Uwe Stürmer war viereinhalb Monate alt, als ihn ein Mann durch den Tunnel ans Licht in die Freiheit trug: Die Knie des Fluchthelfers sollen geblutet haben, als er, den Säugling auf den Armen, im Untergrund 135 Meter von der Schönholzer Straße im Osten Berlins zur Bernauer Straße in den Westen kroch. Ein Team von Tunnelgräbern um die italienischen Studenten Domenico Sesta und Luigi Spina und den kurz zuvor aus der DDR geflüchteten Studenten Hasso Herschel hatte den Tunnel 29 binnen mehrerer Monate gegraben. Es wurde der berühmteste Fluchttunnel. 

Erste Begegnung: Das Baby Uwe Stürmer wird dem Vater im Westteil Berlins in der Bernauer Straße übergeben. Bild: privat
Erste Begegnung: Das Baby Uwe Stürmer wird dem Vater im Westteil Berlins in der Bernauer Straße übergeben.

Vater Claus Stürmer hatte sich den Männern angeschlossen, um seine Familie in den Westen Berlins zu holen. Ein Kamerateam der britischen BBC filmte die dramatischen Minuten des 15. September 1962, als das Baby aus dem dunklen Loch getragen wurde. Es folgte die Mutter des Kindes und die damals nur zwei Jahre alte Schwester. Uwe Stürmers Vater nahm seinen Sohn zum ersten Mal in die Arme – eine Szene, die den inzwischen 82-Jährigen noch immer tief berührt. Er wohnt heute zusammen mit Ehefrau Inge in Weingarten. Die Mauer hatte die junge Familie auseinandergerissen, nach einer missglückten Flucht, bei der Claus Stürmer zwar in den Westen der Stadt fliehen konnte, seine schwangere Frau und Tochter Kerstin aber zurückblieben und festgenommen wurden. 

Beklemmend eng: Durch diesen Tunnel flohen 29 Menschen. <em>Bild: Ullstein</em>
Beklemmend eng: Durch diesen Tunnel flohen 29 Menschen.

„Ich hab natürlich keine Erinnerungen daran“, sagt Uwe Stürmer, 55, der zur Zeit das neue Polizeipräsidium Ravensburg aufbaut. Er erfuhr alles nach und nach, in Versatzstücken, bis sich ihm die ganze Dimension erschloss, als die Mauer fiel und das DDR-Regime zusammenbrach. Die dramatische Flucht von 29 Menschen wurde schon oft erzählt, Claus und Inge Stürmer schilderten sie mehrfach in den Medien, gingen als Zeitzeugen in Schulklassen. Sie erzählten von der fünf Monate dauernden Haft der schwangeren Mutter im berüchtigten Gefängnis Hohenschönhausen, von der Trennung von ihrer damals einjährigen Tochter. Es geht um die Grabungen unter der Mauer von West nach Ost, an denen sich Vater Stürmer bis zu 16 Stunden täglich beteiligt hatte. Es geht um die riskante Kontaktaufnahme zu seiner Frau über einen Pfarrer aus Stuttgart, die dramatischen Stunden vor der Flucht, die für die Stürmers beinah erneut schiefgegangen wäre. Dass er ein Flüchtlingskind war, wurde Uwe Stürmer erst später bei seiner Einschulung bewusst. „In meinem Personalausweis stand als Geburtsort Ost-Berlin“, erinnert er sich. „Da wurde ich in der Schule gefragt: Wo kommst denn du her, wenn da Ost-Berlin drin steht?“ 

Glücklich im Westen: Inge und Claus Stürmer 1963 mit Uwe (li.) und Schwester Kerstin. <em>Bild: privat</em>
Glücklich im Westen: Inge und Claus Stürmer 1963 mit Uwe (li.) und Schwester Kerstin.

