Ist es mehr Last oder Lust, Motorsportchef bei Mercedes zu sein?

Toto Wolff: Beginnst du, Norbert...?

Norbert Haug: Es ist ja selbst gewählt. Und ich habe es immer als einen Ritterschlag empfunden. Für mich ist es die befriedigendste und herausforderndste Aufgabe, die man im Motorsport haben kann.

Wolff: Und ich muss mich immer wieder zwicken, um glauben zu können, welche Verantwortung und Möglichkeit mir da gegeben worden ist. Ganz besonders, und das sage ich nicht leichtfertig, weil es mit Norbert Haug und Alfred Neubauer zwei riesengroße Persönlichkeiten gibt, die in der Vergangenheit den Motorsport bei Mercedes verantwortet haben.

Wie oft bekommt ein Mercedes-Teamchef einen Anruf vom Vorstand?

Wolff: Wenn nicht jeden Tag, dann spreche ich mindestens jeden zweiten oder dritten mit Dieter Zetsche. Er ist interessiert, stellt immer die richtigen Fragen. Auf sein Wissen zurückgreifen zu können, das möchte ich nicht missen.

Haug: Ich habe mit Mercedes-Chef Jürgen Hubbert 14 Jahre lang und mit Dieter Zetsche acht, neun Jahre lang zusammengearbeitet. Wenn an der Spitze des Konzerns ein Racer steht, ist das ein Baustein zum Erfolg. Für den Motorsport braucht man ein ganz besonderes Verständnis als Manager.

Wenn Mercedes mal verliert, wo schmerzt so etwas mehr – vor dem Fernseher oder am Kommandostand?

Haug: Garantiert am Kommandostand! Aber ich leide auch vor dem Fernseher mit.

Wolff: Ich habe ja auch schon beides miterlebt, als ich mich bei Williams in einer nicht aktiven Rolle befunden habe. Das Leiden vor dem Fernseher ist größer, weil man da nicht eingreifen kann. Da spüre ich eine gewisse Ohnmacht. Die Aktivität vor Ort macht es für mich viel leichter.

Erinnern Sie sich noch an den ersten Mercedes-Sieg der Neuzeit?

Wolff: Ja, das war in Shanghai 2012, der erste Sieg auch für Nico Rosberg. Norbert und ich konnten dann später bei einem DTM-Rennen anstoßen, denn kurz darauf hat Pastor Maldonado einen völlig unerwarteten Sieg für Williams geholt. Plötzlich saßen wir beide als Formel-1-Sieger an einem Tisch.

Und wie haben Sie den ersten Mercedes-Erfolg der Hybrid-Ära erlebt?

Haug: Wir haben gleich eifrig SMS ausgetauscht, in Deutschland war noch früher Sonntagmorgen. Von März 2014 an ging dann die Post ab mit den Silberpfeilen. Das war a la bonne heure. Es gibt Erben, die mehren den Erfolg, und andere, die das Erbe durchbringen. Toto und seine Truppe sind mit harter Arbeit zu den Erfolgreichsten in diesem Sport geworden.

Wolff: Viele Hersteller sind an der eigenen Erwartungshaltung gescheitert. Aber Mercedes ist immer dabeigeblieben, auch in Zeiten, in denen das Team wachsen musste. Ich bin in ein Team gekommen, in dem schon vieles vorhanden war, nur die Ergebnisse fehlten noch. Deshalb kann ich das Kompliment nur zurückgeben. Norbert und ich haben auch deshalb größten Respekt voreinander, weil wir beide für den Erfolg mitverantwortlich sind.

Was kann denn ein Österreicher von einem Schwaben lernen?

