Vielleicht ist die Aufregung einfach zu groß. Vielleicht ist es an der Zeit, die neuen Bedingungen zu akzeptieren. Die Welt verändert sich, die Menschen, ihre Werte, warum also an alten Strukturen mit aller Macht festhalten? Olympische Spiele sind seit jeher ein Fest für alle Sportler dieser Welt. Jeder soll die Chance zur Teilnahme erhalten. Das Motto „Dabeisein ist alles“ ist nett gemeint. Nur: Für die Spitzenathleten dieser Welt ist das längst schon nicht mehr alles. Wer ambitioniert ist, wird auch dort um jeden Preis gewinnen wollen. Olympische Spiele sind nicht nur ein Sportfest unter Gleichgesinnten. Auch hier zählt der Leistungsgedanke. Während sich also Sportler und Technik entwickeln, warum sollten die Rahmenbedingungen in der Vergangenheit verharren?

Die Spiele müssen – wie alles – mit der Zeit gehen. Sie werden von Veranstaltung zu Veranstaltung immer gigantischer. Olympia wird zum Event. Auch bei Fußballbundesliga-Spielen reicht das Geschehen auf dem Rasen längst nicht mehr, um die Fans zu unterhalten. Ein gewisses Rahmenprogramm wird erwartet. Und wie die Beispiele RB Leipzig oder 1899 Hoffenheim zeigen, ist auch bei des Deutschen liebstem Kind Tradition nicht mehr alles.

Zu teuer, zu kompliziert

Natürlich ist der Wunsch nach der guten, alten Zeit noch weit verbreitet. Es wachsen aber neue Generationen heran, die nur noch die neuen Verhältnisse bei den Spielen gewohnt sind. Und nicht wenige waren etwa von den Wettkampfstätten und der Atmosphäre in Sotschi 2014 begeistert. Ein Felix Neureuther darf sich natürlich wünschen, dass Olympische Winterspiele wieder dort stattfinden, wo die Wiege des Wintersports ist. In den europäischen Alpen also statt im südkoreanischen Niemandsland. Und natürlich ist seine Kritik angebracht, dass im Internationalen Olympischen Komitee nicht alles nach Wunsch läuft. Dass bei der Vergabe der Spiele nicht alleine die Örtlichkeiten entscheidend sind, sondern dass Konzepte, die auch finanzielle Anreize vorsehen, eine Chance haben. So finden Olympische Spiele oder auch Fußball-Weltmeisterschaften in Ländern statt, die sich beim Umgang mit ihren Einwohnern nicht vorbildlich verhalten. Beispiel Russland, Beispiel Katar.

Es ist mutig, dass Felix Neureuther Missstände anprangert und explizit in seiner Kritik IOC-Präsident Thomas Bach nennt. „Leider ist es insgesamt schwierig, in diesem System etwas zu ändern“, sagt der aktuell verletzte Sportler. „Wenn es einer geschafft hätte, dann wäre es Thomas Bach gewesen. Das hat er leider nicht, und deshalb bin ich von ihm schon enttäuscht.“Andere Sportler halten sich da deutlich stärker im Hintergrund. Biathletin Laura Dahlmeier zum Beispiel freut sich auf das Kräftemessen in Südkroea. Vier Jahre Arbeit hat sie investiert, um die Grundlagen für den sportlichen Erfolg zu schaffen. Für den politischen Erfolg, für gesellschaftlichen Fortschritt aber sind andere zuständig.

Olympia-Kritik ist in. Und Skepsis gegen Bewerbungen allgegenwärtig. In Deutschland scheiterten diese Projekte zuletzt jeweils am Votum der Bürger. Zu hohe Kosten, keine Nachhaltigkeit – warum also sollen deutsche Städte sich darum reißen, für gerade mal zwei oder drei Wochen im Mittelpunkt des sportlichen Weltinteresses zu stehen? Andererseits: Die besten Sportler vor der eigenen Haustüre bestaunen zu können, kann charmant sein. Allerdings sollen die dort so geräuschlos wie möglich ihr Tagewerk erledigen. Das aber ist nicht möglich. Wer Olympische Spiele will, kauft sich das Gesamtpaket. Es muss Um- und auch Neubauten geben, selbst in den traditionellen Orten des Wintersports. Sportstätten müssen schließlich mit der Zeit gehen. Neureuther weiß das, er würde sich trotzdem freuen, wenn die Olympia-Welt mal wieder bei ihm in der Nähe zu Gast wäre. Das sehen aber viele anders. Deutschland ist eben nicht der Mittelpunkt der Welt. Noch nicht einmal Europa ist das in dieser internationalen und globalisierten Sportwelt. Auch wenn Biathlon-Bundestrainer Gerald Hönig sich fragt: „Gehören Winterspiele wirklich in so eine Region nach Südkorea? Es hätte auch München sein können. So fliegt man um die halbe Welt, hat acht Stunden Zeitverschiebung mit Jetlag und dann eventuell nicht solche Wintersportbedingungen, wie wir sie uns wünschen.“ Da wünsche er sich automatisch Winterspiele in Skandinavien oder in den Alpen. Keine Chance für andere Kontinente also? Das kann auch nicht die Lösung sein.

