Und wie ist Ihr werter Name? Nicht nur im Märchen bei Rumpelstilzchen oder in der Mozart-Oper „Die Zauberflöte“ bei Papagena und Papageno ist das eine kitzlige Frage. Wer das gefragt wird, der muss Farbe bekennen. Es macht schon einen Unterschied, ob man Gloria von Thurn und Taxis heißt oder Lieschen Müller. Namen verraten viel: über die regionale Herkunft, aber auch einiges über den sozialen Stand und die vermutliche Dicke des Portemonnaies. Zum sozialen Fine-Tuning dienen dann noch die Vornamen. Wer sein Kind Alexander oder Sophia tauft, hat eine andere Karriere für das Kleine im Sinn als jemand, der seinen Sohn Maik und die Kleine Jacqueline nennt.

Ahnenforschungsportale wie ancestry.com boomen. Viele Deutsche interessieren sich dafür, woher ihre Familie ursprünglich stammte, woher sie zugewandert ist. Die Sprachwissenschaftlerin Rita Heuser ist Projektleiterin des Digitalen Familiennamenwörterbuchs Deutschland mit Sitz in Mainz, bei dem erstmals viele deutsche Familiennamen erfasst, erklärt und nach regionalem Vorkommen kartiert wurden. Sie sagt: „Menschen sind immer auf der Suche nach ihrer Vergangenheit, woher sie kommen, was ihre Identität ausmacht. Und dafür liefern Namen eben oft auch Anhaltspunkte.“

Nachnamen sind im Mittelalter entstanden

Woher kommt aber die Sitte von Vor- und Nachname? Rita Heuser erklärt: „Nachnamen sind im Mittelalter entstanden, als die Bevölkerung und die Siedlungen immer mehr wuchsen. Wenn es in einem Dorf dreimal den Namen Hans gab, wurde es einfach schwierig zuzuordnen, wer jetzt genau gemeint war. Auch die Obrigkeit wollte wissen, ob denn jetzt der richtige Hans die Steuern zahlte und wollte sichergehen, dass einer nicht so leicht sagen konnte: Ich bin nicht der richtige Hans. Und so entstanden Familiennamen.“

Meist habe man sich dabei einfach an körperlichen Merkmalen orientiert. „Wenn einer besonders klein war, dann hieß er vielleicht Hans Kurz. Wenn er von Beruf Schmied war, nannte man ihn Hans Schmied, und wenn er auf dem Berg wohnte, war er der Hans Berger.“ Manche Namen sind weitaus poetischer, etwa der Name Lautenschläger. „Das war im Mittelalter einer, der die Laute spielte, also ein Spielmann. Heute würde man da von Entertainer sprechen. Es gab ja auch noch andere Musiker wie Trompeter oder Fiedler, die sich noch heute in Nachnamen wiederfinden“, erklärt die Sprachwissenschaftlerin. 

Um die Nachnamen in Deutschland zu erfassen, bekamen die Wissenschaftler von der Telekom den Namensbestand des Telefonbuchs von 2005, als noch die meisten einen Festnetzanschluss hatten. „Heute ginge das nicht mehr“, sagt sie. Im Telefonbuch fanden die Wissenschaftler 850 000 verschiedene Namen. Die Namen, die weniger als zehnmal vorkommen, stellte man zurück; damit blieben noch 200 000 übrig.

„Wir haben mit den häufigsten wie Müller und Maier angefangen“, berichtet Rita Heuser und erklärt: „Der Maier zum Beispiel war ein reicher Bauer, der die Einnahmen des Gutsherren verwaltet hat und der hohes Ansehen genoss. Und da es immer auch unterschiedliche Schreibweisen und Zusammensetzungen gibt, sind da noch einige Namen mehr dazugekommen. Beim Bäcker gibt es zum Beispiel verwandte Namen, die auf das jeweilige erzeugte Gebäck abzielen, zum Beispiel der Mutschler, der weiße, längliche Brötchen buk.“ So kamen die Wissenschaftler von einem Namen auf den nächsten.

