Ab wann ist man krankhaft smartphonesüchtig, Herr Professor Spitzer?

Eine Sucht liegt prinzipiell vor, wenn man etwas nicht lassen kann, obgleich es einem schadet; wenn man mit Anspannung, Gereiztheit, Angst, Aggressivität reagiert, sobald man von einem Verhalten abgehalten wird. Und dieses Verhalten zerstört das Leben, indem es etwa die sozialen Kontakte kaputt macht, die Beziehung, den Job gefährdet. Zudem sind Veränderungen im Gehirn zu beobachten.

Kann man nicht sagen, ab wie vielen Stunden am Tag es riskant wird?

Nein, entscheidend ist, wie beeinträchtigt das normale Leben ist.

Aber kaum einer wird doch von sich behaupten: Ich bin smartphonesüchtig?

Das ist das Problem vieler Suchterkrankungen. Nur Wenige erkennen, wie abhängig sie sind, und gehen zum Arzt. Die Computer- und Internetsucht ist mittlerweile von der WHO anerkannt. Viele geben zumindest zu, Schwierigkeiten zu haben, das Smartphone wegzulegen.

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Eine Studie hat ergeben, dass von 500 befragten Kindern von acht bis 14 Jahren acht Prozent im Risikobereich lagen oder bereits süchtig sind. Während die Zahl der Internet- und Smartphonesüchtigen massiv steigt, haben wir in Deutschland nur etwa 200 Behandlungsplätze gerade für junge Patienten.

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Was richtet das Smartphone in uns an?

In der medizinischen Fachliteratur nachgewiesen sind Ängste, Aufmerksamkeitsstörungen, Depression, Bewegungsmangel, Übergewicht, Haltungsschäden, ein verstärktes Suchtverhalten – im Übrigen auch, was Tabak und Alkohol angeht. Durch die Nutzung von sogenannten Geosocial Networking Apps kommt es zudem zu mehr Gelegenheitssex, was die Verbreitung von Geschlechtskrankheiten verstärkt. Smartphones sind zudem bei jüngeren Verkehrsteilnehmern Unfallursache Nummer eins.

Bewegungsmangel ist nachvollziehbar, aber Sie warnen auch davor, dass Smartphones Diabetes auslösen. Wie kann das denn überhaupt sein?

Es ist erwiesen, dass die Nutzung von Smartphones den Schlaf deutlich beeinträchtigt. Insbesondere schauen über 90 Prozent der jungen Leute abends kurz vor dem Schlafengehen auf ihr Handy und schlafen ein bis zwei Stunden weniger. Schlafmangel erhöht aber eindeutig das Diabetesrisiko. Auch den Mechanismus kennt man noch nicht vollständig. Fest steht aber: Diabetes erhöht wiederum das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall.

Sie warnen vor allem vor den digitalen Gefahren für Kinder.

Weil Kinder und Jugendliche von nahezu allen Risiken und Nebenwirkungen des Smartphones stärker betroffen sind als Erwachsene. Störungen der Sprachentwicklung, der Aufmerksamkeit, des Lernens und der Motivation bis hin zur Willensbildung sind allesamt vor allem bei jungen Menschen anzutreffen. In diesem Alter befindet sich das Gehirn noch in Entwicklung, und genau diese normale Gehirnentwicklung wird durch das Smartphone gestört. Manche Schäden sind irreparabel.

Welche?

Kurzsichtigkeit zum Beispiel. Sie wachsen, bis sie scharf sehen. Wenn man nun in jungen Jahren sehr viel in die Nähe schaut, werden die Augen angeregt, in die Länge zu wachsen – die Folge ist Kurzsichtigkeit. Davon sind in Europa 30 Prozent aller jungen Menschen betroffen, in China 80 Prozent und in Südkorea über 90 Prozent.

Sie kämpfen massiv gegen den Einzug digitaler Medien in den Schulen.

Es gibt Studien, die deutlich zeigen, dass die Schüler durch digitale Medien im Unterricht schlechter und unaufmerksamer werden. Zudem werden die Computer während des Unterrichts für fachfremde Tätigkeiten, etwa Videos schauen oder chatten, genutzt.

Aber wo, wenn nicht in der Schule, ist ein besserer Ort, Medienkompetenz zu erlernen?

Medienkompetenz gibt es nicht. Was heißt das überhaupt?

Ein sorgsamer Umgang mit digitalen Medien.

Das wollen Kinder doch genau nicht.

Daher müssen sie es unbedingt lernen.

