Wie erlangt der Mensch Gnade vor Gott? Was muss man schon zu Lebzeiten tun, um dem ewigen Seelenheil gewiss zu sein? Diese Fragen sind den meisten Menschen heute fremd. Damals, vor 500 Jahren, waren es Lebensfragen, die den Kern der Existenz berührten. Das war nicht nur bei Martin Luther so, den die Suche nach dem gnädigen Gott in den strengen Augustiner-Orden geführt hatte, sondern auch bei den kleinen Leuten. Voll Sorge fragten sie: Erwartet mich das ewige Leben im Paradies – oder die Verdammnis im Höllenfeuer? Quälend war die Vorstellung, plötzlich und unvorbereitet zu sterben – wie es vielen damals widerfuhr.

 

  • Was bot die Kirche den Gläubigen quasi als Vorsorgemaßnahme an? Der Angst um das Seelenheil konnte man mit einer breiten Palette an Buß- und Fastenübungen, Wallfahrten und Prozessionen begegnen. Die Bereitschaft zu innerer Einkehr und Umkehr war in der Volksfrömmigkeit des Mittelalters tief verankert. Dazu gehörte auch die Bereitschaft, einen kirchlichen Ablassbrief gegen eine Geldspende zu kaufen. Damit meinte man, die Zeit des Fegefeuers – ein Schwebezustand zwischen Himmel und Hölle bis zum Endgericht – verkürzen zu können. Dort sollte dann Luthers Kritik ansetzen.
  • Konnte man sich durch einen Ablass einfach von seinen Sünden freikaufen? Das war eigentlich nicht Sinn der Sache. Der Ablass geht auf das lateinische „Indulgentia“ zurück, was „Nachsicht“, „Milde“ oder „Schonung“ bedeutet. Die Wurzeln reichen bis in die Kreuzfahrerzeit des Hochmittelalters.
    Den Rittern wurde versprochen, dass ihnen für die Teilnahme an der Eroberung Jerusalems von den Muslimen die Kirchenbußen für begangene Sünden erlassen seien.
  • Man musste also aktiv etwas tun, um das Sündenkonto abzubauen? Ja. Wer einen Ablassbrief erwarb, musste das in bußfertiger Gesinnung tun und diese durch Gebete, Wallfahrten oder Almosen für Arme unter Beweis stellen. So wurde der Ablass im Volk des Spätmittelalters zu einer geschätzten Vorsorge-Einrichtung zum Erhalt des Seelenheils.
  • Aber warum bekämpfte Luther dann den Ablass? Weil dieses Angebot zunehmend missbraucht wurde, um Geld für teure Projekte aufzutreiben. Etwa für Deichbauten in den Niederlanden, den Wiederaufbau abgebrannter Kirchen oder für Neubauten in Augsburg und Mainz. Zu dieser Ablass-Welle kam 1517 der Peters-Ablass hinzu. Mit ihm wollte Papst Leo X. den Neubau der Peterskirche in Rom finanzieren. Die Kampagne organisierte in Deutschland der Dominikaner-Mönch Johannes Tetzel, und er begann ausgerechnet in Luthers Geburtsort Eisleben mit der Werbung.
  • Wollte sich der Papst mit der Kirche nur ein Denkmal setzen? Das floss sicher mit ein, aber der Hauptgrund war es nicht. Über dem Grab des Apostels Petrus – ein zentrales Ziel der Rom-Pilger – stand nur noch die Ruine der spätrömischen Basilika. Der Neubau war ins Stocken geraten, und die Bauarbeiten ruhten, weil kaum Geld verfügbar war. Ziel war es, nachdem durch die Eroberung von Konstantinopel (das alte Ostrom) 1453 die Kirche Hagia Sophia zur Moschee geworden war, ein zentrales und repräsentatives Gotteshaus der (westlichen) Christenheit zu bauen. Es -sollte nicht nur den Macht- und Führungsanspruch des Papsttums verkörpern, sondern auch den neuen Kunstsinn der Renaissance („Wiedergeburt“ aus dem antiken Geist) ausdrücken.
  • Kam das Geld überhaupt in Rom an? Nur zu einem geringen Teil. Denn der Ablass war zum politisch nützlichen Geschäft geworden. Das sah so aus: Der Hohenzoller Albrecht von Brandenburg war schon mit 23 (!) Jahren Erzbischof von Magdeburg geworden und wollte zusätzlich das reiche Erzbistum Mainz in seine Hand bekommen. Diese Ämterhäufung war verboten, Papst Leo X. ließ sie gegen eine hohe Geldzahlung aber zu. Das Augsburger Handelshaus der Fugger streckte die Summe vor, und Albrecht wollte sie – mit hohen Zinsen – aus den Ablass-Einnahmen zurückzahlen. Das Dreiecksgeschäft sollte geheim bleiben. Aber Luther machte in seiner Ablass-Kritik alles so öffentlich, dass kaum noch jemand Geld in einen Peters-Ablass stecken wollte.
  • Wie reagierte man in Rom auf die Opposition Luthers? Der wurde zunächst gar nicht als Gegner wahrgenommen. Dazu war Wittenberg auch viel zu weit entfernt. Am 31. Oktober 1517 soll Theologie-Professor Luther seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche von Wittenberg genagelt haben. Das ist unwahrscheinlich. Sicher ist: Er schickte sie auch an Albrecht von Brandenburg. Damit wollte er eine innerkirchliche, wissenschaftliche Debatte anstoßen – nicht Rom den Kampf erklären oder gar eine neue Kirche gründen. Er wollte auch – zunächst in seinem Orden – Reformen in der kirchlichen Lehre und Forschung einleiten.
  • Was wollte Luther genau erreichen? Die kirchliche Lehre war damals geprägt von der sogenannten Scholastik des Mittelalters. Das heißt: Es gab verbindliche Lehrsätze vor allem der frühen Kirchenväter wie Augustinus. Sie waren zu einem Kanon zusammengestellt und mussten unhinterfragt bleiben. Luther distanzierte sich davon. Für ihn galt: Die Heilige Schrift und die Texte der Kirchenväter müssen im Original studiert werden. Für diesen kritischen Umgang mit Texten stand der Humanismus, die führende geistige Erneuerungsbewegung der Zeit.
  • Das heißt: Luther wollte nur Gelehrte mit seiner Reform beschäftigen? Zunächst ja. Da seine Thesen gegen den Ablass aber – ohne seine Erlaubnis – gedruckt und verbreitet wurden, geriet die Debatte über den akademischen Kreis hinaus. Immer mehr Laien wurde der Inhalt bekannt. Unterdessen behandelte man die Sache in Rom als lästige Querele in der deutschen Provinz.
  • Aber warum kam es dann zu Streit und schließlich zur Spaltung? Die Kirche zeigte keinen Willen, sich mit Luthers Kritik ernstlich zu beschäftigen. Man sah durch das „Mönchsgezänk“ allein die Macht des Papstes gefährdet. Den Bruch brachte die Leipziger Disputation (Streitgespräch) zwischen Luther und dem Theologen Johannes Eck 1519. Dabei provozierte Eck den Heißsporn Luther derart, dass dieser Thesen des 1415 in Konstanz verbrannten Frühreformators Jan Hus in Schutz nahm. Jetzt hatte man Luther als „Häretiker“ (Vertreter einer Irrlehre) in der Falle. Es gab kein Zurück. 1520 folgte der römische Kirchenbann mit dem Auftrag, Luthers Schriften zu verbrennen. Den Bruch besiegelte der Reichstag von Worms 1521 mit Luthers Auftritt vor Kaiser Karl V. Den Satz „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ sagte Luther nicht. Was stimmt: Luther wurde für vogelfrei erklärt, das heißt: Jedermann durfte ihn festnehmen – und ausliefern.