Aber auch nichtdeutsche Namen wurden in die Sammlung aufgenommen, z.B. türkische, italienische, polnische oder französische. „Einwanderer haben schon zu jeder Zeit ihre Namen mitgebracht, denken wir mal an die polnischen Namen im Ruhrgebiet, wie Schimanski und Grabowski, die von den Bergarbeitern im 19. Jahrhundert mitgebracht wurden.“ Auch nach dem 30-jährigen Krieg wurde von den Landesherren massiv für eine Ansiedlung in den verwüsteten deutschen Landstrichen geworben und so kamen Franzosen, Schweizer, Tiroler und andere Menschen nach Deutschland, angelockt von wirtschaftlichen Versprechungen, aber auch Glaubensfreiheit, erzählt Rita Heuser.

Manche der Namen wurden seltsam verformt und dem Deutschen angepasst, berichtet sie. „So wurde aus französisch Gillot Schillo und aus Chevalier Schwalie. Manchmal muss man als Namenforscherin ganz schön nachdenken, um auf die Ursprünge zu kommen. Einer der schwierigeren Fälle war z.B. der Name Biwersi, der in Perl, einer Gemeinde im Saarland vorkommt. Nach langem Rätseln meine ich, er kommt von einem belgischen Siedlungsnamen (Bévercé bei Malmedy).“

Fragt man die Expertin, welche Namen sie am liebsten hat, ist die Antwort eindeutig: „Ich finde alle Namen schön!“ Jeder sei auf seine Weise interessant. „Sehr schön finde ich aber zum Beispiel den Namen Sonnentag. Es gibt aber auch herrliche Namen wie Rübenkönig, der auf einen Beruf in der Landwirtschaft hindeutet. Und auch sehr poetische wie den Schneekönig. In manchen Gegenden wird der Zaunkönig, ein sehr kleiner zierlicher Vogel, auch Schneekönig genannt. Dann wird wohl der Mensch, der so genannt wurde, auch eher ein zierlicher, lebhafter Mensch gewesen sein.“

Stimmt denn der Eindruck, dass der Name oft auf die Region hindeutet, aus der eine Familie kommt? So ist im Schwäbischen die Endung „le“ recht häufig. „Diese Verkleinerungsformen sind bei Nachnamen überhaupt sehr typisch“, sagt Rita Heuser. „Im süddeutschen Raum gibt es das „le“, noch weiter südlich in Richtung Schweiz schon eher „li“. In der Gegend von Nürnberg sagt man „lein“, und in Norddeutschland gibt es zum Beispiel das „ke“. Weiter in Richtung Norden gibt es die Besonderheit, dass jemand ein „sen“ angehängt bekommt. Der Name Jensen zum Beispiel bedeutet: Der Sohn vom Jens.“

Ein anderer Namensbrauch mutet heute eher kurios an: Früher war es noch Sitte, bei Frauen an den Nachnamen ein „in“ anzuhängen, also bei der „Wagnerin“, die niemand anders als die Frau vom Herrn Wagner war. „Das ist im Dialekt noch gebräuchlich, stirbt aber so langsam aus“, sagt Rita Heuser.

Getrennte Nachnamen bei Frauen und Männern in einer Ehe gibt es noch gar nicht so lange, nämlich seit 1994. Das Bundesverfassungsgericht hatte die bisherige Bestimmung von 1958 gekippt, nach der bei einer Heirat automatisch der Geburtsname des Mannes neuer Familienname wird. Heute können Paare wählen: Sein Name, ihr Name oder jeder behält seinen eigenen. Das machten vor allem Frauen, „die wissenschaftlich tätig sind oder sich sonst beruflich einen Namen gemacht haben“, sagt die Expertin. Wenn Sie also das nächste Mal auf einer Party sind und sich den Leuten vorstellen, hören Sie bei den Antworten genau hin. Womöglich schlummert da jede Menge interessanter Gesprächsstoff!