„Das Kirchenfenster“, sagt Klara Kimmich, „müssen Sie sich mal genau anschauen“. Ihr Arm weist quer durchs Schiff der Allensbacher Gnadenkirche über den Altar. Das Kirchenfenster: Jesus Christus an der Seite des Herrn. Ein klassisches Motiv. Was ist daran so besonders? „Er sitzt zur Linken Gottes!“, betont sie mit sanfter Entrüstung in der Stimme. „Nicht zur Rechten! Die haben das falsch herum eingebaut!“

Man könnte in ihrem Ausruf Schadenfreude vermuten. Diese Protestanten wieder: Errichten eine neue Kirche und verwechseln ausgerechnet beim wichtigsten Fenster Vorder- und Rückseite! Doch so ist es nicht. Denn Frau Kimmich hatte mitgebaut, damals Ende der Neunzigerjahre.

Ihr Mann war in der Gemeinde am Bodensee zwölf Jahre lang im Kirchengemeinderat, jeden Sonntag gingen sie hier in den Gottesdienst. Er Protestant, sie Katholikin: Spielt dieser Unterschied überhaupt noch eine Rolle, 38 Jahre nach der Hochzeit? Ist er überhaupt noch von Bedeutung, 500 Jahre nach der Reformation?

Als sie heirateten, sagt Reinhard Kimmich und stützt sich auf eine Kirchenbank, seien konfessionsübergreifende Beziehungen noch problematisch gewesen. „Mein Vater war früh gestorben, ich musste ihn in meiner Familie ersetzen. Da war es für meine Mutter schon schwierig genug, dass überhaupt eine Frau in mein Leben trat. Dass sie auch noch katholisch war, machte die Sache nicht besser.“

Ihre Mutter, erzählt Frau Kimmich, habe von der Existenz ihres evangelischen Freundes kurz vor Fronleichnam erfahren. „Während der ganzen Fronleichnams-Prozession wandte sie sich demonstrativ ab und sprach kein Wort mit mir!“

In der Familie ließen sich die Gräben früh zuschütten. Zur katholischen Hochzeit 1979 reiste auch ein evangelischer Pfarrer an, wenngleich sich sein Beitrag in überschaubaren Grenzen hielt. „Der fühlte sich ein bisschen wie ein Statist“, sagt Herr Kimmich.

In ihrem früheren Wohnort bei Karlsruhe allerdings hielten sich die Kimmichs lieber an die evangelische Kirche. „Es wäre unmöglich gewesen, die Familie in einen katholischen Gottesdienst zu bekommen“, sagt Frau Kimmich: „Noch in den Achtzigerjahren diskutierte man in Gemeinden wie dieser über die Frage, ob die evangelische Kirche überhaupt dazu berechtigt ist, Glocken zu läuten.“ In einem solchen Umfeld fiel ihnen die Entscheidung für ihre eigenen Kinder leicht. Alle vier wurden evangelisch getauft.

Würde er diese Entscheidung heute immer noch so treffen? Herr Kimmich blickt aus dem Seitenfenster über den naheliegenden Gnadensee. „Damals“, sagt er, „haben wir uns von solchen atmosphärischen Dingen leiten lassen. Heute denke ich manchmal, dass die katholische Kirche es besser versteht, Kinder an sich zu binden.“ Für evangelische Jugendliche sei das Thema Kirche nach der Konfirmation meist beendet. Katholische Jugendliche dagegen blieben von der Kommunion bis zur Firmung mit der Kirche in Kontakt.

Er frage sich heute oft, warum Kirche seinen Kindern so wenig bedeute. „Sie kommen nur noch an Weihnachten und Ostern mit“, sagt er. „Aber nur in die katholische“, wirft seine Frau ein: „weil der Gottesdienst dort feierlicher ist!“ Es hat sich viel geändert seit jenen Zeiten, als man noch über Berechtigungen zum Glockenläuten stritt. Heute müssen beide Kirchen froh sein, wenn junge Menschen sich überhaupt noch einer von ihnen anschließen wollen.

Die Kimmichs gehen aktuell öfter in die katholische Kirche von Allensbach. Der dort wirkende Pfarrer überzeuge sie einfach mehr. Wenn Herr Kimmich erklärt, was er damit meint, fallen Worte wie „interessante Sichtweisen“ und „aufschlussreiche Informationen“. Es hört sich an, als besuche er ein akademisches Seminar. Das mag in seiner Laufbahn als Chemieprofessor begründet sein. Ist es auch Ausdruck typisch protestantischer Rationalität?

„Ja, da ist er schon anders als ich“, sagt seine Frau und lacht. Doch als sie beschreiben soll, worin dieses Andere besteht, ringt sie nach Worten. „Es ist vielleicht der Unterschied zwischen einem theoretischen und einem praktischen Zugang“, meint sie schließlich. Sie selbst orientiere sich enger an der Bibel und ihrer Exegese selbst, vor allem mithilfe der Werke von Hans Küng. Ihr Mann dagegen suche Anregungen auch bei ganz anderen Quellen, etwa im Umkreis des Neuoffenbarers Emanuel Swedenborg.

So lassen sich die einst so bedeutenden Unterschiede zwischen katholisch und evangelisch allenfalls noch in mentalen Prägungen erahnen. „So ein typisch katholisches Ritual wie die Fasnacht bleibt mir fremd“, sagt Herr Kimmich. „Aber du machst immer mit!“, wirft seine Frau ein. „Ja“, erwidert er: „Um mich zu integrieren!“ Auch im Gottesdienst macht er immer mit, geht als Protestant zur katholischen Kommunion. Der Pfarrer habe ihn dazu eingeladen, sagt er.

Was steht bei all diesem harmonischen Miteinander eigentlich noch einer Einheitskirche im Wege? „Nichts“, sagt Frau Kimmich beim Verlassen der Kirche. „Es gibt doch längst keine Berührungsängste mehr.“ Im Gegenteil. „Alle sollen eins sein“, heißt es im Evangelium nach Johannes: „Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast.“ Frau Kimmich interpretiert diese Bibelstelle als Appell für die Einheitskirche.

Sie selbst haben ihre unterschiedlichen Konfessionen in all den Jahren als Bereicherung empfunden. „Nur, wenn man ihn immer wieder hinterfragt, bleibt der Glaube auch lebendig“, sagt Frau Kimmich draußen vor der Tür.

Sie blickt noch einmal zum falsch eingebauten Fenster. Von außen betrachtet sitzt Christus jetzt auf der rechten, der richtigen Seite Gottes. Es sieht aus wie das Sinnbild einer konfessionsübergreifenden Ehe. Ob man das Fenster zu einer höheren Macht von innen oder von außen, von vorne oder von hinten, aus katholischer oder aus evangelischer Perspektive betrachtet: Am Glauben selbst ändert das nichts.