Obwohl es im Ersten Weltkrieg praktisch keine Bombenangriffe gab, die durch Zerstörungen das Stadtbild verändern konnten, setzte sich der Krieg optisch im Bild der Dörfer und Städte fest – und blieb dort für lange Zeit. Die Rede ist von den vielen Männern, die an Krücken gingen, weil ihnen ein Bein fehlte, oder die nur noch einen Arm besaßen.

Eine Straße in Berlin 1923. Ein Passant wirft einem invaliden früheren Offizier eine Münze in den Hut. Daneben die Krücke des Beinamputierten. Die Uniform und die angelegten Orden des Mannes wirken sich auf die Hilfsbereitschaft förderlich aus.
Eine Straße in Berlin 1923. Ein Passant wirft einem invaliden früheren Offizier eine Münze in den Hut. Daneben die Krücke des Beinamputierten. Die Uniform und die angelegten Orden des Mannes wirken sich auf die Hilfsbereitschaft förderlich aus. | Bild: akg

Die Präsenz von hunderttausenden Kriegsinvaliden, die man damals als "Kriegskrüppel" bezeichnete, war so prägend, dass sich auch die Künstler mit den Invaliden befassten, vor allem, wenn sie selbst als Soldaten an der Front waren, wie der Maler Otto Dix.

"Die Skatspieler" hat der Maler Otto Dix (1891-1969) eine Collage genannt, die 1920 in Berlin entstand. Sie zeigt drei im Krieg verstümmelte, ordensgeschmückte Männer, denen nicht nur die Beine fehlen. Teilweise haben sie auch entstellte Gesichter, weil sie von Granatsplittern schwer verletzt wurden. Dix lebte von 1936 bis zu seinem Tod im Hemmenhofen am Bodensee.
"Die Skatspieler" hat der Maler Otto Dix (1891-1969) eine Collage genannt, die 1920 in Berlin entstand. Sie zeigt drei im Krieg verstümmelte, ordensgeschmückte Männer, denen nicht nur die Beine fehlen. Teilweise haben sie auch entstellte Gesichter, weil sie von Granatsplittern schwer verletzt wurden. Dix lebte von 1936 bis zu seinem Tod im Hemmenhofen am Bodensee. | Bild: dpa

Wie war es zu dem massenhaften Aufkommen an schwer Kriegsversehrten gekommen? Die Antwort liegt in der Technisierung des Kriegs, die sich schon vor 1914 mit der Einführung des Maschinengewehrs und der Schnellfeuerkanone angekündigt hatte. Das hatte auf den Schlachtfeldern furchtbare Folgen. "Millionen von Körpern wurden durch die Einwirkung von Waffengewalt verletzt", sagt der Freiburger Historiker Jörn Leonhard.

Ein Kanonen-Krieg

Es waren die Geschütze der Artillerie, deren Geschosse die meisten Soldaten töteten oder schwer verletzten. Der Erste Weltkrieg war ein Kanonen-Krieg. Bei großen Offensiven wurden bis zu 3000 Geschütze eingesetzt, der Donner war über 100 Kilometer weit zu hören. Das folgende Kurzvideo basiert auf einem Foto, das Beate Großmann aus Konstanz dem SÜDKURIER geschickt hat. Es zeigt ihren Vater Hermann Großmann (2. von links stehend), der als Unteroffizier in einem württembergischen Artillerieregiment diente.

Video: Archiv Südkurier

Neben den weitreichenden Kanonen, die zwei bis drei Kilometer hinter den Schützengräben standen, gab es neue Waffen, die in den Stellungen abgefeuert wurden, um den Gegner im anderen Graben auf kurze Distanz mit Granaten zu belegen. Dazu dienten Minenwerfer und Steilfeuer-Mörser. Das Video unten zeigt Ferdinand Garelly (hinten links) im Kreis von Kameraden. Seine Tochter Doris Hahn (Konstanz) brachte es der Redaktion.

Video: Archiv Südkurier

Die Wirkung von Artillerie- und Mörserbeschuss konnte mörderisch sein. Männer wurden im Trommelfeuer vor Offensiven getötet und manche, die überlebten, erlitten einen Granatschock, oft mit anschließender Nervenkrankheit. Das waren die sogenannten "Kriegszitterer". Die großen Kaliber, deren Einschläge die Soldaten irrsinnig machen konnten, wurden von schweren Mörsern verschossen. Das Video zeigt Franz Lehmann (sitzend, ganz links) mit seiner Mannschaft an einem 21-Zentimeter-Mörser (Bild von seiner Tochter Paula Lehmann aus Meersburg). Ein Geschoss wog 120 Kilo.