Welche Entbehrungen seine Eltern auf sich genommen hatten, welche Risiken sie eingegangen waren, blieb ihm aber lange Zeit verborgen. Als die Mauer 1961, also ein Jahr vor der Flucht, gebaut wurde, hatten seine Eltern das anfangs belächelt. „Man kann eine Stadt nicht einfach zerschneiden“, habe sein Vater ungläubig gesagt. „Sie haben das anfangs nicht ernst genommen.“ Nach einigen Wochen wurde den Stürmers aber die Lage bewusst. Es kam zu einem Ereignis, das das Leben der Familie verändern sollte: Der Geburtstag von Vater Claus Stürmer fiel 1961 auf den Tag der Volkskammerwahl in der DDR. Erscheinen war Pflicht. Man überreichte dem Geburtstagskind einen Blumenstrauß. „Mein Vater ist da vielleicht etwas hitzköpfig. Er nahm die Blumen und warf sie denen vor die Füße mit den Worten: Die könnt ihr den Grenzern geben, die uns so gut bewachen.“ Von da an hatte er sich als Regimefeind zu erkennen gegeben. 

Gruselig: Ein Gang mit Blick auf die Zellentüren im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen. Bild: dpa
Gruselig: Ein Gang mit Blick auf die Zellentüren im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen. | Bild: Philipp Laage

Schon Jahre davor hatte in den Köpfen der Eltern der Prozess der Entfremdung stattgefunden. Als gelernter Metzger war der Vater eigentlich ein idealer Repräsentant des Arbeiter- und Bauernstaates. Die Eltern waren im Nachkriegs-Berlin gut situiert, lebten in einer eigenen Gartenlaube. Als die Wasserleitung im Januar 1958 einfror, taute sie Vater Claus mit einem Lötkolben auf. Anschließend gingen die Stürmers zum Mittagessen – und die Gartenlaube fing Feuer. „Der Schaden war überschaubar, zwischen 70 und 100 Mark“, weiß Uwe Stürmer aus Erzählungen und aus der Stasi-Akte der Eltern, die sie später einsehen konnten. Die Angaben waren widersprüchlich, teilweise ausgedacht und schon damals, 1958, mit Banalitäten gespickt. „Da machten die solch einen Akt draus wegen angeblich fahrlässiger Brandstiftung an der eigenen Gartenlaube“, sagt Uwe Stürmer. „Es wundert nicht, dass die an sich selbst zugrunde gegangen sind.“ 

Dass das Leben der Stürmers anders verlaufen war als bei den meisten Familien in Oberschwaben, wurde nach der Flucht schon beim Blick auf die Verwandtschaft deutlich. „Die lebte komplett in der DDR“, erinnert sich Uwe Stürmer, der als Zehnjähriger zum ersten Mal dorthin reisen durfte, als Folge der Ost-Verträge Willy Brandts. „Da habe ich dann Opa, Oma, Onkel und Tante kennengelernt“, so Uwe Stürmer, der noch heute mit gemischten Gefühlen an die Reise denkt. „Als Kind ist es nicht besonders schön, wenn man eigentlich daheim spielen will, und man wird dann allen möglichen Verwandten vorgestellt.“ Die Kindheitserinnerungen an den Besuch sprechen Bände: Die Häuserfassaden waren grau und schmucklos, die Gummibärchen schmeckten nach Dichtungsgummi. Der Junge spürte, dass das keine privilegierte Gegend war. Eine enge Beziehung baute sich nicht mehr auf.

