Es muss eine Revolution gewesen sein. Und sie kam auf vier Hufen. Vor 5500 Jahren beschlossen die Menschen der Botai-Kultur im heutigen Kasachstan in Mittelasien, ihr Leben von Grund auf umzukrempeln. Statt auf der Jagd nach Wildpferden, Hirschen, Elchen und anderen Tieren über die Steppe zu ziehen und an jedem Ort nur kurz zu verweilen, wurden sie plötzlich sesshaft. Das Dorf Botai mit seinen mehr als 160 Häusern und etliche kleinere Siedlungen entstanden. Und dort drehte sich von nun an alles um die neuen vierbeinigen Gefährten, die den Menschen das Überleben sicherten: In Botai finden sich die ältesten bekannten Spuren von gezähmten Pferden.

Von Archäologen in der Steppe freigelegte Botai-Pferd-Knochen. <em>Bild: Alan</em> Outram
Von Archäologen in der Steppe freigelegte Botai-Pferd-Knochen. Bild: Alan Outram | Bild: Alan Outram

Ein Wissenschaftlerteam um Ludovic Orlando vom Naturkundemuseum in Kopenhagen hat nun einen Blick ins Erbgut dieser Tiere geworfen. Aus erhalten gebliebenen Knochen haben die Forscher das Erbmaterial DNA isoliert und mit dem von zahlreichen anderen alten und modernen Pferden verglichen – mit überraschenden Ergebnissen. Die Geschichte des Zusammenlebens von Mensch und Pferd muss demnach teilweise neu geschrieben werden.

„Wie diese Geschichte genau angefangen hat, ist immer noch ein Rätsel“, sagt Michael Hofreiter von der Universität Potsdam, der an der Studie mitgearbeitet hat. Das hängt unter anderem mit dem Schauplatz der Ereignisse zusammen: In den Weiten der eurasischen Steppen sind Fossilien schwierig zu finden. Die Reihe der Zeitzeugen, die von den verschiedenen Stufen der Zähmung und Haltung erzählen könnten, ist deshalb noch ziemlich lückenhaft.

 

Der Ursprung lag in der Steppe

  • Das Wildpferd
    Diese Art mit dem lateinischen Namen "Equus ferus" trabte während der Eiszeiten durch riesige Gebiete in den Steppen und Grasländern Eurasiens. Bisher ging man davon aus, dass mit dem Tarpan und dem Przewalski-Pferd zwei Unterarten bis in die Neuzeit überlebt haben. Es gibt zwar noch eine ganze Reihe weiterer Pferde, die umgangssprachlich als Wildpferde bezeichnet werden. Dazu gehören zum Beispiel die Mustangs in Nordamerika, die Brumbies in Australien oder die Namibischen Wildpferde in Südafrika. In all diesen Fällen handelt es sich aber um verwilderte Hauspferde. So war das Pferd in Nordamerika gar nicht heimisch, bevor es die spanischen Eroberer im 16. Jahrhundert in die Neue Welt mitbrachten, wo es sich dann rasch ausbreitete und von den Indianern genutzt wurde.
  • Das Przewalski-Pferd
    Equus ferus przewalskii hat seinen Status als echtes Wildpferd nun ebenfalls verloren. Ursprünglich kamen diese Tiere in der gesamten eurasischen Steppe vor. Mit der Zeit aber wurden sie in immer kargere und unwirtlichere Regionen zurückgedrängt. Die intensive Jagd auf diese Tiere hat dazu ebenso beigetragen wie die Konkurrenz durch weidendes Vieh. Die letzten wildlebenden Przewalski-Pferde wurden 1969 in der Mongolei gesehen. Ein Zuchtprogramm in menschlicher Obhut hat es allerdings ermöglicht, in der Mongolei und einigen anderen Regionen wieder Tiere dieser Art anzusiedeln.
  • Der Tarpan
    Equus ferus ferus ist wohl das letzte echte Wildpferd der Erde gewesen. Sein Verbreitungsgebiet erstreckte sich westlich des Urals bis nach Westeuropa. Da auch diese Tiere intensiv gejagt wurden und ihr Lebensraum zunehmend Siedlungen und Äckern weichen musste, verschwanden die Tiere im Laufe des 16. Jahrhunderts aus Westeuropa und wurden auch im Osten immer seltener. Der letzte wissenschaftlich belegbare Tarpan in freier Wildbahn wurde 1879 getötet.

 

Tiere trugen schon Zaumzeug

In Botai haben Archäologen allerdings mehr als 300 000 Knochenreste ausgegraben, von denen mehr als 90 Prozent von Pferden stammen. Und es gibt eine ganze Reihe von Hinweisen darauf, dass es sich dabei schon um echte Nutztiere handelte. So sprechen bestimmte Abnutzungserscheinungen an den Zähnen dafür, dass die Tiere Zaumzeug getragen haben. Sie könnten also durchaus als Zug- oder sogar Reittiere im Einsatz gewesen sein. Analysen von Fettresten in Keramikgefäßen verraten zudem, dass die Menschen auch die Milch der Stuten getrunken haben. Und schließlich haben Archäologen auch Indizien dafür gefunden, dass die Tiere in Koppeln gehalten und in den Dörfern geschlachtet wurden.