Video: Archiv Südkurier

Kugeln zerfetzen die Körper

Schwere Verwundungen richteten Schrapnellgranaten an. Das waren mit Bleikugeln gefüllte Projektile, die etwa einen halben Meter über dem Boden detonierten. Die nach allen Seiten gestreuten Kugeln durchlöcherten Körper, Arme und Beine von Soldaten, die etwa ohne Deckung nach vorn Richtung Gegner stürmten. So starben 70 Prozent der Soldaten im Ersten Weltkrieg durch Artilleriebeschuss, zwei Drittel wurden durch Granaten schwer verletzt.

Eine aufgeschnittene englische Schrapnellgranate. Gut zu sehen sind die Stahlkugeln im vorderen Teil des Projektils. Sie konnten furchtbare Verletzungen verursachen, genauso wie die Stahlsplitter des explodierenden Geschosses.
Eine aufgeschnittene englische Schrapnellgranate. Gut zu sehen sind die Stahlkugeln im vorderen Teil des Projektils. Sie konnten furchtbare Verletzungen verursachen, genauso wie die Stahlsplitter des explodierenden Geschosses. | Bild: Canadian War Museum

Wer durch den Beschuss mit diesen Waffen schwer verletzt wurde, kam im Sanitätszug in die Heimat und in ein Reservelazarett. Die gab es zahlreich in deutschen Städten. Meist wurden sie in Krankenhäusern eingerichtet, wo die Ausstattung schon vorhanden war. Auf Gruppenfotos von damals, für man alle nicht Bettlägerigen vor die Kamera holte, sind immer wieder Männer mit fehlenden Gliedmaßen zu erkennen.

Dieses Bild schickte Hannelore Humble aus Hüfingen 2014 der Redaktion. Es zeigt ihren Vater Hans Wölfle (1896-1994) in der zweiten Sitzreihe als ersten von links mit verbundenem linken Arm. In den Vogesen am Hartmannweilerkopf verlor Wölfle seine rechte Hand.
Dieses Bild schickte Hannelore Humble aus Hüfingen 2014 der Redaktion. Es zeigt ihren Vater Hans Wölfle (1896-1994) in der zweiten Sitzreihe als ersten von links mit verbundenem linken Arm. In den Vogesen am Hartmannweilerkopf verlor Wölfle seine rechte Hand. | Bild: Archiv SÜDKURIER

Auch in der damaligen Singener Realschule, dem heutigen Hegau-Gymnasium, war ein Reservelazarett eingerichtet worden.

Das Hegau-Gymnasium in Singen. Im Ersten Weltkrieg befand sich in dem Bau ein Lazarett.
Das Hegau-Gymnasium in Singen. Im Ersten Weltkrieg befand sich in dem Bau ein Lazarett. | Bild: Sabine Tesche

Da der Krieg viel länger dauerte als ursprünglich angenommen und immer mehr Verwundete und Kriegsversehrte behandelt werden mussten, wurde das Lazarett um eine Reihe von Holzbaracken erweitert.

Auf einem Gelände hinter der Schule standen damals Baracken, in denen die verwundeten Soldaten untergebracht waren. Im Hintergrund rechts das Schulgebäude.
Auf einem Gelände hinter der Schule standen damals Baracken, in denen die verwundeten Soldaten untergebracht waren. Im Hintergrund rechts das Schulgebäude. | Bild: Stadtarchiv Singen

Hier waren auch Patienten untergebracht, denen Gliedmaßen fehlten. Während bei Beinamputierten Krücken oder ein Holzbein zumindest Abhilfe schaffen konnten, gab es für armamputierte Patienten keine Hilfsmittel. Wer etwa vor dem Krieg Handwerker oder Arbeiter gewesen war, hatte enorme Probleme, wieder an seinen alten Arbeitsplatz zurückzukehren. Dem Chirurgen Ferdinand Sauerbruch ließ das keine Ruhe.

