Adele setzt sich auf James Cordens Beifahrersitz und schließt die Tür. „Hello“, sagt sie. Sie klatschen ab, dann fährt er los. „Ich liebe deinen Bob“, kommentiert der Talkmaster beiläufig ihre Frisur. Sie fühlt sich geschmeichelt. Noch etwas Smalltalk und dann wieder „Hello“. Sie stimmen sychron Adeles Super-Hit an.

Sie blickt singend aus dem Fenster, er konzentriert sich auf den Verkehr, als wäre diese Konstellation das Normalste der Welt. Das Video zählt auf Youtube knapp 80 Millionen Klicks. Die Zuschauer sehen keine streng geregelte Performance, sondern zwei Menschen, die tun, was man im Auto eben so tut: singen.


Adele

James Corden ist der Typ hinter „Carpool Karaoke“, ein Format, das in seiner „Late Late Show“ im amerikanischen Fernsehen gezeigt wird. Der 37-jährige Brite ist nicht nur Talkmaster, sondern auch Schauspieler und Comedian. Er war in „Into the woods“ und „Die drei Musketiere“ zu sehen. In den vergangenen Monaten machte er sich aber vor allem damit einen Namen, Stars auf dem Beifahrersitz zu kutschieren. Mit ihnen schmettert er entweder ihr und andere Hits oder er lässt sie allein singen.


Michelle Obama

Mit fremden Menschen im Auto zu sitzen, ist oftmals befremdlich, aber nicht bei ihm. Er bricht das Eis, da hat der Gurt des Beifahrers noch nicht einmal im Schloss geklackt. Corden hat aus einer Banalität eine Show gemacht. Es wird persönlich und witzig hinter der Windschutzscheibe.

Aber nicht nur Stars verwandeln das Auto in eine Bühne. Die Mehrheit der Deutschen verhält sich genau so. Doch warum macht Singen gerade im Auto so viel Spaß? Mit dem Gefühl des Unbeobachtetseins beginnen viele Menschen, den Liedern im Radio zu folgen. Das erzeugt gute Laune, das ist sogar wissenschaftlich erwiesen. Egal ob auf der Bühne, unter der Dusche oder im Auto. Vor allem Songs, zu denen wir einen besonderen und positiven Bezug haben, bescheren gute Laune. Für die Musikpsychologin und -therapeutin Annette Cramer liegt das auf der Hand. „Singen verbessert die Atmung, beruhigt uns und wirkt sich günstig auf das Herz-Kreislauf-System aus.“


Elton John

Beim Singen geben wir allerdings viel von unserer Persönlichkeit preis, sagt Cramer. Immerhin werden mit der Stimme Emotionen weitergegeben. Extrovertierte Menschen stünden deshalb bevorzugt auf der Bühne, schüchterne eher ungern. Würden sich diese allerdings in einem geschützten Raum befinden, wie zum Beispiel dem Auto, ändere sich das in vielen Fällen. Der Grund: Keiner urteilt, keiner lauscht, keiner lacht. Cramer: „Und wenn jemand schräg aus dem Nachbarauto schaut, ist das egal. An der nächsten Ampel sieht man ihn vielleicht schon nicht mehr.“

Singen macht glücklich und hebt die Stimmung, denn Glückshormone wie Serotonin werden ausgeschüttet. Kein Wunder also, dass wir so gern mitträllern. Da macht es keinen Unterschied, ob der Nachbar von nebenan im Auto sitzt oder Chris Martin von Coldplay. Auch er nimmt Platz auf Cordens Beifahrersitz. Die beiden fahren zum Superbowl nach San Francisco. 


An einer Stelle ziehen sich die beiden San-Francisco-Mützen und große Brillen an. Sie sehen bescheuert aus, aber das gehört zur Show und zum guten Gefühl Bei Coldplays Song „Viva la Vida“ passiert, was jeder Sänger kennt. James Corden singt ganz selbstbewusst den falschen Text. Chris Martin hakt nach, aber findet das okay. Könne ja jeder singen, was er möchte. Ein Grund, warum Solo-Fahrten so reizvoll sind. Gesungen wird mit Inbrunst, selbst wenn die Version des Textes weit vom Original abweicht. Wen stört das auch?


Chris Martin (Sänger der Band Coldplay)

Bei Carpool Karaoke nutzt der Talkmaster nicht nur den Singen-macht-glücklich-, sondern auch den Gemeinsam-macht-es-mehr-Spaß-Effekt. Die Musikpsychologin Cramer erklärt, weshalb vor allem beim Singen in einer Gemeinschaft positive Gefühle ausgelöst werden, egal ob nun im Chor oder auf einer gemeinsamen Autofahrt. Dabei würden Sänger die Schwingungen der anderen spüren, in Form von Vibrationen auf der Haut oder in den Knochen. Es stärke das Miteinander durch diese Verbindung, und selbst, wenn die eigene Stimme nur wenig ausgebildet sei, so werde sie von den anderen mitgetragen.


Justin Bieber

Rod Stewart braucht dazu niemanden. Corden spricht mit ihm über seine Haare und fragt, wie lange es dauert, „um den kompletten Stewart zu bekommen“. Die Antwort: zehn Minuten. Nachdem Corden noch durch Stewarts Mähne gestrichen hat, folgt „Da ya think I‘m sexy“, der nächste Hit. Die Kamera sitzt direkt unter dem Rückspiegel. Es wirkt beinahe so, als säße man mit ihnen im Auto.

Wie bei Rod Stewart oder Adele hört es sich allerdings in den wenigsten Autos an. Selbst dann, wenn noch so viel Herz mit in die Songs fließt. Für Cramer ist das kein Grund, auf das Singen zu verzichten. Auch die Ausrede, nicht musikalisch zu sein, gilt bei ihr nicht. „Wenn Musik einen berührt, dann ist man musikalisch.“


Rod Steward und A$AP Rocky (Rapper)

Der Weg bis zur professionellen Karriere ist dennoch weit, sagt Gesangspädagoge Wolfgang Watzka aus München. Nur wer gewisse Voraussetzungen mitbringe, habe Erfolg beim ambitionierten Singen. „Es ist vor allem körperliche Arbeit und Einsatz. Zwischenrippen- und Flankenmuskeln müssen richtig arbeiten. Und die muss man erst einmal kennenlernen.“ Viel hänge mit einem guten Körpergefühl zusammen.

„Singen braucht eine trainierte Muskulatur. Wenn man die Sprechstimme nicht trainiert, kommt man auch mit der Singstimme nicht weiter.“ Er rät Laien: deutlich sprechen, aufrechte Körperhaltung einnehmen und das Gesungene aufnehmen und anhören. Wer ein Gehör für eine gute Stimme habe, der erkenne, was verbessert werden sollte. Unterricht sei dennoch zielführend. Dann werde auch nichts Falsches trainiert.

Mit den Weltstars bei Carpool Karaoke haben drei Viertel der Deutschen eines gemeinsam: Singen ist ihre Lieblingsbeschäftigung im Auto, noch vor Essen und Fluchen. Das hat eine Studie von Autoscout 24 ergeben. 52 Prozent zweckentfremden das Lenkrad als Schlagzeug und 16 Prozent nutzen den Sitz als Tanzfläche. Wer das Auto als Bühne für sich beansprucht, der sollte also schon wegen der guten Laune damit weitermachen. Was gibt es Schöneres, als mit dem Kopf wippend den Lieblingssong aus dem Fenster zu singen. Das gilt auch für Adele, die James Corden mit dem freudigen Satz zurücklässt: „That was amazing!“



Antohny Kiedis (Sänger der Band Red Hot Chili Peppers)