Warum es in Tanji, Gambia, Westafrika, schwäbische Laugenbrezeln gibt, ist eine lange Geschichte. Sie führt von Gambia aus 5700 Kilometer über Mali, Algerien, Marokko oder Lybien über das Mittelmeer nach Spanien, Italien und schließlich nach Deutschland. Mitten hinein nach Baden-Württemberg und in die erbitterte Diskussion über Bleibeperspektiven von arbeitenden Flüchtlingen, über Asylrecht, Armutsmigration aus Afrika, Einwanderungsgesetz, Fachkräftemangel und Abschiebungen.

Tausende Einzelschicksale

Grüne und CDU streiten im Land derzeit darüber, was mit den Flüchtlingen und Asylbewerbern, die zwar arbeiten, aber nach dem Asylrecht nicht bleiben dürfen, geschehen soll. Sie sollen eine Bleibeperspektive bekommen, einen „Spurwechsel“ vom Asylrecht in die Beschäftigungsduldung machen dürfen, fordert die baden-württembergische Unternehmer-Initiative Bleiberecht. Dahinter stehen rund 150 Unternehmen aus dem Land, die nach eigenen Angaben rund 550 000 Mitarbeiter beschäftigen, darunter 2050 Geflüchtete. Viele dieser 2050 Beschäftigten haben einen ungeklärten Bleibestatus oder schlicht kein Recht auf Asyl. Insgesamt etwa 10 000 sind es in ganz Baden-Württemberg, die in dieser Grauzone stecken. 

Straftäter – oder vorbildlich integriert?

Wenn einer von ihnen abgeschoben wird, hagelt es Proteste. Zuletzt Mitte Januar bei dem 26-jährigen Afghanen Mostafa N. aus Ladenburg im Rhein-Neckar-Kreis. Er hatte eine erfolgreiche Ausbildung zum Straßenbauer mit Auszeichnung absolviert, vom Polier seiner Firma geschätzt und machte eine Zusatzausbildung. Aber er war längst ausreisepflichtig. In Deutschland nicht vorgesehen. Sein Asylverfahren war endgültig abgeschlossen, der Antrag abgelehnt. Und weil der Afghane 2016 wegen Körperverletzung verurteilt worden war, galt er den Behörden als Straftäter.

Warum sich zwei Politiker anbrüllen

Mitte Januar wurde er unter Vorwand auf die Ausländerbehörde bestellt, festgenommen und abgeschoben. CDU-Innenminister Thomas Strobl und der grüne Innenpolitiker und Landtagsabgeordnete Uli Sckerl brüllten sich an über diesen Fall. So ist es immer, wenn der Rechtsstaat an Einzelschicksalen sichtbar wird. Bei den einen regieren Paragraphen, bei den anderen Emotionen.

Viel Zeit und Geld investiert

Bei den Firmen hinter der Bleiberechts-Initiative kommen auch noch wirtschaftliche Argumente dazu. Sie haben über die Jahre viel Zeit und Geld investiert, um aus Asylbewerbern und Flüchtlingen gute Mitarbeiter zu machen. Die Unternehmen, allen voran der oberschwäbische Outdoor-Ausrüster Vaude um Antje von Dewitz und die Leutkircher Brauerei Härle mit Chef Gottfried Härle, sagen: „Wir schieben die Falschen ab.“

Michael Junginger, Holger Hilzinger.
Michael Junginger, Holger Hilzinger. | Bild: Sebastian Schlenker

„Ob wir die Falschen abschieben – das ist eine falsche Diskussion“, sagt dagegen Michael Junginger. Junginger ist gemeinsam mit Holger Hilzinger Geschäftsführer der Tuttlinger Firma Hilzinger-Thum, Bürsten und Walzen, ein typischer global operierender schwäbischer Mittelständler, 180 Mitarbeiter am Standort Tuttlingen, 400 weltweit. Das Unternehmen gehört nicht zur Bleiberecht-Initiative. Junginger erkennt ausdrücklich an, wie wichtig es für die Betriebe sei, ihre Arbeitskräfte zu behalten. „Für die ist der ‚Spurwechsel‘ gut und richtig.“

„Einer, der es schafft, lockt andere an“

Aber Junginger sagt auch: „Dadurch gibt es einen enormen Anlockeffekt. Wenn es nur einer schafft, gibt er Tausenden die Hoffnung, es hier auch zu schaffen.“

Vergebliche Suche

Zu Afrika, speziell zu Tansania und Gambia, hat Hilzinger-Thum eine besondere Beziehung, es gibt langjähriges geschäftliches, aber auch privates christliches Engagement der Geschäftsführer in Entwicklungshilfeprojekten. Und weil das Unternehmen in Tuttlingen ebenfalls Fachkräfte sucht, hält man speziell nach gambischen Flüchtlingen Ausschau. „Wenn wir einen finden, bilden wir den aus“, sagt Junginger. Nur: Sie suchen vergebens.

Gambier-Schwerpunkt

Baden-Württemberg ist einer der bundesweit vier Bearbeitungsschwerpunkte der Bundesagentur für Flüchtlinge und Migration (BAMF) für Gambier. 3300 Gambier lebten Ende 2019 in Baden-Württemberg mit einem geduldeten Status; 3700 weitere hatten eine Aufenthaltsgestattung, was ein laufendes Asyl- oder Klageverfahren bedeutet.

Es fehlt an Schulbildung

„Wir haben nur einen gefunden, den wir ausbilden konnten“, sagt Junginger. „Die Voraussetzungen haben gefehlt: Schulbildung, Sprachkenntnisse, Wille.“ Viele Gambier haben keine Schulbildung. Aber die braucht es selbst für einfache Tätigkeiten an einer Maschine. Gesuchte Fachkräfte dagegen, wie etwa Zerspanungsmechaniker, müssen Grundkenntnisse in der Sprache, Mathe und Zeichnen aufweisen. „Und selbst diejenigen mit höchstem gambischen Schulabschluss tun sich schwer mit Mathe und Volumenrechnung“, sagt Junginger. Bei der Diskussion um Abschiebung und Bleiberecht von Flüchtlingen stellt er die Frage, wie viele eigentlich überhaupt eine Ausbildung machen. „Denn nur dann hat doch die Wirtschaft eine Fachkraft, einen Mehrwert. Aber so, wie es läuft, läuft es falsch.“

Familien erwarten Geld

Junginger ist selbst mehrmals im Jahr in Gambia und Tansania, um die Hilfsprojekte zu unterstützen. Dort erlebt er den Ausgangspunkt der Flüchtlingsgeschichten. „Die Familien wählen einen ihrer Söhne aus und schicken ihn los mit dem Auftrag, in Europa Arbeit zu finden und Geld nach Hause zu schicken“, sagt Junginger.

Flüchtlinge aus Afrika, darunter auch viele Gambier, sitzen in einem Schlauchboot, nachdem sie im Mittelmeer aufgespürt und aus Seenot gerettet wurden.
Flüchtlinge aus Afrika, darunter auch viele Gambier, sitzen in einem Schlauchboot, nachdem sie im Mittelmeer aufgespürt und aus Seenot gerettet wurden. | Bild: Sima Diab

„Deutschland ist in Gambia sehr beliebt. Die Erwartungen sind riesig, die Familien verkaufen Grundstücke, veräußern Vermögenswerte, um die Reise zu finanzieren. Sie wollen Geld sehen“, sagt Junginger. „Es gibt kein Bewusstsein dafür, dass vor dem Geld das Lernen und eine langjährige Ausbildung stehen. Und die Söhne stehen unter großem Druck.“

Einer von 100 erhält Asyl

Wenn sie die Reise überleben, haben sie praktisch keine Bleibeperspektive. Die Asyl-Anerkennungsquote von Gambiern in Baden-Württemberg lag 2019 bei 1,2 Prozent. Nur 34 Gambier reisten 2019 nach einer Beratung in den Erstaufnahmenstellen mit einer Förderung des Landes freiwillig zurück.

Bei vielen anderen macht sich der Druck anderweitig Luft. 5972 aufgeklärte Fälle von Straftaten mit Beteiligung mindestens eines Gambiers weist die Polizeiliche Kriminalstatistik von Baden-Württemberg 2018 aus, viele im Bereich Rauschgiftkriminalität.

