Lewis Hamilton hat sofort darauf hingewiesen. Er, der selbst gerne mal aus der Rolle fällt. In der Situation aber passte es für ihn, also strich der britische Formel-1-Fahrer sofort die Vorbildrolle heraus, die die schnellsten Autofahrer der Welt hätten. Es war gerade das Rennen in Aserbaidschan beendet, in dem ihm Sebastian Vettel recht rüde und absichtlich ins Auto gefahren war. Für ein Vorbild war diese Aktion nicht ratsam. Vettel konterte, sie seien alle Erwachsene und wüssten, mit solchen Situationen umzugehen. Auf Druck von außen hat Vettel mittlerweile seinen Fehler eingesehen und sich entschuldigt. Aber ob er tatsächlich bereut?

Eine Studie hat ergeben, dass 85,6 Prozent der deutschen Bevölkerung Sportler als Vorbild sehen. In erster Linie, was den Leistungswillen betrifft. Doch gerade junge Generationen eifern den Stars nach. Profisportler sind Vorbilder, ob sie wollen oder nicht. Noch heute hängen Poster der Sportler an den Wänden vieler Kinderzimmer. Wenngleich sich die Zeiten rasant ändern, Vorbilder sind immer gefragt. Viele Sportler aber machen es schwer, ihnen diese Rolle tatsächlich abzunehmen. Vettel war mit seiner riskanten Fahrerweise das letzte Beispiel. Zuvor wurde bekannt, dass die Fußballgrößen Lionel Messi und Cristiano Ronaldo sich offenbar Steuerbetrug geleistet haben ebenso wie Bayern Münchens Präsident Uli Hoeneß. Kevin Großkreutz, ein Fußballer, fällt immer wieder aus der Rolle. Er wirft mit Dönern um sich, uriniert in eine Hotelhalle und geht mit Nachwuchskickern feiern. Dass er dabei zuletzt in Stuttgart zusammengeschlagen wurde, war sein persönliches Pech. Dass er auf eine ausgedehnte Partytour mit Minderjährigen gegangen war, muss man ihm dagegen anlasten.

Der Leistungswille also beeindruckt die Fans. Was weniger beeindruckt, ist der Weg, der manchmal ans Ziel führen soll. Stichwort Doping. Viele Sportarten werden von der Einnahme unerlaubter Mittel verseucht. Großteile des russischen Sports stehen unter Anklage, hier scheint sogar der Staat bei den Mauscheleien mitzuhelfen. Und die Außenwirkung? Katastrophal. Was Profis hilft, kann dem Amateur kaum schaden – so mancher Freizeitsportler dürfte diesen Gedanken mit sich herumtragen. Eine fatale Entwicklung.

Der eine Sportstar fühlt sich in der Rolle des Vorbildes wohl, der andere eher nicht und lehnt sie sogar ab. Vettel ist ein ruhiger Kerl, ein sympathischer zudem. Sobald er allerdings in seinem Rennwagen sitzt, verändert sich sein Wesen. Vettel ist dann heißblütig und in Ausnahmesituationen weniger rational. Fährt so ein Vorbild? Was auf der Rennstrecke in Baku gutging, kann auf einer Autobahn zur Katastrophe führen. Was ein Formel-1-Fahrer in der Hektik des Rennens macht, ist nicht immer zur Nachahmung empfohlen. Vettel weiß das. Aus seiner Haut kann er trotzdem nicht. Das kann auch durchaus gut sein. Die Formel 1 freut sich über Fahrer mit Ecken und Kanten, über echte Typen, die für Unterhaltung in der Showbranche Sport sorgen. Eine Vorbildrolle aber ist so nur schwer zu erfüllen.

Sportler sind mehr denn je unter Beobachtung. Die Entwicklung beeinflussen sie selbst. Durch ständiges Zurschaustellen in verschiedensten Netzwerken wollen sie im Gespräch bleiben. Sie dürfen sich aber nicht wundern, wenn die Fans ähnlich mitteilsam sind und beim Anblick ihrer Stars gleich mit dem Handy zur Hand sind. Es ist ein enormes Informationsbedürfnis entstanden, das es zu befriedigen gilt. Dass dadurch auch Negativschlagzeilen ans Tageslicht kommen, darf niemanden verwundern. Und doch gibt es sie noch, die Sportler, die als Vorbilder taugen. Etwa Roger Federer, der Tennisprofi aus der Schweiz. Ihm jubeln Zuschauer auf der ganzen Welt zu. Weil er authentisch ist, sich keine Skandale leistet und seinen Beruf augenscheinlich liebt. Oder Dirk Nowitzki, der sich die kindliche Freude am Basketball nicht nehmen lässt und erfreulich bodenständig geblieben ist. Einfach ist das nicht immer. Die Verlockungen sind groß. Ihnen zu widerstehen, ist die Kunst.

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