Herr Schulz, Sie haben viele Jahre im Silicon Valley gearbeitet und sind als Reporter sechs Monate lang bei Google ein- und ausgegangen. Wie schwer ist es, an den Konzern heranzukommen?

Wenn man einmal Teil des Ökosystems Silicon Valley ist, dann ist das gar nicht so kompliziert. Mit Ausnahme von Apple öffnen die meisten Konzerne dort die Türen sehr weit für Journalisten. Bei Google gibt es ein- bis zweimal in der Woche Hintergrundgespräche, in denen dann zum Beispiel Ingenieure erklären, an welchen Algorithmen sie gerade arbeiten.

In Deutschland stellt man sich den Konzern eher als abgeschotteten Datensammler vor.

Nein, so ist es nicht. Anders als bei vielen deutschen Konzernzentralen gibt es bei Google keine hohen Mauern, keinen Stacheldraht, nicht mal einen Haupteingang. Das Gelände gleicht eher einem Uni-Campus. Da trinken Menschen Kaffee oder gehen spazieren. Ab und zu sieht man sogar mal eine japanische Reisegruppe. Bei Google herrscht – wie bei den meisten Unternehmen im Silicon Valley – eine relativ linksliberale Stimmung. Auf dem Campus gibt es Tofu, veganes Essen und überall Plakate, die zu mehr Umweltschutz aufrufen.

Eine Android-Figur vor der Google-Zentrale. Das gleichnamige Handy-Betriebssystem ist eine wichtige Einnahmequelle.
Eine Android-Figur vor der Google-Zentrale. Das gleichnamige Handy-Betriebssystem ist eine wichtige Einnahmequelle. | Bild: Christoph Dernbach

Das passt ganz gut zu dem alten Google-Slogan „Don’t be evil“, zu Deutsch: tu nichts Böses. Viele Menschen kaufen dem Konzern dieses Motto aber nicht ab. Zu Unrecht?

Ich glaube nicht, dass „Don’t be evil“ eine PR-Masche ist. Man will der Welt bei Google durchaus zum Besseren verhelfen. Allerdings hat man im Konzern oft das Gefühl, einfach besser zu wissen, was gut und was schlecht ist. Das kann leicht in eine Arroganz umschlagen, mit der man Menschen dann das vermeintlich Gute notfalls auch aufzwingen will.

Was bedeutet das für die Unternehmenskultur?

Es wird generell sehr viel gearbeitet. Gleichzeitig habe ich noch nie so viele Mitarbeiter getroffen, die derart gut gelaunt ins Büro gegangen sind. Viele haben das Gefühl, etwas zu machen, das Bedeutung hat. Und natürlich gibt es da all diese Kleinigkeiten: eine eigene Bowlingbahn etwa oder ein Beachvolleyballfeld.

Das klingt, als sei Google noch immer ein Start-up, das nur sehr schnell sehr groß geworden ist.

Der Konzern versucht tatsächlich aktiv, dieses Start-up-Gefühl und die Transparenz zwischen Führungsebene und Mitarbeitern zu wahren. Jeden Freitag stehen die Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin zum Beispiel allen Mitarbeitern in der Cafeteria Rede und Antwort. Aber natürlich wird der Konzern immer größer. Am Ende knirscht es bei zehntausenden Mitarbeitern auch mal schneller als in einem kleinen Start-up.

Also sind auch bei Google nicht immer alle nur zufrieden?

Die Zeiten haben sich vor allem seit der Trump-Wahl gewandelt. Es ist alles viel politischer geworden. Mitarbeiter haben angefangen, die Dinge, die sie machen, mehr zu hinterfragen – bei Google genauso wie bei Facebook. Da haben Beschäftigte dann auch mal mit Parolen wie „Wir wollen keine Fake News“ auf dem Campus demonstriert. Als es vor kurzem darum ging, dass Google zurück nach China geht und die Zensurauflagen der Regierung akzeptiert, haben wieder viele Mitarbeiter protestiert, weil sie nicht für einen Konzern arbeiten wollen, der nach der Pfeife der chinesischen Regierung tanzt.

Google-Chef Page ist anders als Elon Musk, Mark Zuckerberg oder Jeff Bezos kein omnipräsenter Konzernlenker. Sie haben ihn einst trotzdem „den mächtigsten Unternehmer der Welt“ genannt. Was ist das für ein Mensch?

Man erwartet bei Google natürlich jemanden, der so auftritt wie das Unternehmen: ein wenig überheblich und arrogant. Aber so ist Larry Page gar nicht. Er ist eine sehr introvertierte Persönlichkeit. Es mangelt ihm zwar nicht an Selbstbewusstsein, aber er spricht ganz leise, erhebt nie die Stimme.

Wie alles begann: Die Google-Gründer Larry Page (links) und Sergey Brin nach einer Party in der Anfangszeit des mittlerweile 20 Jahre alten Konzerns.
Wie alles begann: Die Google-Gründer Larry Page (links) und Sergey Brin nach einer Party in der Anfangszeit des mittlerweile 20 Jahre alten Konzerns. | Bild: dpa

Wenn Page auf dem Campus gesichtet wird, schleicht er auch schon mal mit hochgezogenen Schultern durch die Gegend. Aber wenn er etwas sagt, dann hat das Gewicht.

Was treibt Page an?

Heute geht es ihm meiner Meinung nach hauptsächlich darum, sich als eine der ganz großen Persönlichkeiten der Menschheit in den Geschichtsbüchern zu verewigen – und zwar mit so vielen Punkten wie möglich.

Denn Google ist vom Selbstverständnis her längst nicht mehr nur eine Suchmaschine, sondern ein Technologie-Konzern, der selbstfahrende Autos baut oder mit Algorithmen die Medizin revolutionieren will.

Ein von der Google-Schwesterfirma Waymo zum selbst fahrenden Auto umgebauter <br />Minivan des Modells Chrysler Pacifica.
Ein von der Google-Schwesterfirma Waymo zum selbst fahrenden Auto umgebauter Minivan des Modells Chrysler Pacifica. | Bild: Andrej Sokolow

Wo kommt das Geld für diese Investitionen her?

Das wird über die Suchmaschine finanziert. Damit verdient Google beziehungsweise der Mutterkonzern Alphabet immer noch zu 80 Prozent sein Geld. Das Unternehmen hat Milliarden Dollar auf Bank-Konten liegen. Da kann man also schnell was Neues ausprobieren. Es ist ja genug Geld da.

In Ihrem neuen Buch „Zukunftsmedizin“ beschäftigen Sie sich damit, wie Google und andere Firmen Krankheiten besiegen wollen. Warum interessiert sich das Silicon Valley so für die Gesundheitsbranche?

Die Medizin hat sich durch die Digitalisierung extrem verändert. Und weil man im Silicon Valley alles Digitale besser beherrscht als im Rest der Welt, lag der Schritt nahe.

Wie könnte sich die Medizin durch Datenanalyse und Algorithmen wandeln?

Da gibt es ganz viele Beispiele. Eine Firma, die von Google mitfinanziert wird, arbeitet zum Beispiel an einem Krebs-Früherkennungstest. Man weiß, dass Tumore ganz früh DNA-Bestandteile ins Blut absondern. Untersucht man das Blut einmal im Jahr gezielt, lässt sich die Erkrankung viel zeitiger erkennen und umso besser behandeln.

Wann könnte ein solcher Test marktreif sein?

Aktuell läuft die Erprobungsphase. Das Einzige, was man mit großer Sicherheit sagen kann, ist, dass es viel schneller gehen wird, als wir es erwarten.

Die Konsequenz wäre aber, dass Menschen ihre Daten komplett preisgeben. Gerade, wenn es um die Gesundheit geht, ist das ja doch ziemlich umstritten.

Bei Google setzt man auf die Erkenntnis, dass dem Krebserkrankten im Zweifelsfall sein Wunsch zu überleben wichtiger ist als die Angst, dass seine Daten gehackt werden. Aber es stehen uns sicherlich noch große Diskussionen ins Haus. Denn solche Tests funktionieren nur mit persönlichen Daten, aber dafür fehlen uns derzeit noch die Gesetze.

Bleiben wir beim Datenschutz. Googeln Sie selbst heute noch so unbefangen wie vor Ihrer Zeit im Silicon Valley?

Nein, eigentlich nicht. Ich google zwar nicht weniger. Aber ich mache mir heute viel mehr bewusst, wo meine Daten landen.