20.000 Euro kassiert ein deutscher Olympiasieger – Im Vergleich ein Taschengeld

Natürlich hat sich gerade in den vergangenen Jahren der Blick auf Olympia verändert. Korruption, undurchsichtige Vergaben und die Sportler nicht mehr als Mittelpunkt – das schreckt viele ab. Die Show drumherum muss größer werden, die Athleten ärgert das. Sie fühlen sich als Mittel zum Zweck, das noch dazu kaum am Erfolg partizipiert. 20.000 Euro kassiert zum Beispiel ein deutscher Olympiasieger. Im Vergleich zu anderen Sportarten fast schon ein Taschengeld. Zudem gibt es ein Werbeverbot für die persönlichen Sponsoren, deshalb wurden die deutschen Sportler allesamt wenige Wochen vor den Spielen neu eingekleidet. Damit kein Logo auf der Sportkleidung zu sehen ist.

Deutlich wurde kürzlich der deutsche Ski-Cheftrainer Wolfgang Maier. Seine Vorwürfe: „Wenn wir so weitermachen, stirbt Olympia. Jede Weltmeisterschaft ist besser organisiert als Olympische Spiele, der Tod dieser großen Sportveranstaltung ist der heutige Sportfunktionär.“ Klare Worte, die provozieren. Und die nicht unbeantwortet bleiben vom Internationalen Olympischen Komitte. 90 Prozent der Einnahmen gebe das IOC an den Sport in der ganzen Welt weiter. Zudem seien die Spiele nach wie vor die größte sportliche Bühne. Es gebe nichts Vergleichbares. Und das Zusammenleben im Olympischen Dorf sei im Vergleich zu anderen Großereignissen, bei denen die Sportler im Hotel wohnen, das Salz in der Suppe. Kein Wunder also, dass sich die meisten Sportler noch auf das Großereignis freuen, das nur alle vier Jahre stattfindet. Weil es eine sportliche Herausforderung ist, sich zunächst zu qualifizieren und später beim Wettstreit mit den Besten um Medaillen kämpfen zu können. So war bei den meisten Athleten Vorfreude auf die Tage in Südkorea zu spüren. Natürlich hatte sie in der Vorbereitung die Angst wegen der politischen Lage begleitet. Letztlich aber haben sie stets betont, dass sie sich auf die Einschätzung der Experten verlassen müssen. Denn eines ist klar: Sportler werden dort an den Start gehen, wo ihre Wettkämpfe geplant sind. Alles andere wäre zu viel Verantwortung. Formel-1-Piloten etwa wehren sich auch nicht, wenn ihnen der Rennkalender Auftritte in Aserbaidschan oder Bahrain vorgibt.

Die meisten Sportler sind sich ihrer Privilegien bewusst. Der Möglichkeiten, die sich für sie dank ihres Talents und Ehrgeizes ergeben. Damit aber geht auch die Verantwortung einher, eine Vorbildrolle zu übernehmen. „Wir müssen die Freude vermitteln“, sagt Stefanie Böhler, Langläuferin des SC Ibach. Dem Nachwuchs zeigen, dass es einerseits Spaß macht, Sport zu betreiben, dass aber auch andererseits die Aussichten auf Großereignisse den Ehrgeiz anstacheln. Egal, ob sie in den Alpen oder Südkorea stattfinden. Denn letztlich geht es bei Olympia um eines: Einen Wettstreit unter den besten Athleten der Welt um Gold, Silber und Bronze. Aber auch darum, dass aus jeder Nation Sportler bei den Spielen teilnehmen können. Daran hat sich nichts geändert. Auch wenn die Rahmenbedingungen mit denen von früher nicht mehr zu vergleichen sind.