Am Vormittag des 4. Mai, einem wolkenreichen Tag, war Günter Rohe im Firmenauto der Waldshuter Engel-Apotheke unterwegs, um Medikamente auszuliefern. Der damals 68-Jährige fuhr auf der Ortsdurchfahrt Schwörstadt hinter einem Lastwagen her, der wiederum einem Pkw mit auffälliger Fahrweise folgte. „Der Wagen fuhr immer wieder an den Randstein,“ erinnert sich Rohe im Gespräch mit dem SÜDKURIER.

„Ich dachte erst an die Felgen und dass der Fahrer vielleicht zugedröhnt war.“ In einer scharfen S-Kurve kam der Fahrer ganz von der Straße ab. Der Lkw überholte den Pkw und fuhr weiter. „Jetzt war das Fahrzeug vor mir und streifte einen geparkten BMW“, sagt Rohe weiter. „Ich dachte, da muss mehr sein, denn er fuhr langsam weiter, ohne anzuhalten.“

Er lief nebenher und riss die Fahrertür auf

Rohe fuhr hinter dem Auto auf den Bürgersteig, hielt an, sprang heraus und lief hinter dem noch rollenden Fahrzeug her. „Als ich es erreichte, riss ich die Fahrertür auf, zog die Handbremse und dann den Zündschlüssel ab.“

Die Ortsdurchfahrt Schwörstadt: Auf dieser Straße geriet ein älterer Mann in Not und streifte in seinem Auto ein Fahrzeug auf dem Parkstreifen rechts. Rechts auf dieser aktuellen Aufnahme steht das rote Fahrzeug von Günter Rohe.
Die Ortsdurchfahrt Schwörstadt: Auf dieser Straße geriet ein älterer Mann in Not und streifte in seinem Auto ein Fahrzeug auf dem Parkstreifen rechts. Rechts auf dieser aktuellen Aufnahme steht das rote Fahrzeug von Günter Rohe. | Bild: Günter Rohe

Was sich dann ereignete, rettete dem Mann, der um die 80 Jahre alt war, vermutlich das Leben. Rohe sprach ihn an. „Sie haben ein Auto angefahren, ich muss die Polizei rufen, habe ich gesagt“, erinnert er sich lebhaft an die Situation im Frühjahr. „Ich dachte erst, er sei dement und vielleicht mit dem Auto spazieren gefahren.“

Als er dem Mann am Steuer Trinkwasser anbot, nahm dieser die Flasche gleich und trank den halben Liter aus. „Da dachte ich schon, er könne Diabetiker sein“, so Rohe, der vor seiner Rente viele Jahre lang als Rettungsassistent gearbeitet hatte. Seine Berufserfahrung kam ihm nun gelegen, im Kopf lief alles wie immer ab, wenn er im Einsatz war. Sofort rief er die Polizei, um Hilfe und einen Rettungswagen zu alarmieren.

Weitere Auszeichnungen zum „Kavalier der Straße“ in der Region:

Eine Entdeckung, die Leben rettete

„Auf meine intensive Nachfrage hin sagte er noch, er sei gerade beim Arzt gewesen, um ein Rezept zu holen.“ Bei den Papieren des alten Mannes fand Rohe einen Diabetikerausweis. Ihm war klar, dass jetzt Hilfe schnell kommen musste. Er rief erneut die Polizei an, informierte über den dringenden Notfall und versuchte anschließend telefonisch über den Hausarzt des Patienten herauszubekommen, ob der Mann zu wenig oder zuviel Zucker im Blut hatte.

„Ich hätte ihm ein Stück Traubenzucker gegeben, aber das hätte bei einer Überzuckerung auch tödlich sein können“, sagt Rohe. Also ließ er es sein. Auch sein Versuch, die Tochter des Mannes zu erreichen, scheiterte. Eine Telefonnummer, die er über den Arzt bekommen hatte, war offenbar veraltet.

„Ich habe dann bloß aufgepasst, dass er nicht ins Koma fällt,“ sagt der Lebensretter. „Er war einfach am Ende.“ Wie dringend er Hilfe benötigte, zeigte der Insulinwert, den die Mitarbeiter des Rettungsdienstes zehn Minuten später messen konnten. „Er lag weit unter 40. Normal ist mehr als das Doppelte.“ Damit war der Mann stark unterzuckert. Dank der wichtigen Hinweise, die Rohe den Helfern gab, konnten diese gleich die richtigen Maßnahmen einleiten und den Mann mit einer Infusion versorgen.

Günter Rohe konnte dank seiner langjährigen Erfahrung als Notfallretter schnell und gezielt helfen.
Günter Rohe konnte dank seiner langjährigen Erfahrung als Notfallretter schnell und gezielt helfen. | Bild: Schlichter, Juliane

Die Polizei in Rheinfelden nahm den Vorfall anschließend auf. Nicht auszudenken, wenn der Diabetes-Patient in diesem Zustand weitergefahren und ins Koma gefallen wäre. Günter Rohe ist skeptisch: „Vermutlich wäre es keinem aufgefallen. Heutzutage will ja keiner mehr einen anderen ansprechen aus Sorge, er könne ihn belästigen.“

Der Mann, der in Not geraten war, hat überlebt

Den Polizeibeamten übergab er anschließend die Autoschlüssel für das Fahrzeug des alten Mannes. Er habe noch versucht, den Fahrer des geparkten BMW zu informieren, aber das sei ihm nicht gelungen. Und was wurde aus dem Mann, der in Not geraten war? „Ich gehe stark davon aus, dass er überlebt hat“, sagt Rohe. Die Polizei darf aus Gründen des Datenschutzes keine Auskünfte geben, bestätigte aber den Vorfall.

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Für die Aktion „Kavalier der Straße“, die seit vielen Jahrzehnten couragierte Hilfe im Straßenverkehr auszeichnet, ist dieser Fall vorbildlich. Günter Rohe habe „weit über das normale Maß der Hilfeleistung“ hinaus agiert, erklärt Dieter Popp im Namen seiner Kollegen Ulrich Stather und Hubert Wagner, die den Lebensretter als Kavalier der Straße auszeichnen.