Bis zum Ende der DDR Angst um die Verwandten

Als Kind habe er eine ganz andere Perspektive gehabt denn als Erwachsener, so Uwe Stürmer. In Weingarten hatte es Familie Stürmer „nicht üppig“, und in seiner Erinnerung wollten die Eltern wegen ihrem schlechten Gewissen der Verwandtschaft möglichst viel zukommen lassen. „Wenn man dann mal 20 Tafeln Schokolade ins Paket einpackt, ist man als Jugendlicher ein bisschen kritisch.“Als er mit 17 zur Polizei wollte, war sein Vater zunächst „nicht übermäßig begeistert“. Uniformen und staatliche Organe schienen Claus Stürmer nicht geheuer, seine Erfahrungen hinterließen ein tiefes Misstrauen. Die Flucht hatte Uwe Stürmer aber in ihrer ganzen Dimension erst erfasst, als die Mauer 1989 fiel. „Jahrelang war das bei uns daheim kein Thema. Denn die Flucht selber war für meine Eltern ein traumatisches Ereignis.“ Schließlich hatten sie auf ihrer Tunnelflucht Todesängste ausgestanden, der Vater wurde zeitweise als Spitzel verdächtigt. Bis zum Ende der DDR hatten die Eltern Angst, ihnen oder den Verwandten in der DDR könnte etwas passieren, erinnert er sich. „Erst als die Mauer fiel, konnten sie offener damit umgehen.“

Die Flucht war eine Verzweiflungstat, wer gräbt schon unter solchen Entbehrungen und mit solch einem Risiko einen 135 Meter langen Tunnel? Am 14. und 15. September 2012, dem 50. Jahrestag, wurde eine Gedenktafel an dem Haus in der Schönholzer Straße enthüllt. Uwe Stürmer hatte damals seine Eltern zu einer Veranstaltung der ‚Berliner Unterwelten’, eines gemeinnützigen Vereins, der unterirdische Anlagen in der Hauptstadt dokumentiert, begleitet. Dort trafen sich die einstigen Tunnelgräber. „Das war berührend“, sagt er: „Diese mehr oder weniger ergrauten Menschen zu sehen. Einige trafen sich das erste Mal seit damals wieder.“

Nach der geglückten Flucht wurden die Stürmers vom damaligen Regierenden Bürgermeister Willy Brandt empfangen. Sie bekamen silberne Grapefruit-Löffel und einen Kinderwagen für den kleinen Uwe. Gefragt, wohin sie denn umziehen wollten, entschied Mutter Inge: möglichst weit weg. Ihre Wahl fiel auf das badische Freiburg. Schon weil im Namen so viel Freiheit mitschwang, sagt Uwe Stürmer. Dort kamen sie mit ihren beiden Kindern an und bauten sich ihr neues Leben auf.

Der Tunnel wurde erst Wochen nach der Flucht von DDR-Soldaten entdeckt. Die Mutter hatte einen Brief an den Schwiegervater im Osten verfasst und bat um Verständnis, dass sie lange nichts erzählt hatte. Erst über den Brief erfuhr die Stasi von dem Tunnel. Als man den Zugang entdeckte, fuhr ein Betonwagen vor und verfüllte den Eingang.

„Natürlich bin ich im Rückblick dankbar, dass mir das Aufwachsen in der DDR erspart geblieben ist“, resümiert Uwe Stürmer. „Ich habe mich natürlich gefragt, ob ich in diesem Staat Volkspolizist geworden wäre: Ich weiß es nicht.“ Der Lebensverlauf hängt manchmal an einem seidenen Faden. „Ich bin dankbar für die Ausbildung bei der Polizei und für das rechtsstaatliche Verständnis, das bei uns heute im vereinigten Deutschland vorherrscht.“

 

Das Tunnelsystem

Am 13. August 1961 begann das SED-Regime mit dem Bau der Berliner Mauer. Es gab 70 begonnene Fluchttunnel-Vorhaben, von denen nur 19 glückten. Über 300 DDR-Bürger gelangten durch die Tunnel von Ost- nach West-Berlin. Am erfolgreichsten waren der Tunnel 29 und der Tunnel 57 (beide benannt nach der Anzahl der dadurch geflüchteten Personen) zwischen der Bernauer Straße 97 und der Strelitzer Straße 55 in Ost-Berlin. Er wurde nach nur einem Tag von der Stasi entdeckt und geschlossen. Während der Tunnelfluchten kam es zu mindestens vier Todesfällen und über 200 Verhaftungen. Unsere Grafik zeigt einen Stück des Mauerverlaufs und den Standort des Tunnel 29. (bea; Quelle: www.berliner-unterwelten.de; Wiki)