Wolff: Den Stern über 23 Jahre glänzen lassen, nie vom Weg abzugehen, das muss man in einem Konzern erst mal schaffen. Und dann 2010 den Weg dafür zu ebnen, dass Mercedes ein Team kauft. Es war die absolut richtige Entscheidung, wie sich im Nachhinein herausgestellt hat. Für mich ist Norbert ein charismatischer Leader, der die Marke mit viel Passion und Wissen gestärkt und sie beschützt hat, wenn es mal nicht so gelaufen ist.

Haug: Vielen Dank für die Blumen. Ein Feld zu übernehmen ist das eine, aber es so zum Blühen und Gedeihen zu bringen, noch mal etwas anderes. Nichts ist einfacher, als etwas falsch zu machen. Toto ist äußerst selbstkritisch, auch nach außen. Ich glaube, diese Denkart ist auch wichtig für das Team. In diesem Job geht es ja immer darum, die verschiedenen Rennpferde in eine Richtung zu bekommen, und es sind ja auch nervöse Pferde. Wer so lange so weit oben fährt, für den wird der Spielraum kleiner. Aber so eine hohe Trefferquote wie bei Mercedes heute gab es noch nie in über 60 Jahren Formel 1.

Momentan wird viel über die Formel 1 der Zukunft diskutiert. Wohin muss die Reise gehen?

Haug: Die Diskrepanz bei den Etats und den Mitarbeiterzahlen ist natürlich groß. Aber Mercedes ist auch nie das Team, das das meiste Geld ausgegeben hat. Mit dem Erfolg kamen Sponsoren und eine höhere Gewinnbeteiligung, man hat sich das selbst aufgebaut. Ich verstehe deshalb voll und ganz, wenn man das jetzt alles nicht einfach so weggeben will. Grundsätzlich darf die Schere zwischen den großen und den kleinen Rennställen natürlich nicht zu weit auseinandergehen.

Wolff: Wir haben viel investiert, in der Hoffnung, dass sich das im Erfolgsfall rechnet, Mercedes ist also erst mal stark ins Risiko gegangen. (Anm. d. Red: Toto Wolff besitzt 30 Prozent der Teamanteile, Niki Lauda zehn Prozent).

Wenn sich 2020 alles verändern soll, sprechen wir von einem anderen Geschäftsmodell. Die großen Teams haben ihren Anteil, dass die Formel 1 das geworden ist, was sie ist, sie bringen einen Mehrwert. Den Großen etwas wegnehmen und den Kleinen geben, ist ein Weg, der sicher auf positives Feedback stoßen wird. Nicht nur bei den kleineren Rennställen, sondern auch bei den Fans, die eine ausgeglichenere Formel 1 sehen wollen. Aber wir fragen uns: Was kommt sonst noch vom Rechtebesitzer Liberty Media? Wenn der Kuchen wächst, ist es einfacher, mehr Balance bei der Einnahmesituation zu schaffen. Aber 20 siegfähige Autos, das hat es noch nie gegeben und wird es nicht geben.

Noch eine persönliche Frage: Müssen ihre Privatautos immer Silber sein?

Wolff: Nein.

Haug: Nee.

Das überrascht uns aber jetzt dann doch ein bisschen.

Haug: Ich bin mehr für tarnen und täuschen. Deshalb: Schwarz und unauffällig. Aber ich bekomme jetzt einen matten Ton, der geht schon etwas in Richtung Silber.

Wolff: Ich schwanke zwischen Schwarz und Silber. Ich habe nur einmal einen Versuch mit Weiß gemacht... Aber ich bleibe lieber bei meinen Farben.

Fragen: Elmar Brümmer

Zwei Autos, zwei Welten. Ob der McLaren-Mercedes aus dem Jahr 1995, als Norbert Haug in seiner Anfangszeit bei Mercedes war. Unten das aktuelle Auto von Lewis Hamilton.
Zwei Autos, zwei Welten. Ob der McLaren-Mercedes aus dem Jahr 1995, als Norbert Haug in seiner Anfangszeit bei Mercedes war. Unten das aktuelle Auto von Lewis Hamilton. | Bild: dpa