Es waren zu viele. Zu viele Videos, die das Gericht sichten musste. Allein auf einem Datenträger wurden 2500 Filme gefunden. 23 davon enthalten Aufnahmen der Qualen, die ein bald zehnjähriger Junge über zwei Jahre erleiden musste, durch seine Mutter, ihren Freund und pädophile Männer, an die er verkauft wurde wie eine Ware.

Auch am vierten Prozesstag wird die Öffentlichkeit ausgeschlossen 

Die Videos sind Beweise im Staufener Missbrauchsfall, für den sich seit 11. Juni die beiden Hauptangeklagten vor dem Freiburger Landgericht verantworten müssen: Berrin T. und ihr Partner Christian L. Am vierten Prozesstag muss Richter Stefan Bürgelin die Öffentlichkeit erneut aus dem großen Saal des Freiburger Landgerichts ausschließen.

Als die Verhandlung am Nachmittag fortgesetzt wird, sagt einer der leitenden Ermittler aus. Er hat Christian L. befragt, ist den Hinweisen gefolgt, die der 39-Jährige gegeben hatte. „Man muss wissen, dass Protagonisten im Darknet nicht viel von sich preisgeben. Und wenn doch, dann sind es Legenden“, stellt der Beamte zu Beginn klar.

Ohne Christian L., so der Ermittler vom LKA, hätten einige der Peiniger des Jungen wohl nur schwerlich gefasst werden können. Etwa den ehemaligen Bundeswehrsoldaten, auf den die Fahnder wegen des Hinweises auf das besondere Nummernschild seines Wagens kamen. L. hatte zuvor ausgepackt, den Beamten seine Passwörter zur Verfügung gestellt, seine Konten im Darknet genutzt, um weitere Verdächtige zu überführen.

Vermeidung der Sicherungsverwahrung ein Thema für ihn

Vieles davon tut Christian L. nach Aussage des Ermittlers ohne Anwalt: "Ich hatte das Gefühl, dass er reinen Tisch machen will", sagt der Fahnder vor Gericht. Selbstlos war die Zusammenarbeit des vorbestraften Sexualstraftäters aber dennoch nicht, glaubt der Ermittler: "Die Vermeidung der Sicherungsverwahrung war von Anfang an das Thema für ihn." L. wollte eine Zusicherung, dass er nach seiner Haft auf freien Fuß kommt. Die aber hat ihm das LKA verweigert.

Das Bild des selbstlosen Angeklagten, das der 39-Jährige an den ersten beiden Prozesstagen präsentierten wollte, bekommt Risse. Ebenso wie jenes der Mutter, die Christian L. unter Druck gesetzt haben soll.

"Frau T. war neugierig, wie Kindersex ist", vermutete eine Kripo-Beamtin, die als Zeugin gehört wird. Darauf deuten Videoaufnahmen hin, die auf ihrem Smartphone sichergestellt wurden. Filme, die sie selbst gedreht hat, mit ihrem Sohn. Videos, von denen Christian L. nichts gewusst haben will.

Bevor Berrin T. sich gemeinsam mit Christian L. an ihrem Sohn verging, missbrauchten beide ein geistig und körperlich behindertes Mädchen. T. nimmt darin eine aktive Rolle ein. Später vergeht sie sich an ihrem Sohn, dann überlässt sie ihn Christian L., schließlich weiteren pädophilen Männern. "Sie wusste sehr wohl, was passieren wird", sagt sie über die Frau, die heute nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit aussagen wollte.

Die Polizistin berichtet von den Vernehmungen: "Frau T. war von Anfang an sehr verschlossen, wortkarg, vor allem was ihre Taten betraf", sagt die Beamtin: "Sie hat sich selbst bemitleidenswert gefühlt und sich auch so dargestellt." Ihre erste Sorge habe dem mangelnden Geld für Tabak in der U-Haft gegolten. "Sie hat kein einziges Mal von sich aus nach dem Jungen gefragt." Die Kripo-Beamtin sagte ihr von sich aus, dass es dem Kind "den Umständen entsprechend gut geht." "Das kann nicht sein", habe Berrin T. geantwortet: "Er ist ja nicht bei mir."

Die Rolle der "gezwungenen und genötigten Frau" habe sie dargestellt, sagt die Polizistin weiter. "Sie hat schon mal gesagt, dass es ihr leid tut", ergänzt die Beamtin. "Aber das konnte ich ihr nicht wirklich abnehmen. Als der Junge befragt wird, verschließt er sich zunächst den Beamten. Er will nicht reden über das, was ihm widerfahren ist.

Opferanwältin Katja Ravat schaltet sich ein

Christian L. bietet an, dem Kind eine Videobotschaft zu senden: "Wenn irgendwas war, ist er ja auch immer zu mir gekommen", sagt er vor Gericht. Opferanwältin Katja Ravat kann nicht länger zuhören, schaltet sich ein: "Der Junge wollte von dieser Familie nichts mehr hören und nichts mehr sehen, das hat er klar zum Ausdruck gebracht", betont sie. Im Übrigen, ergänzt Ravat, hätte sie ein solches Angebot eher von der Mutter erwartet: "Das kam aber nicht."

Die Videos ihres Sohnes werden dagegen schwer zu stoppen sein, fürchten die Ermittler: "Das ist wie im Internet, wenn man nicht weiß, auf welchem Server sie gepeichert sind." Die übrigen Filme, die das LKA auf dem verschlüsselten USB-Stick von Christian L. sicherstellte, konnten die Fahnder immerhin zuordnen. Sie führen zu weiteren Pädophilen.