Der Platz im deutschen Sport-Olymp war Franz Beckenbauer endgültig sicher, als ihm 1990 in Italien der WM-Sieg als Teamchef gelang. Doch dann setzte er noch eins drauf, als er die WM 2006 nach Deutschland holte. Ausgerechnet das „Sommermärchen“ hat jedoch zum Denkmalsturz geführt; und davon erzählt Uli Weidenbach in seiner Dokumentation „Mensch Beckenbauer!“ – verfügbar in der ZDF-Mediathek bis September 2021.

Seine Erfolge und der Skandal

Geschickt verknüpft der Film den persönlichen Werdegang und die sportlichen Erfolge mit dem Skandal, den das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ 2015 aufgedeckt hat: Es sind offenbar Bestechungsgelder geflossen, damit Deutschland den Zuschlag für die WM im eigenen Land bekommen hat.

Außerdem hat sich Beckenbauer möglicherweise selbst bestechen lassen, um für Russland und Katar als Austragungsorte der Weltmeisterschaften 2018 und 2022 zu stimmen. All das ist natürlich bekannt, und wer sich für Fußball interessiert, kennt auch die meisten anderen Geschichten, die Weidenbach erzählt. Viel interessanter als diese biografischen Versatzstücke sind die Bilder, die Beckenbauer auf dem Platz zeigen: Seine Eleganz im Umgang mit dem Ball ist bis heute unerreicht.

Weggefährten des Kaisers kommen zu Wort

Da sich Beckenbauer seit seiner Herzoperation 2016 fast völlig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat, erzählen eben andere, wie‘s war, darunter die Weggefährten Paul Breitner, Uli Hoeneß, Lothar Matthäus und Rudi Völler. Bruder Walter spricht über die Kindheit, Beckenbauer-Biograf Thorsten Körner über die Abhängigkeit des Stars von seinem Manager Robert Schwan, der ihm nicht nur in geschäftlicher Hinsicht sämtliche Steine aus dem Weg geräumt hat.

Einblicke ins fragwürdige Finanzgebaren liefert der Historiker Hans Woller, der 2019 in einer bemerkenswerten Gerd-Müller-Biografie beschrieben hat, „wie das große Geld in den Fußball kam“: Schon in den Sechzigerjahren ist reichlich Schwarzgeld geflossen, aber der FC Bayern stand unter dem besonderen Schutz der CSU.

Auch in Schriftform

Kein Wunder, dass sich der stets von sämtlichen Medien hofierte Beckenbauer irgendwann unantastbar gefühlt haben muss. Diese Gewissheit, vermutet „Spiegel“-Autor Gunther Latsch, der 2015 gemeinsam mit anderen die Korruptionsaffäre im Zusammenhang mit der WM 2006 aufgedeckt hat, habe dazu geführt, dass er irgendwann jedes Unrechtsbewusstsein verloren habe.

Eine lesenswerte Ergänzung zum TV-Porträt ist das gleichfalls anlässlich des Geburtstags erschienene Buch „Beckenbauer“. Christoph Bausenweins Biografie ist als klassische Chronik konzipiert. Sie befasst sich zwar auch mit dem bayerischen Amigo-System, doch in erster Linie wird die Lichtgestalt gewürdigt. Auf die „Schattengestalt“ kommt Bausenwein erst gegen Ende zu sprechen, als dem Buch schon beinahe die Seiten ausgehen.

Christoph Bausenwein: „Beckenbauer“. Verlag Die Werkstatt, Bielefeld. 168 Seiten, 24,90 Euro.

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