Auch Experten für alte DNA wie Michael Hofreiter können aus den Knochen der Botai-Pferde einiges herauslesen. Bestimmte Erbinformationen verraten, dass es damals schon Tiere mit schwarzem, braunem und gepunktetem Fell gab. Wann genau diese Pferde zu Gefährten des Menschen geworden sind, können die Forscher bisher allerdings nicht sagen. „Dazu müssten wir Proben von Wildpferden aus der gleichen Region haben“, sagt Michael Hofreiter. „Und die fehlen bisher.“

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Die Überreste der Przewalski-Pferde (auch bekannt als mongolische Wildpferde) helfen da auch nicht weiter. Zwar galten diese Tiere bisher als einzige Wildpferde, die bis heute überlebt haben. Und sie kamen durchaus auch in Kasachstan vor. Nur haben die neuen Untersuchungen gezeigt, dass sie nicht etwa die Vorfahren, sondern die direkten Nachkommen der Botai-Pferde sind. Immer mal wieder müssen ein paar Hengste und Stuten aus den Pferchen der Botai-Kultur entkommen sein. Und die kamen in freier Wildbahn offenbar gut genug zurecht, um die Linie der Przewalski-Pferde zu begründen. „Das sind also gar keine Wildpferde, sondern verwilderte Hauspferde“, resümiert Michael Hofreiter. Der Titel „letztes Wildpferd der Erde“ geht damit vom Przewalsi-Pferd auf den Tarpan über, der im Laufe des 19. Jahrhunderts ausgerottet wurde. Eine faustdicke Überraschung.

Zumal die Przewalski-Pferde äußerlich an Wildpferde erinnern. Offenbar haben sie nach ihrer Rückkehr in die Freiheit einen Teil ihres Botai-Erbes wieder abgelegt. Sie wurden deutlich zierlicher als ihre in menschlicher Obhut gehaltenen Ahnen – vermutlich, weil ein freies Leben in der Steppe mehr Schnelligkeit und Wendigkeit erforderte. Auch ein auffällig gepunktetes Fell war in freier Wildbahn wohl nicht mehr gefragt. Als die Przewalski-Pferde im 20. Jahrhundert in freier Wildbahn ausgerottet wurden und nur in Zoos überlebten, war es mit der genetischen Vielfalt allerdings vorbei. Das Zuchtprogramm, dem alle heutigen Tiere ihr Leben verdanken, geht auf nur 13 Hengste und Stuten zurück.

Die Mustangs in den USA sind keine echten Wildpferde, sondern verwilderte Hauspferde.
Die Mustangs in den USA sind keine echten Wildpferde, sondern verwilderte Hauspferde. | Bild: loya_ya – stock.adobe.com

Immer wieder neue Kreuzungen

Heutzutage ist damit nur noch ein kleiner Teil des genetischen Erbes der Botai-Pferde lebendig. Und darin besteht die zweite große Überraschung der neuen Studie. Bisher hatte man nämlich die domestizierten Tiere aus Kasachstan auch als Ahnen der modernen Hauspferde in Verdacht. Doch darauf fand sich kein Hinweis. Egal, ob die Forscher das Erbgut von Pferden aus der Bronzezeit, aus dem alten Rom oder aus heutigen Ställen untersuchten: Nirgends fanden sie nennenswerte Gemeinsamkeiten mit den Botai-Pferden. „Alle untersuchten Hauspferde, die jünger als 4000 Jahre sind, haben mit dieser Linie so gut wie nichts mehr zu tun“, sagt Michael Hofreiter.

Dafür kann es nach Ansicht der Forscher zwei Erklärungen geben. Vielleicht haben ja die Besitzer von Botai-Pferden so lange immer wieder Wildpferde in ihre Herden eingekreuzt, bis von dem kasachischen Erbe nichts mehr übrig war. Einen solchen Prozess kennen Experten von den europäischen Hausschweinen. Deren Ahnen wurden ursprünglich aus dem Nahen Osten importiert und dann so lange mit Wildschweinen gekreuzt, bis in den Dörfern ganz neue Rassen von Borstenvieh grunzten.

 

Michael Hofreiter hält es für wahrscheinlicher, dass es neben Botai eine zweite Region gab, in der Menschen früh Wildpferde domestiziert haben. Aus den Pferchen dieser Region könnten dann die Ahnen der Hauspferde gekommen sein. „Wo dieses zweite Domestikationszentrum war, können wir bisher allerdings nicht sagen“, sagt Michael Hofreiter. Denn auch dafür sind die bisherigen Funde noch zu spärlich. Zwischen den jüngsten Überresten der Botai-Pferde und den ältesten aus der Verwandtschaft der modernen Hauspferde klafft eine Lücke von tausend Jahren. Und in dieser Zeit muss irgendwo ein entscheidendes Kapitel in der gemeinsamen Geschichte von Mensch und Pferd geschrieben worden sein.

Es gibt eine ganze Reihe von Regionen, die als Schauplatz dafür infrage kommen. Dazu gehören zum Beispiel Ost-Europa, Ost-Anatolien, Spanien oder der Westen des Iran. Doch wo immer die Wiege der Hauspferde gestanden hat: Die neuen Gefährten dürften das Leben der Menschen auch dort auf den Kopf gestellt haben. Vom Handel bis zur Kriegsführung blieb nichts mehr, wie es war. Die Menschheit erlebte nach der Domestizierung des Rinds eine weitere Revolution auf vier Hufen.

 

Nutzung des Pferdes

Obwohl die Menschen das Pferd schon lange nutzten, dauerte es lange, bis Sattel, Zaumzeug und Steigbügel so aussahen, wie wir sie heute kennen. Die Sättel wurden ursprünglich nicht als Reit-, sondern als Packsättel erfunden. Die erste Form war ein Bocksatte. Er bestand aus zwei Brettern, die rechts und links am Pferd anlagen und mittels Bügeln vorne und hinten miteinander verbunden wurden. Sättel aus gepolsterten Kissen wurden schon früh in der Reiterei benutzt. Die Griechen der Antike benutzten Lammfelle oder Decken, die mit einem Sattelgurt gehalten wurden. Der Steigbügel setzte sich erst im 3. Jahrhundert in Asien durch, nach Europa kam er im frühen Mittelalter.