„Ausgerechnet hier“ – nach den rassistisch motivierten Morden in Hanau schütteln viele Bewohner des Rhein-Main-Gebiets den Kopf. Gerade Städte wie Frankfurt, Offenbach und Hanau haben einen hohen Ausländeranteil, aber kein Problem damit. Sie galten vielmehr als Beispiel für gelingende Integration. Das „braune“ Mittelhessen, der Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke oder die Schüsse aus Fremdenhass auf einen Eritreer in Wächtersbach waren gefühlt weit weg, auch wenn diese Orte in Hessen nur wenige Kilometer entfernt sind. Seit der Bluttat vom Mittwochabend ist alles anders.

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Opfer sind keine Fremden sondern MitbürgerInnen

„19.2.2020 Die Opfer waren keine Fremden! #hanaustehtzusammen“. Wer seit dem Anschlag die Homepage der Stadt Hanau aufruft, sieht diese Worte, bildschirmgroß. „Integration ist in Hanau seit vielen Jahren eine Daueraufgabe, der wir uns in vielfältiger Weise stellen“, sagt Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD). Die Stadt habe schon lange, bevor es überhaupt den Begriff Integration gab, Menschen erfolgreich in die Gesellschaft eingegliedert. „Das muss unbedingt weitergehen.“ In Hanau haben 26 Prozent der Bürger keine deutsche Staatsangehörigkeit und 50 Prozent einen Migrationshintergrund. Die Opfer vom Anschlag in Hanau seien keine Fremden gewesen, sondern Mitbürger, betont Kaminsky. „Es hat Menschen getroffen, die erfolgreich integriert worden sind.“

An einem Baukran am Marktplatz wurde ein Banner mit der Aufschrift „Die Opfer waren keine Fremden. 19.02.2020. #hanaustehtzusammen“ angebracht.
An einem Baukran am Marktplatz wurde ein Banner mit der Aufschrift „Die Opfer waren keine Fremden. 19.02.2020. #hanaustehtzusammen“ angebracht. | Bild: Nicolas Armer/dpa

Frankfurt- die Stadt der 180 Nationen

In Frankfurt sind laut der jüngsten Bevölkerungsstatistik knapp 30 Prozent der inzwischen fast 750 000 Einwohner Ausländer. „Wir sind die Stadt der 180 Nationen. Wir sind die Stadt der 200 Sprachen“, sagte Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) bei einer Mahnwache. Trotz internationaler Bevölkerung steige die Kriminalität in der Stadt nicht, im Gegenteil, sie sinke seit Jahren. „Das verteidigen wir heute. Es macht uns wütend, dass wir das überhaupt verteidigen müssen“, sagte der sichtlich und hörbar bewegte Politiker auf dem Paulsplatz. „Für alles, was uns gegeneinander treibt, ist in dieser Stadt kein Platz.“

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2018 hatte der aus einer türkischen Familie stammende Hanauer Alptug Sözen einem deutschen Obdachlosen das Leben gerettet. Der 17-Jährige ließ sein Leben, als er den Betrunkenen an der Frankfurter S-Bahn-Station Ostendstraße aus dem Gleisbett zog. Eine Gedenktafel an der Bahnstation und eine weitere in Hanau erinnern an den Jugendlichen, den Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) „ein Beispiel für Mut und Zivilcourage“ nannte. Solche Geschichten prägten bisher das Selbstbild der Region.

„Wir leben hier alle miteinander“

Selbst über Hanau-Kesselstadt, einem der beiden Tatorte, sagten Anwohner am Morgen nach der Bluttat: „Hier ist es friedlich.“ In letzter Zeit sei der Ausländeranteil gestiegen, Probleme gebe es aber nicht, erklärte eine Anwohnerin. Eine andere sagt, es sei zwar meist friedlich, doch gebe es durchaus Problembereiche, gerade rund um die Hochhäuser.

„Es gab doch lange Zeit nie ein Problem hier – ob in Frankfurt, in Offenbach oder in Hanau“, erklärt ein türkischer Geschäftsmann in Frankfurt. Er hat mehrere Lebensmittelläden im Multikulti-Bahnhofsviertel. „Wir leben hier alle miteinander. Diese Rechten wollen erreichen, dass wir Angst haben. Von wegen nicht integriert – dieses dreckige Spiel muss aufhören.“

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Neue Formate schaffen

Offenbachs Internationalität war 2016 sogar Thema auf der Biennale in Venedig. „Making Heimat“ hieß der deutsche Beitrag. Die Ausgangsfrage: Was macht eine „Arrival City“ aus, eine Stadt, in der man gut ankommen und heimisch werden kann? Als Beispielstadt wählten die Ausstellungsmacher Offenbach, befragten Alteingesessene und Neuzugezogene, wie es sich lebt in einer Stadt mit hoher Fluktuation und 150 Nationen. Eine Erkenntnis dabei war: „Für den Ausländer ist der andere Ausländer ja auch ein Ausländer.“

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Aber Internationalität muss täglich neu erarbeitet werden: Offenbachs Sozialdezernentin Sabine Groß (Grüne) sieht die Städte dauerhaft in der Pflicht, ein friedliches Zusammenleben aktiv zu fördern. „Aus meiner Sicht muss der Ansatz sein, dass wir Formate schaffen, in denen wir möglichst junge Menschen – dann aber auch durchgehend über die verschiedenen Altersstufen – dazu bringen, dass sie Verständnis füreinander entwickeln und bereit sind, Verantwortung füreinander zu übernehmen“, sagte sie.

In Hanau wurde in den Kitas flächendeckend eine Sprachförderung etabliert. „In den Schulen leisten wir Leseförderung, Sprachförderung und kulturelle Bildung“, sagt Sozial- und Bildungsdezernent Axel Weiss-Thiel (SPD). In der städtischen Volkshochschule werde großer Wert auf Sprachförderung, das Nachholen von Schulabschlüssen und Berufsförderung gelegt. Ab der zweiten März-Hälfte gebe es wieder die internationalen Wochen gegen Rassismus. Flüchtlinge würden verstärkt in Sportvereine integriert. Integration sei also in Hanau ein großes Thema. „Das haben wir schon lange. Und damit haben wir auch keinen besonderen Status im Rhein-Main-Gebiet.“

(dpa)