Brechen der Anklage die Beweise weg? Die Frage stellt sich an diesem Prozesstag vor dem Freiburger Landgericht. Kosay A. wird aus der Unteruschungshaft entlassen – mit sofortiger Wirkung. "Sie sind ein freier Mann", sagt Richter Stefan Bürgelin, nickt dem jungen Mann zu. Der lächelt, sichtlich erleichtert, blickt zu den anderen Angeklagten, nickt, als wollte er sagen: geschafft. Der junge Mann muss trotzdem zum Prozess erscheinen. Noch steht der Vorwurf der unterlassenen Hilfeleistung im Raum, dafür kann er ebenfalls eine Gefängnisstrafe bekommen. 

Tatverdacht nicht mehr haltbar

Doch der dringende Tatverdacht der Vergewaltigung ist nach widersprüchlichen Aussagen vor Gericht nicht mehr haltbar, die Haft aus Gründen der Verhältnismäßigkeit ebenso wenig. Der Mitangeklagte Timo P. wollte sich im Prozess nicht mehr daran erinnern, wer ihm gesagt hatte, auch Kosay sei beteiligt gewesen. Staatsanwalt Thorsten Krapp macht seinem Unmut Luft. Er suggeriert, dass bei der Polizei möglicherweise "bewusste Falschaussagen" gemacht worden seien.

Es ist nicht die einzige Schlappe, die Krapp und sein Kollege Rainer Schmid an diesem Tag hinnehmen müssen. Auch Anwalt Jan-Georg Wennekers beantragt für seinen Mandanten die Entlassung aus der Untersuchungshaft. Muhamad M. ist jener junge Mann, der dem Opfer nach der Vergewaltigung geholfen haben will. Es gibt allerdings Kratzspuren auf seinem Rücken, aber wohl keine belastenden DNA-Spuren bei der damals 18-jährigen Franziska W. Staatsanwalt Schmid betont, dass Muhamad zwei Mal im Gebüsch war: so zumindest sieht es die Anklage: Demnach soll Muhamad die junge Frau im Gebüsch selbst aufgesucht haben. Doch ob er sich selbst an ihr vergangen hat, ist ihm nicht mehr zweifelsfrei nachzuweisen.

Ähnlich argumentiert Anwalt Stephan Kröger für seinen Mandanten Aymad A. Auch bei ihm liege kein dringender Tatverdacht mehr vor, weshalb der Angeklagte aus der U-Haft entlassen werden müsse. Richter Stefan Bürgelin will in den kommenden Tagen darüber entscheiden. 

19-Jähriges Opfer steht unter großem Druck

Es scheint einzutreten, was die Staatsanwaltschaft bereits zu Beginn des Prozesses fürchtete: dass einigen der Tatverdächtigen nicht nachzuweisen sein wird, inweiweit sie an der Vergewaltigung beteiligt waren, die im vergangenen Oktober in einem Gebüsch unmittelbar neben dem Eingang des Technoclubs Hans-Bunte-Areal im Freiburger Industriegebiet stattgefunden haben soll. Für die heute 19-Jährige dürfte es schwer zu verkraften sein: Sie steht nach Angaben des für sie zuständigen Gutachters unter erheblichem Druck - ihre Aussage machte sie unter Ausschluss der Öffentlichkeit, sie leidet demnach an Schlafstörungen und hat Albträume. Anwältin Christiane Steiert vertritt sie im Prozess, die junge Frau selbst ist nicht anwesend. Steiert verlangt ein Kontaktverbot für die jungen Männer, die auf freien Fuß kommen sollen. Sie wird zunächst vertröstet. 

Doch dann tritt eine Zeugin auf, eine Exfreundin von Kosay. Ihre Aussage wirft neue Fragen auf. Kosay habe sie um Hilfe gebeten, sie traf ihn schließlich am Bahnhof. Er sei aufgebracht gewesen, schildert sie. Es sei etwas Schlimmes passiert, erzählte er ihr. Er sagt etwas auf Arabisch, nutzt schließlich eine Übersetzungsapp, um das Wort Vergewaltigung auf Deutsch herauszusuchen. 