Schon gewusst?

In Historienfilmen wird Geschichte gern verbogen. So auch im amerikanisch-britisch-deutschen Spielfilm „Luther“ von 2003. Dort schreitet Martin Luther, gespielt von Ralph Fiennes, ins Arbeitszimmer seines Schutzherrn und Förderers Friedrich der Weise, der von Peter Ustinov verkörpert wird. So schön es ist, wenn sich zwei Große gegenüberstehen (man denke an Napoleon und Goethe) – die Szene ist eine Fiktion. Kirchenhistoriker protestierten bereits bei den Dreharbeiten gegen die Zwangsbegegnung Luthers mit dem Kurfürsten von Sachsen, der übrigens schon 1525 – acht Jahre nach dem Thesenanschlag Luthers – starb. Sicher ist: Friedrich ließ Luther nach dessen eiliger Abreise vom Wormser Reichstag 1521 in den Schutz der Wartburg bei Eisenach bringen. Doch den Kontakt mit dem wenig diplomatischen, impulsiven Mönch mied er und schickte seinen Sekretär Georg Spalatin zu ihm. Es heißt, erst auf dem Sterbebett habe sich Friedrich zum Protestantismus bekannt.

Erneuerung und Widerstand

Martin Luther dachte die Beziehung zwischen Gott und den Menschen neu. Die Geschichtsbücher verwenden dafür immer dieselben Begriffe. Doch was bedeuten sie eigentlich und wo kommen sie her?

  • Reformation: Das lateinische Wort "reformatio" meint die Vorstellung, eine schlechte gegenwärtige Lage durch Rückkehr zu den guten und besseren Zeiten der Vergangenheit zu verändern. Im Mittelalter wurde "reformatio" oft für Kloster-Reformen verwendet. Die neuen Mönchsorden wollten den Verfall der Disziplin und des religiösen Lebens stoppen. Im späten Mittelalter wurde das Konzept der Notwendigkeit einer Reform auf die ganze Kirche angewandt. Die Konzilien und beinahe jeder Reichstag befassten sich mit einer reformatio. Das Konzil von Konstanz (1414–1418) betrachtete eine Reform der Kirche "an Haupt und Gliedern" als notwendig.
  • Luther und "Reformation": Luther selbst gebrauchte den Begriff selten. In seinen "Erläuterungen der 95 Thesen" stellte er fest: "Die Kirche braucht eine Reformation, die nicht das Werk eines einzelnen Menschen ist, nämlich des Papstes, oder von vielen Menschen, nämlich den Kardinälen – beides hat das jüngste Konzil gezeigt –, sondern es ist das Werk der ganzen Welt, ja es ist allein das Werk Gottes. Die Zeit freilich für diese Reformation kennt allein der, der die Zeit geschaffen hat." Manchmal gebrauchte Luther das Wort, um Verbesserungen der theologischen Lehre an den Universitäten anzumahnen.
  • Protestanten: Beim Reichstag von Speyer 1529 setzte Kaiser Karl V. einen Teil des Wormser Edikts von 1521 wieder in Kraft, das damals die "Reichsacht" gegen Luther erklärt hatte. Die Reichsacht bedeutete eine Ächtung und sozusagen den Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte, das heißt: Luther durfte als Vogelfreier überall festgesetzt werden. Dagegen wehrten sich sechs Fürsten, die der Reformation nahestanden, und 14 Reichsstädte als Minderheit mit einer "Protestation". Das war eine Schrift, in der die Unterzeichner erklärten, dass sie den Reichstagsabschied (das offizielle Ergebnis der Beratungen) für null und nichtig erachten. Daher nannte man alle Anhänger der reformatorischen Bewegung fortan "Protestanten".