"Warum schon wieder wir?" In der kurzen Stille, die nach der Frage von Kristin Lenz im Raum entsteht, blitzt die Wucht der Ereignisse auf, die Familie Lenz in den letzten zwei Jahren getroffen hat. Zusammen mit ihrem Mann Boris und ihrem vierjährigen Sohn Tammo verbringt Kristin Lenz eine vierwöchige Reha in der Nachsorgeklinik in Tannheim. Die Familie aus der Nähe von Bielefeld ist eine von acht "verwaisten Familien", die in Tannheim Hilfe suchen, um den Verlust von geliebten Menschen zu verarbeiten. Denn eigentlich sollte die Familie mittlerweile zu fünft sein. Boris, Kristin und Tammo Lenz haben in den vergangenen zwei Jahren zwei Kinder beziehungsweise Geschwisterchen verloren.

Notkaiserschnitt in sieben Minuten

Am 4. Dezember 2016 hätte Ella zur Welt kommen sollen. Doch einen Monat vor dem Termin überschlagen sich die Ereignisse. Beim Spielen mit Tammo bemerkt Kristin Lenz eine Blutung. Zunächst vermutet sie nichts Schlimmes und fährt in die Klinik. Dort versuchen die Ärzte, die Herztöne des Babys aufzuzeichnen – ohne Erfolg. Sofort wird ein Notkaiserschnitt eingeleitet, nach sieben Minuten wird Ella geboren.

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"Das Problem war, dass Ella zu lange ohne ausreichende Sauerstoffversorgung war", erklärt Kristin Lenz. Obwohl es den Ärzten gelingt, Ella zu reanimieren, kommt das Baby hirntot zur Welt. Fortan setzen Boris und Kristin Lenz alles daran, ihrer Tochter das Leben so angenehm wie möglich zu gestalten. Ella wird rund um die Uhr betreut und durch eine Magensonde künstlich ernährt. Dazu kommen schmerzhafte Inhalationen mit Kochsalzlösung, um die Atemwege frei zu halten. Nur Baden und Besuche beim Osteopathen verschaffen Ella etwas Linderung. Doch die Prozeduren fordern ihren Tribut: Im Juni 2017 verlassen Ella die Kräfte.

"Es war gut, dass Ella und Matti da waren"

"Wenn das ganze Leben nur aus Leid und Schmerzen besteht, dann ist der Tod auch eine Erleichterung", erklärt Kristin Lenz. "Wir haben am Ende gesagt: Ella, du darfst gehen." Kurz darauf wird Kristin Lenz erneut schwanger, im Sommer 2017 ist Matti auf dem Weg. Doch bald schon gibt es Komplikationen. "Jeder Besuch beim Gynäkologen hat eine Hiobsbotschaft mit sich gebracht", sagt Kristin Lenz. Zwei Tage vor Weihnachten ist klar: Es muss einen Schwangerschaftsabbruch geben. Matti starb Anfang 2018, noch bevor er das Licht der Welt erblicken konnte. "Es war gut, dass Ella und Matti da waren", erinnert sich Boris Lenz. "Sie haben unsere Perspektive auf das Leben verändert. Man reagiert sensibler als davor. Andererseits wird man auch gelassener, weil man lernt, welche Dinge wichtig sind."

Tannheim war die goldrichtige Entscheidung

In Tannheim soll die Familie Zeit haben, sich umeinander kümmern zu können. "Wir sind mit gemischten Gefühlen angereist, aber es war im Nachhinein die goldrichtige Entscheidung", erklärt Boris Lenz. Die frische Luft im Schwarzwald hilft beim Abschalten, Gesprächskreise ermöglichen den vertraulichen Austausch mit anderen verwaisten Familien. Auch Tammo ist in der Klinik gut aufgehoben. Er geht schwimmen und zusammen mit Pony Carino zum Reiten. Auch eine Sternschnuppe hat Tammo gebastelt – mit je einem Schweif für Ella, Matti und nicht zuletzt einen für Opa Werner, der Matti und Ella vorangegangen ist. Erinnerungen an ihre Kinder sieht Familie Lenz immer wieder. "Unsere Kinder geben uns manchmal ein Zeichen. Wenn wir einen Bussard sehen, dann ist das Ella. Und wenn wir einen Falken sehen, dann ist das Matti." So bleiben die beiden immer ein Teil der Familie.

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