindigkeit ist dabei auf 20 Stundenkilometer begrenzt.
  • Räder fürs Gepäckfach
    Falträder bieten sich an, um beispielsweise mit Bahn oder Bus zu reisen und das letzte Stück zum Zielort zu radeln. Vor allem das Gewicht und die Handhabung sind entscheidende Kaufkriterien. 13 Kilogramm wiegt beispielsweise ein Falt-Pedelec des Wiener Unternehmens Vello Bike. Der Clou: Überschüssige Energie wird bei dieser Neuentwicklung dem Akku wieder zugeführt.
  • Technik und Design
    Bei Fahrrädern ohne elektrischen Antrieb sind die Ingenieure weiter auf derSuche, weiteres Gewicht einzusparen. Zunehmend mehr sind die Räder mit hydraulischen Scheibenbremsen ausgestattet, die einen höheren Bremsdruck zulassen. Einige Hersteller setzen zunehmend auf Zahnriemenantrieb statt Kette. Dieser ist leiser, kommt ohne Öl-Schmierung aus und kann nur mit Wasser gereinigt werden. In Zukunft werden Fahrräder mit oder ohne elektrischen Antrieb kaum mehr zu unterscheiden sein. „Ein E-Bike wird sich in derOptik immer mehr einem normalen Rad annähern“, sagt Michael Wild, Marketing-Leiter von Shimano-Vertreiber Paul Lange.
  • Alarmanlage im Fahrradschloss
    Aber auch bei den Accessoires gibt es Neuheiten. Die Firma Abus präsentiert ein Faltschloss, das bei einem Diebstahl ähnlich laut Alarm schlägt wie eine Autoalarmanlage. Jeder Angriffsversuch werde den Besitzer warnen und den Dieb abschrecken, heißt es bei dem Unternehmen.
Das Rennrad Time Machine 01 TWO steht in der Messe in Friedrichshafen auf dem Stand des Herstellers BMC. Im Vordergrund ist der blaue Rahmen eines Mountainbikes zu sehen.
Das Rennrad Time Machine 01 TWO steht in der Messe in Friedrichshafen auf dem Stand des Herstellers BMC. Im Vordergrund ist der blaue Rahmen eines Mountainbikes zu sehen. | Bild: Felix Kästle

Warum steigen immer mehr Menschen steigen vom Auto auf das Fahrrad um?

Frau Schäfer, fahren Sie gerne mit dem Fahrrad?

Ich fahre sehr gerne mit dem Fahrrad. Zur Arbeit an die Universität Frankfurt kann ich leider nicht mit dem Rad kommen, dafür ist der Weg zu weit. Aber für tägliche Besorgungen im nahräumlichen Bereich nutze ich es eigentlich meistens.

Das Umweltministerium hat eine Studie veröffentlicht, in der 61 Prozent der Befragten, die in Städten bis zu 100 000 Einwohnern wohnen, vom Auto auf das Rad umsteigen würden. Steigen wirklich immer mehr Menschen auf das Rad um?

Das tun sie tatsächlich. In verschiedenen Studien, wie zum Beispiel der Studie des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur, ist das ersichtlich. Jedes Jahr steigt der Anteil der Fahrradnutzung. In Frankfurt zum Beispiel hat sich der Anteil in zehn Jahren fast verdoppelt.

Warum steigen denn so viele Menschen vom Auto auf das Fahrrad um?

Das hat mehrere Gründe. Einer dieser Gründe ist, dass das Fahrrad einen wahnsinnigen Images-Gewinn durchgemacht hat: Es macht Spaß, ist gesund und cool. Ein anderer Grund ist, dass die Technik der Fahrräder natürlich sehr viel besser geworden ist. Es gibt Lastenfahrräder, Pedelecs, Mountainbikes. Das bedeutet: Die Menschen können mit dem Rad mittlerweile sehr viel mehr Dinge erledigen, die sie früher nicht konnten. Ein Beispiel: Eltern können ihre Kinder leichter mit dem Fahrrad zur Kita bringen. In Lastenfahrrädern kein Problem mehr.
 

Lastenfahrräder können gute Helfer im Alltag sein. <em>Bilder: dpa</em>
Lastenfahrräder können gute Helfer im Alltag sein. Bilder: dpa | Bild: Leaserad

Die Menschen sind damit gesundheitsbewusster geworden. Aber haben sie sich auch für dasRad entschieden, weil sie umweltbewusster sind als früher?

Ja, die persönliche Einstellung generell zum Fahrrad und zur Umwelt hat sich geändert.

Ist das ein Phänomen, welches sich eher auf urbane Umgebungen bezieht?

Nein. In Statistiken fällt auf, dass auch in ländlichen Räumen immer mehr Menschen dasFahrrad benutzen. Gerade in touristischen Gebieten wird viel dafür getan. Gerade dort werden Pedelecs gerne gekauft. Außerdem setzen sich die Kommunen vermehrt dafür ein, dass ihre Orte fahrradfreundlich werden.

Jedes Jahr wird vom Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC) die fahrradfreundlichste Stadt gekürt. Fast immer ist Münster auf Platz eins. Was macht diese Stadt für Radler denn besser als andere?

Eine fahrradfreundliche Stadt bietet sichere Radwege und eine ausreichende Infrastruktur, um diese dann auch abzustellen. Aber das ist es nicht alleine. Münster hat auch einfach den Vorteil der Lage. Dort ist es sehr flach und die Stadt ist nicht sonderlich groß. Eine Großstadt wie Frankfurt könnte sich nie mit Münster vergleichen. Allein wegen der Größe sind die Fahrtstrecken viel länger. Aber auch kleinere Städte haben es manchmal schwer. Liegt eine Stadt topografisch ungünstig, zum Beispiel im bergigen Schwarzwald, können diese mit Städten wie Münster nicht mithalten. Dennoch können es auch diese Städte schaffen, ihre Stadt fahrradfreundlicher zu machen.

Wie das?

Indem sie gut ausgebaute Radwege anbieten, die flach und breit sind, sodass man nicht mit Fußgängern oder Autofahrern konkurrieren muss. Was oft beim Radfahren passiert, ist ja dieser Krieg untereinander: der Autofahrer gegen den Fahrradfahrer und der Fahrradfahrer gegen den Fußgänger. Und das ist einfach nur purer Stress. Wenn man das Miteinander stärkt und ein fahrradfreundliches Klima schafft, dann ist es eine fahrradfreundliche Stadt.

Werfen wir mal einen Blick in das Jahr 2050: Wird das Fahrrad das Verkehrsmittel der Zukunft?

Ich hoffe es. Denn das Auto wird uns in Zukunft nicht weiterbringen. Im Gegenteil: Es verstopft die Innenstädte, verursacht Lärm und verschmutzt die Luft. Das Fahrrad ist umweltfreundlich, gesund, nimmt wenig Platz weg und ist extrem flexibel. Aber es kann sein, dass das autonome Fahren das Fahrrad überholt. Vielleicht siegt dann die Bequemlichkeit in uns. Denn es bleibt ja so: Fahrradfahren ist körperliche Arbeit und macht nicht bei jedem Wetter Spaß.

Fragen: Kerstin Steinert

Zur Person

Petra Schäfer, 46, ist Professorin für Verkehrsplanung in der Fachgruppe neue Mobilität an der Universität Frankfurt. Sie versucht herauszufinden, wie man den Stadtverkehr effektiver gestalten kann. In ihrer Forschung an der Uni Frankfurt geht es auch darum, wie man die Verkehrsteilnehmer dazu bringen kann, umweltfreundlicher unterwegs zu sein. (kst)