Der Chirurg Ferdinand Sauerbruch (1875-1951) in der Zeit des Ersten Weltkriegs. Er stammte aus dem Rheinland und war vor dem Krieg Professor für Chirurgie an der Universität Zürich.
Der Chirurg Ferdinand Sauerbruch (1875-1951) in der Zeit des Ersten Weltkriegs. Er stammte aus dem Rheinland und war vor dem Krieg Professor für Chirurgie an der Universität Zürich. | Bild: Bundesarchiv

Nach ersten Versuchen in Greifswald führte der Mediziner im Singener Lazarett eine neue Operationsmethode ein, um den verlorenen Arm so gut es ging zu ersetzen.

Der Chirurg Ferdinand Sauerbruch (hinten links) im Singener Lazarett mit zwei weiteren Medizinern und drei Krankenschwestern bei einem Invaliden, der an der Front beide Hände verloren hat.
Der Chirurg Ferdinand Sauerbruch (hinten links) im Singener Lazarett mit zwei weiteren Medizinern und drei Krankenschwestern bei einem Invaliden, der an der Front beide Hände verloren hat. | Bild: Stadtarchiv Singen

Sauerbruch passte den Verletzten eine Armprothese an, die als "Sauerbruch-Arm" berühmt werden sollte. In einer Operation wurde ein Kanal durch die Oberarmmuskulatur des Patienten gelegt. Die Prothese besaß einen Bolzen, der durch diesen Kanal geführt wurde. Auf diese Weise wollte Sauerbruch die noch vorhandenen Bewegungsreflexe für die Handhabung der Armprothese nutzen.

Vier Sauerbruch-Armprothesen, die heute im Stadtarchiv Singen aufbewahrt werden. Sie wurden in der Singener Ekkehardstraße hergestellt.
Vier Sauerbruch-Armprothesen, die heute im Stadtarchiv Singen aufbewahrt werden. Sie wurden in der Singener Ekkehardstraße hergestellt. | Bild: Sabine Tesche

Dass die Muskelbewegung auf die Finger der Hand übertragen werden konnten, war damals eine Sensation. Daher kamen viele Mediziner nach Singen, um bei Sauerbruch zu lernen. Dieser verband seine Erfindung mit der sogenannten Hüfner-Hand. Der Mediziner Jakob Hüfner (1875-1968) aus Rippberg im Odenwald hatte einen Mechanismus erdacht, der Muskelbewegungen auf Daumen und Zeigefinger übertrug und eine mechanische Ersatzhand aus Holz konstruiert. Sie konnte aktiv geöffnet und geschlossen werden.

Der Mediziner Jakob Hüfer, Erfinder der "Hüfner-Hand", die Sauerbruch mit seiner Erfindung verknüpfte.
Der Mediziner Jakob Hüfer, Erfinder der "Hüfner-Hand", die Sauerbruch mit seiner Erfindung verknüpfte. | Bild: Wikipdia

Allerdings darf man sich nicht vorstellen, dass die Prothesenträger fortan ohne Beschwerden lebten. Es konnte zu Entzündungen kommen, und nicht jeder konnte sich einen teuren Sauerbruch-Arm leisten. Die Krankenkassen finanzierten die Prothesen nicht in dem Maß wie heute.

Werkstatt wird eingerichtet

Dennoch wurden so viele Sauerbruch-Arme gebraucht, dass sich in der Singener Ekkehardstraße die Einrichtung einer Prothesen-Werkstatt lohnte. Sie bestand bis 1920.

In diesem Haus in der Singener Ekkehardstraße Nr. 22 war bis 1920 eine Prothesenwerkstatt. Danach wurde es umbenannt, etwa in Sanitätshaus Pfänder.
In diesem Haus in der Singener Ekkehardstraße Nr. 22 war bis 1920 eine Prothesenwerkstatt. Danach wurde es umbenannt, etwa in Sanitätshaus Pfänder. | Bild: Tesche, Sabine

Das Produkt wurde als "Singener Arbeitsklaue" bekannt. Immerhin ermöglichte sie vielen Invaliden eine Rückkehr an den Arbeitsplatz, etwa in einer Werkstatt. Als Ferdinand Sauerbruch 1918 in Brüssel seine Erfindung vorstellte, lobte man sein Wirken – etwa mit dem Satz, das Singener Lazarett sei "eine Oase in der Wüste der Vernichtung".