Die Polizei sucht nach Tätern - noch ist der Fall nicht öffentlich geworden. Kosay sagte seiner Freundin, er sei nicht mehr nach Hause gegangen, weil er Angst habe. Mit den Leuten, die in die Tat vergewickelt sein sollen, will er nicht in den Club gegangen sein, sagt die Zeugin. "Die machen nur Scheiß", wiederholt sie seine Erzählung. Andererseits kann sie sich nicht mehr genau erinnern, was Kosay ihr in jener Nacht erzählt hat. Dann aber ist wieder die Rede von Ahmed und Mustafa, zwei der Mitangeklagten, die "eine Frau gefickt" haben sollen. Er habe dieses Wort benutzt, weil er das deutsche Wort Vergewaltigung nicht kannte, sagt sie. Er habe noch weitere Namen genannt, aber ich "kann mich nicht mehr erinnern". Kosay jedenfalls traue sie so etwas nicht zu, betont die junge Frau im Zeugenstand. Er sei gar nicht in der Nähe des mutmaßlichen Opfers gewesen, habe sie zwar gesehen, "aber nichts mit ihr gemacht". 

"Ich kann mich nicht erinnern"

Der Satz "Ich kann mich nicht erinnern" zieht sich durch diesen Prozess wie zähflüssiger Sirup, wie Klebstoff, den man nicht mehr wegbekommt. Die verschiedenen Aussagen bei der Polizei und vor Gericht passen nicht recht zusammen, zum Teil widersprechen sie sich vollkommen. 

Die Zeugin will von der Polizei bedrängt worden sein, ihr sei gar mit Strafe oder U-Haft gedroht worden, sagt sie vor Gericht. "Die sind mir dann so gekommen, dass ich etwas dazu sagen muss", sind ihre Worte. Richter Bürgelin zieht die Augenbrauen hoch. Die Staatsanwaltschaft fragt nach. Aber Nein, sie habe nichts gesagt, was sie nicht auch sagen wollte, betont die selbstbewusste junge Frau. 

Ins Hans-Bunte-Areal geht sie selbst nicht, sagt sie weiter auf Nachfrage des Staatsanwalts. Aber sie nimmt Ecstasy, gesteht sie ein. Ob das luststeigernd wirke, hakt Staatsanwalt Krapp nach. "Bestimmt nicht", antwortet die Zeugin entrüstet. "Ich frage nur", sagt Krapp nach einer kurzen Pause, "weil hier von so vielen behauptet wird, dass Ecstasy die sexuelle Lust steigere". Es ist das Argument, mit dem einige der Verteidiger die Aussagen des mutmaßlichen Opfers zu diskreditieren versuchen. Sie habe den Sex gewollte, gar eingefordert, lautet nach wie vor die Version des Hauptangeklagten Majd H. Er soll Franziska W. einen Drink ausgegeben haben, später wurden Spuren von Betäubungsmitteln in ihrem Blut gefunden, wahrscheinlich K.O.-Tropfen, vermuten die Ermittler. 

Kosay aber habe mit der Sache sicher nichts zu tun, betont die Zeugin. Er habe ihr nie etwas getan. Sie war nicht mit ihm zusammen, erklärt sie. Sie hätten sich ein, zwei Monate getroffen, "Spaß gehabt", seien trinken gegangen. Bis sie sich zerstritten. In jener Nacht wandte er sich dennoch an sie. Warum, will der Richter wissen. "Ich bin keine Psychologin", antwortet die Zeugin spitz. Doch etwas an ihrer Geschichte ist nicht rund. Denn das Wort Vergewaltigung war damals noch nicht im Umlauf. Erst vier Tage später geriet der Fall an die Öffentlichkeit. Erst dann hatte die Polizei bekanntgegeben, dass sich mehrere Männer an einer jungen Frau vergangen haben sollen. Woher der junge Mann vorher wusste, was geschehen war, bleibt eine der vielen Fragen dieses Prozesses.