Um den Automobilstandort Baden-Württemberg attraktiv zu halten, braucht es Pferdestärken – aber auch Zugpferde. Vielleicht hat Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) daran gedacht, als er vor einigen Tagen publikumswirksam ankündigte, im kommenden Jahr auf ein vollelektrisches Auto als Dienstwagen umzusteigen. Man arbeite daran, „dem Ministerpräsidenten im neuen Jahr ein rein-elektrisches Auto aus heimischer Produktion zur Verfügung zu stellen“, bestätigte das Stuttgarter Staatsministerium dem SÜDKURIER wenig später. Sein bisheriges Dienstfahrzeug, eine S-Klasse von Daimler, ist ein Hybridmodell, in dem der Verbrennungsmotor die meiste Arbeit leistet und der E-Antrieb allenfalls als Flautenschieber taugt. Für den Grünen Kretschmann ist das zu wenig.

In Zukunft soll es also bei Dienstreisen nur mit Batterie-Power durch die Lande gehen. Wobei dieses Ansinnen durchaus mit Fragezeichen zu versehen ist. Aktuell hat nämlich kein Autohersteller mit Werken in Baden-Württemberg ein Vehikel im Programm, das den Ansprüchen des Landesvaters genügen könnte.

Winfried Kretschmann (Grüne).
Ministerpräsident Winfried Kretschmann: hat zwar mit der Autoindustrie seinen Frieden gemacht, findet aber kein passendes E-Auto. Bild: dpa | Bild: Sebastian Gollnow/Archiv

Die aktuelle Elektroauto-Liste des Bundesamts für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa), die als umfassende Marktschau aller in Deutschland verfüg- und bezahlbaren Elektro-Flitzer gelten kann, ist aus baden-württembergischer Sicht ein Panoptikum des automobilen Unvermögens. Von 24 reinen E-Autos aller Hersteller weltweit kommen nur neun von deutschen Auto-Schmieden und nur drei aus dem Ländle – die Daimler B-Klasse 250e, der Smart Fortwo Electric Drive sowie der Smart Forfour Electric Drive.

Streng genommen streckt Baden-Württembergs Vorzeigebranche bei dem Thema sogar komplett die Waffen. Der Grund: Daimler hat die Produktion seiner Elektro-B-Klasse in Rastatt wegen mangelnder Nachfrage im Herbst auslaufen lassen. Und der ebenfalls im Daimler-Konzern gefertigte E-Smart wird künftig nicht im Südwesten, sondern im französischen Hambach und im slowenischen Novo Mesto zusammengeschraubt. Die Akkupacks dafür verlötet eine Daimler-Tochter – in Sachsen. Wollte Kretschmann also landesverbunden und elektrisch fahren, müsste er auf einen Gebrauchtwagen umsteigen. Alternativ bliebe nur, auf ein Modell zu wechseln, das nur vorgibt, ein echter Schwabe zu sein.

Beides ist schwer vorstellbar. Würde Kretschmann dennoch künftig auf Made-in-Baden-Württemberg auf dem Kühlergrill pfeifen und stattdessen mit der Niere, dem Blitz oder dem VW-Logo durch die Lande kutschen, hätte das einen entscheidenden Vorteil: Der Landesvater würde tatsächlich jeden Wähler im hintersten Winkel des Bundeslands erreichen. Während den Daimler-E-Autos von Stuttgart aus gerechnet nämlich an den ersten Höhenrücken des Odenwalds oder in den sanften Hügeln des Oberschwäbischen der Saft ausgehen würde, könnte der Regierungschef mit einem Opel Ampera neuester Bauart auch noch den Bürgern im weit entlegenen Konstanz oder in Grenzach-Whylen nahe Basel einen Besuch abstatten. Immerhin hat das Auto 380 Kilometer Reichweite. Daimlers B-Klasse bringt es nur auf gut 200 – im Echtbetrieb noch viel weniger.

Sollte er das ganze Projekt also besser abblasen und weiter mit einem verbrauchsgünstigen Diesel durch die Lande tuckern? Im Staatsministerium in Stuttgart spricht man vorsichtshalber schon einmal von einer „politischen Äußerung“, die der Ministerpräsident bei seinem E-Auto-Vorstoß getätigt habe. Und erinnert an den E-Roller, mit dem einzelne Mitarbeiter ihre Dienstfahrten erledigten. Er stammt übrigens aus Rheinland-Pfalz. Eine Option für Kretschmann ist das freilich nicht.

Wie schwierig es ist, trotz der leistungsfähigsten Automobilindustrie der Welt, elektrisch mobil zu sein, hätte dem MP allerdings schon früher auffallen können. Seine Sommertour durchs Ländle, die der Grüne „zu Fuß und im Elektroauto“ absolvierte, verlangte seinem Planungsstab im Staatsministerium dem Vernehmen nach nämlich einiges ab. Die Burg Hohenzollern nahe Hechingen, die Besenwirtschaft „Zum Mostkrug“ in Erkenbrechtsweiler oder das Pfahlbaumuseum in Unteruhldingen zu erreichen, habe teils mehrere Tagesetappen erfordert und sei wegen fehlender Ladesäulen „ein ziemlicher logistischer Aufwand“ gewesen, heißt es hinter den Kulissen. Kein Wunder: Kretschmann war mit einem Daimler-Fahrzeug unterwegs.

Zum Vergleich: Die Strecke von Konstanz nach Stuttgart in Kilometern

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