Blickt man auf die Karrieren der größten deutschen Rapstars, so wird schnell deutlich, dass es in ihren ersten Hit-Auskopplungen grundsätzlich darum ging, das eigene Revier zu markieren. Das bedeutet: Man stellt sich selbst als den größten, stärksten und gefährlichsten Macker überhaupt dar, als den beinharten Emporkömmling, der von nun an die Szene dominieren wird. Dieser Gestus erscheint nur logisch, wenn man bedenkt, welcher Ursprung HipHop hat – den Battle-Rap, der die Sprache zum Ersatzkampfsport macht.

Vor diesem Hintergrund wirkt es aber umso beachtlicher, wie der in Leonberg bei Stuttgart aufgewachsene Rapper Nimo erstmals die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich zog. „Nie wieder!“ ist eine Abrechnung mit sich selbst, mit der eigenen kriminellen Vergangenheit und dem eigenen Drogenkonsum. „Weil man sich schämt von sein' Eltern Helal-Geld zu nehm' um sein Gift zu finanzier'n/ So war es bei mir, so war es bei dir, so war es bei ihr und bei ihm/ Der eine wird Macher, der andere Junkie, die and're muss anschaffen geh'n/ Deine Drogen werden härter, aus Gras wird Kokain (…) Nie wieder!“ Auf „Nie wieder!“ entlarvte Nimo sich selbst. Schonungslos. Und bevor es anderen tun konnten. Und traf damit einen Nerv der Zeit.

Auch musikalisch glichen Nimos erste Gehversuche einem Paukenschlag: Nimos Art zu Rappen ist besonders melodiös, selbst im Umgang mit harten Beats wirkt der Leonberger wie ein Soulsänger. Die aktuell besonders angesagte Rap-Spielart „Trap“, die bei vielen Künstlern immer ein wenig aufgesetzt und gekünstelt wirkt, hebt Nimo beinahe spielerisch auf ein neues Level und erinnert dabei an viele französische Rapstars wie MHD oder Booba – ohne diese auch nur annähernd zu kopieren. Daran anknüpfend wirkt auch Nimos Umgang mit Sprache bemerkenswert – sie trägt die Spuren seines bis dahin bereits bewegten Lebenswegs in sich.

Da sind die Brocken aus der iranischen Heimat, die er selbst nie erlebte, weil sich sein Vater Anfang der Neunzigerjahre zur Flucht entschied. Und da sind Bruchstücke von Straßen- und Gefängnisslang, die sich Nimo schon als Teenager einverleibte. Bereits mit 15 Jahren musste der 1995 geborene Musiker das erste Mal hinter Gitter. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich eine Menge an Vergehen angehäuft, in erster Linie aufgrund der in „Nie wieder“ so eindrucksvoll geschilderten Beschaffungskriminalität. Nur ein halbes Jahr nach seiner Entlassung aus dem Jugendgefängnis Adelsheim fährt Nimo abermals ein, dieses Mal ins berühmt berüchtigte Stuttgarter Gefängnis Stammheim. Eine ernüchternde Erfahrung, die den Rapper bis heute prägt.

Das einzige was Nimo laut eigener Aussage in diesen Tagen positiv denken lässt, ist HipHop. Seine Helden stammen vor allem aus Frankfurt und Offenbach. Azad. Xatar. Haftbefehl. Noch im Gefängnis beginnt der Rapper seine ersten Zeilen einzusprechen. Über Umwege landen die extrem rohen Soundbausteine auf Facebook und erfahren einen ersten Minihype. Zurück in der Freiheit bekommt Nimo einen Anruf: Am anderen Ende der Strippe hängen die Rapper Celo&Abdi aus dem Umfeld von Haftbefehl und Gründer des Labels „385i“ – wenig später hat Nimo seinen Plattendeal und macht sich auf, den Deutschrap zu revolutionieren.

Die neuen Einflüsse rund um seine neuen Bosse erden den Deutsch-Iraner, der trotz massivem Hype auf dem Boden bleibt. „Ich habe die besten Leute um mich herum, das hält mich auf dem Boden. Selbst wenn ich ein richtiger Trottel wär, würden die Jungs was aus mir machen – einen halben Trottel vielleicht.“, erklärt Nimo im Interview mit dem HipHop-Magazin Juice. Speziell für die jüngere HipHop-Generation erscheint Nimo als absolutes Idol – umso wichtiger erscheinen seine sozial- und vor allem auch selbstkritischen Texte. Sein aktuelles Album „K¡K¡“ chartete auf Platz Nummer Vier, auf der Videoplattform YouTube kann Nimo aber kaum jemand das Wasser reichen: So erreichten seine diesjährigen Singleauskopplungen „Heute mit mir“ und „LFR“ in wenigen Wochen unfassbare 20 beziehungsweise 17 Millionen Klicks. Nimos einzigartige Erfolgsgeschichte scheint jedenfalls noch lange nicht auserzählt.

Zur Person

Nimo, 21, heißt mit bürgerlichem Namen Nima Yaghobi. Er wurde im Dezember 1995 in Karlsruhe als Kind iranischer Eltern geboren. Die ersten Lebensjahre verbrachte er in Karlsruhe, dann zog er mit den Eltern nach Leonberg. Schon mit 15 Jahren musste er ins Jugendgefängnis. Dort begann er zu rappen. In seinen Songs distanziert er sich von seiner kriminellen Vergangenheit und dem Drogenkonsum. (sk)

.Nimos Video „Nie wieder“ und andere Songs gibt es hier: