Gebolzt wie ein Affe sei er, brüstet sich ein Raser vor Reportern. Er war 2014 in der Schweiz mit mehr als 200 Kilometern in der Stunde gestoppt worden. Auf der Autobahn gilt Tempolimit 120. Im heimischen Schwaben wähnte der Mann sich sicher vor der Schweizer Justiz, die Raser drakonisch bestraft.

Eine Fehlkalkulation. Der Autofahrer wurde im Kanton Tessin zu 30 Monaten Gefängnis verurteilt, 18 davon auf Bewährung. Die Schweizer setzten durch, dass er die Haftstrafe im Herbst 2018 in Deutschland antreten musste.

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Bringen die hohen Strafen etwas? Die Behörden sagten nach einer ersten Bilanz 2017 „ja“. 2000 Temposünder wurden seit 2013 verurteilt. Die Freiheitsstrafe wird bei der ersten Verurteilung meist zur Bewährung ausgesetzt.

Deutscher Rekord-Raser wurde mit 250 Kilometern pro Stunde geblitzt

So auch bei einem 34-jährigen im Umland von Basel lebenden Deutschen, der Anfang 2019 mit 250 Kilometern pro Stunde auf der A7 bei Frauenfeld raste.

Bild: Google Maps

Der SÜDKURIER berichtete in mehreren Artikeln über den Rekord-Raser und seine spektakuläre Autofahrt. Warum David H. so schnell unterwegs war, ist bis heute unklar. Fakt ist, dass seine Freundin als Beifahrerin mit im Auto saß. Beide fuhren vom Parkhaus Manor in Winterthur in Richtung Konstanz und tappten bei der Ausfahrt Frauenfeld West in die Radarfalle der Polizei.

Bild: Kantonspolizei Schweiz

Beim Prozess Ende Juli am Bezirksgericht Winterthur kam David H. glimpflich davon. Das Gericht verurteilte den Angeklagten zu einer Freiheitsstrafe von 20 Monaten auf Bewährung. Vor Prozessbeginn hatten sich Staatsanwaltschaft und Strafverteidigung auf diese Strafe im Hinterzimmer geeinigt.

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Markus Hackenfort, Sicherheits- und Unfallforscher an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Zürich, ist sich sicher: Allein hohe Geld- oder gar drohende Freiheitsstrafen reichen nicht, um Raser zu stoppen.

„Wenn die Kontrolldichte nicht hoch ist, ist der Einfluss hoher Strafen auf das Verkehrsverhalten überschaubar.“ Ohne häufige Polizeikontrollen sei es ein Kick für Raser, wenn sie nicht erwischt werden und damit geradezu ein Anreiz, weiter zu rasen.

„Aus unserer Sicht ist vor allem wichtig, dass die Polizei die Einhaltung der Vorschriften regelmäßig kontrolliert“

So sieht es auch die Beratungsstelle für Unfallverhütung: „Aus unserer Sicht ist vor allem wichtig, dass die Polizei die Einhaltung der Vorschriften regelmäßig kontrolliert“, schreibt sie. Erfolgreich am Schweizer Modell seien neben den häufigen Kontrollen vor allem die zusätzlichen Maßnahmen, Wegnahme des Führerscheins und Beschlagnahmung des Autos an Ort und Stelle. „Die Leute müssen wissen: sie können erwischt werden und es tut sofort richtig weh.“

Provokation, Auto gegen Auto, Hersteller gegen Hersteller

Wer in einem schnellen Auto sitze, werde leicht provoziert, sagt Hackenfort. Er habe selbst gemerkt, als ihm beim Automieten in Deutschland einmal ein Sportwagen ausgehändigt wurde, wie an der Ampel oder auf der Autobahn Fahrer neben ihm besonders schnell beschleunigten oder anfuhren. „Da geht es plötzlich Auto gegen Auto, Hersteller gegen Hersteller“, sagt er. „Dem Reiz zu widerstehen, ist vor allem für junge Autolenker nicht einfach.“

Ein 20- und ein 22-Jähriger wurden diesen Sommer in Suhr 40 Kilometer westlich von Zürich gestoppt, mit mehr als 140 Stundenkilometer auf einer Landstraße mit Höchstgeschwindigkeit 80. Sie waren mit 210 und 450 PS-starken Autos in der Nacht unterwegs, Stoßstange an Stoßstange. Von Verfolgungsjagd wollten sie nichts wissen. Alles ein Missverständnis, beteuerten sie. Den Führerschein waren beide los, der 20-Jährige, der als Fahrer beschäftigt war, auch seinen Job.

Der schnellste Raser, der je in der Schweiz erwischt wurde, war mit 300 Stundenkilometern unterwegs

Als skrupellosester Raser der Schweiz gilt ein Versicherungsmakler. Er übertrifft sogar die Rekord-Fahrt des Deutschen David H. Mit einem 560 PS starken Bentley wurde der Makler mit mehr als 300 Kilometern pro Stunde geblitzt. Zudem filmte er die Fahrt noch auf dem Handy. Ihm wurde im Jahr 2014 eine Haftstrafe von 36 Monaten aufgebrummt.

Werden die Gesetze wieder gelockert?

Die Schweizer wollen die drakonischen Raser-Gesetze jetzt wieder etwas mildern. Richter sollen mehr Spielraum haben, etwa wenn Bleifüße zu schnell waren, weil sie ein Schild übersehen hatten. Das Bundesparlament hat das bereits bestätigt. Wann die Raser-Gesetze geändert werden, ist unklar.

Schon heute wird die vorgeschriebene vierjährige Freiheitsstrafe trotz drastischer Überschreitung des Tempolimits von Richtern nicht immer umgesetzt. Das war schon beim deutschen Rekord-Raser der Fall. Er kam mit einer Bewährungsstrafe davon.

Die Begründung: Wenn die Situation auf der Autobahn nicht unmittelbar Menschenleben gefährdet, habe sich die Strafe am unteren Strafrahmen zu orientieren. Auch die perfekte Sicht in dieser Raser-Nacht und die gerade Strecke, auf der er mit 250 unterwegs war, wurden dem Deutschen zu Gute gehalten.

Ob es wirklich neue Gesetze braucht, um die Strafzumessung einheitlich zu regeln – das müssen die Gesetzgeber in der Schweiz jetzt diskutieren. Derzeit bestimmen – wie so oft – Ausnahmen die Regel.