Nein. Digitale Medien erzeugen Sucht und schaden der Gehirnentwicklung der Kinder und Jugendlichen. Daraus zu folgern, dass wir ihnen so früh wie möglich den Umgang mit digitalen Medien beibringen müssen, ist falsch! Wir machen doch auch kein Alkoholkompetenztraining in Kindergärten und Grundschulen. Von Alkohol wissen wir auch, dass er der Gehirnentwicklung schadet und Sucht erzeugt. Daher halten wir Kinder und Jugendliche davon so lange fern, bis sie stabil sind und sich in der Regel selbst kontrollieren können. Das ist ab dem 18. Lebensjahr.

Heißt das, Sie würden das Smartphone auch erst ab 18 erlauben?

So ist es, ohne Aufsicht erst ab 18.

Aber ist das nicht realitätsfern? So gut wie jeder trägt eines mit sich herum ...

Während meiner Schulzeit war das Rauchen an Schulen nicht wegzudenken. Über Jahrzehnte hat es eine reiche Lobby geschafft, uns einzureden, Zigaretten mit Freiheit und Abenteuer zu verbinden. Dies hat in Deutschland über etwa 50 Jahre für 140 000 Tote pro Jahr gesorgt! Und ich kann Ihnen versichern, der Einfluss und vor allem die Finanzkraft der digitalen Lobby sind um ein Vielfaches größer als bei jeder anderen Lobby – schließlich handelt es sich um die reichsten und mächtigsten Firmen der Welt.

Aber auch vor diesem Hintergrund ist doch das Erlernen des verantwortungsvollen Umgangs mit digitalen Medien umso wichtiger. Mit Verboten werden Smartphones doch noch interessanter.

Seit etwa zehn Jahren sind Smart-
phones in unserem Alltag. Keiner, weltweit keiner, hat sich um die Folgen für unsere Gesundheit, für die Entwicklung unserer Kinder gekümmert. Im Gegenteil: In den Schulen werden Milliarden für digitale Medien ausgegeben. Sogar das Grundgesetz soll geändert werden, damit den Ländern die Bildungshoheit vom Bund genommen werden kann, um sie an kalifornische superreiche Firmen wie Apple, Microsoft und Google weiterzugeben. Das ist ein Skandal! Profitorientierte Firmen steuern unser Leben. Bis ins intimste Detail. Das lassen wir zu.

Sie selbst sind Vater von sechs Kindern. Haben Ihre Kinder kein Smartphone?

Fünf meiner Kinder sind erwachsen, meine jüngste Tochter Anna ist neun Jahre alt und hat kein Smartphone. Ich werde ständig von Eltern um Rat gebeten, und ich sage immer wieder: Erstens, was Sie Ihrem Kind nicht kaufen oder schenken, müssen Sie ihm später auch nicht wegnehmen. Zweitens: Ein Smartphone ist der Zugang zum größten Rotlichtmilieu und größten Kriminellen-Treffpunkt der Welt. Wenn mich Eltern fragen, ab welchem Alter ich zu einem Smartphone rate, sage ich stets: Ab wann würden Sie Ihr Kind ohne Begleitung ins Rotlichtmilieu oder zu Kriminellen lassen?

Viele Eltern fürchten aber, dass ihr Kind ohne Handy ausgegrenzt wird.

Es gibt Fälle, wo die Eltern aller Kinder einer Klasse sich absprechen und den Kindern kein Smartphone in die Schule mitgeben. Dann entfällt der Hauptgrund „alle anderen haben eines“. Die Kinder reden wieder miteinander, sind sozial zufriedener und lernen besser.

Sie wurden kürzlich von der AfD gefragt, ob Sie an einer Enquete-Kommission als Experte teilnehmen, die sich mit den beruflichen Herausforderungen beschäftigt. Für viele Ihrer Kritiker passte diese Nähe zur AfD.

Das stimmt einfach nicht. Erstens habe ich abgelehnt, und zweitens teile ich in keiner Weise die Ansichten der AfD.

Auch in der Wissenschaft haben Sie viele Kritiker, die Ihnen vorwerfen, dass Sie digitale Medien verteufeln und in Studien nur das hervorheben, was zu Ihren Thesen passt.

Diese Vorwürfe gibt es seit Langem, und ich bin ihnen schon mehrfach und deutlich begegnet.

Fragen: Daniela Hungbaur

Manfred Spitzer ist ein scharfer Kritiker des Smartphones. Es ist nichts für Unter-18-Jährige, sagt er.
Manfred Spitzer ist ein scharfer Kritiker des Smartphones. Es ist nichts für Unter-18-Jährige, sagt er. | Bild: Hendrik Schmidt/dpa