Polizisten überwachen während einer Drogenrazzia in der Landeserstaufnahmestelle Mannheim Verdächtige. Unter Geflüchteten, die mit Rauschgiftdelikten in der baden-württembergischen Kriminalstatistik aufgeführt werden, sind Gambier überrepräsentiert.
Polizisten überwachen während einer Drogenrazzia in der Landeserstaufnahmestelle Mannheim Verdächtige. Unter Geflüchteten, die mit Rauschgiftdelikten in der baden-württembergischen Kriminalstatistik aufgeführt werden, sind Gambier überrepräsentiert. | Bild: Uwe Anspach

Für etwa jedes dritte Drogendelikt eines Asylbewerbers im Südwesten war 2017 und 2018 ein Gambier verantwortlich. Auch Leistungserschleichung und Eigentumsdelikte stehen weit vorne. Den Tätern droht die Abschiebung. 129 waren es im Jahr 2019. Es wären deutlich mehr – aber Gambia lehnte 2019 ein halbes Jahr lang entgegen völkerrechtlicher Verpflichtungen die Rückaufnahme der Flüchtlinge ab. Es mussten mühsam politische Lösungen ausgehandelt werden, damit Gambia die eigenen Leute wieder aufnimmt. Im Fall von Baden-Württemberg und Gambia ist es ein Partnerprojekt mit der Polizei, das Land steckt gemeinsam mit EU und Bundesinnenministerium Geld und Personalressourcen vor Ort in den Aufbau von Aus- und Fortbildungsstrukturen.

Ringen um Unterstützer

Das ist auch der Weg der Tuttlinger Unternehmer in der ganzen Flüchtlingsdebatte. Sie setzen auf Strukturen vor Ort – gemeinsam mit vielen Fäden der Entwicklungshilfe aus Deutschland, von der GIZ bis hin zu einem Projekt der Baden-Württemberg-Stiftung. Seit 2014 ist Junginger mit dem Verein „Menschen helfen“ in Gambia aktiv, der Verein unterstützt das Projekt „House of Skills“ der Evangelischen Kirche von Gambia (ECG) in Tanji.

Bäckerei-Auszubildende in der Sunshine Bakery. Aktuell werden im Projekt „House of skills“ 21 junge Menschen in Handwerksberufen ausgebildet.
Bäckerei-Auszubildende in der Sunshine Bakery. Aktuell werden im Projekt „House of skills“ 21 junge Menschen in Handwerksberufen ausgebildet. | Bild: Johanson, Kirsten

Dort werden junge Menschen zu Bäckern, Maurern, Elektrikern, Malern oder Metallbauern ausgebildet und unternehmerisch geschult, nach Art der dualen Berufsausbildung in Deutschland, unterrichtet von deutschen Handwerkern, die für kleines Geld vor Ort sind. „Wir haben einen Zielkonflikt“, sagt Junginger. „Beide, Gambia und Deutschland, brauchen Fachkräfte.“ Wer eine Ausbildung hat, von der er sich in Gambia eine Existenz aufbauen kann, verlässt seine Heimat vielleicht nicht so schnell.

Erste Azubis erfolgreich

Die Schritte sind klein, die Anstrengungen, in Deutschland Unterstützer zu finden, sind enorm. Doch erste Erfolge sind da. In der Sunshine Bakery, einem Betrieb im House of Skills, haben im Herbst 2019 fünf Lehrlinge ihre Bäckerausbildung abgeschlossen, drei von ihnen werden die Bäckerei weiterführen. „Alles hat mal klein begonnen“, sagt Junginger, Enkel des Alno-Küchen-Gründers, dessen Großvater aus einer kleinen Schreinerei ein Weltunternehmen aufbaute. Er fragt: „Was für eine Power könnte man entwickeln, wenn sich die Bleiberechts-Unternehmen mit ihren 55 Milliarden Umsatz in Gambia in der dualen Ausbildung engagieren würden? Und was einzelne Menschen und Unternehmen können, glaubt Junginger, kann die Politik schon lange.

Verkaufstheke der Sunshine bakery mit Nussschnecken, Berlinern, Croissants und Brezeln.
Verkaufstheke der Sunshine bakery mit Nussschnecken, Berlinern, Croissants und Brezeln. | Bild: Michael Junginger

„Baden-Württemberg hat doch auch die Partnerschaft mit Burundi. Und wir haben im Land einen Gambier-Schwerpunkt und täglich Probleme mit Gambia. Warum also kommt eine Landesregierung wie die von Baden-Württemberg nicht darauf, einmal ein so fundamentales und wegweisendes Projekt wie eine Partnerschaft mit Gambia auf die Schiene zu setzen?“ fragt Junginger. Die Brezeln zumindest, die wären schon mal da.

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